Tarnation

Tarnation“ gehört zu den außergewöhnlichsten Dokumentarfilmen der vergangenen Jahre. Überflutet mit Familienfotos, Super-8-Ausschnitten und Videoaufnahmen verarbeitet der junge Filmemacher Jonathan Caouette schonungs- und distanzlos 20 Jahre seines Lebens und die Beziehung zu seiner psychisch kranken Mutter als filmische Selbsttherapie in einem emotional intensiven Doku-Experiment. Auf den Filmfestivals von Cannes und Sundance und bei der amerikanischen Kritik sorgte dieses Selbstportrait eines beschädigten Lebens, das u.a. von Gus van Sant co-produziert wurde, für Furore.

Webseite: www.arsenalfilm.de/tarnation/

USA 2003
Regie, Kamera und Buch: Jonathan Caouette
Länge: 88 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 27.4.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein Bilderrausch, am iMac aus autobiografischen Super-8- und Videofilmen komponiert: Fotos, Home-Drag-Shows und schlichte Familienbilder verbinden sich zu einem finsteren Musical über einen Sohn und seine manisch-depressive Mutter. – Herausragend.
Tip Berlin

FILMKRITIK:

„Tarnation“ ist ein Film, der aus der Notwendigkeit entstanden ist, ein persönliches, völlig distanzloses Reality-Dokument über das Überleben. 20 Jahre hat der mittlerweile 33jährige Filmemacher Jonathan Caouette sein beschädigtes Leben, sich selbst und seine Familie, gefilmt – und ordnet und verarbeitet die Erschütterungen der Vergangenheit damit in doppelter Hinsicht. Mit iMovie, einem einfachen, herkömmlichen Schnittprogramm, hat er „Tarnation“ zu einer ungewöhnlichen Mischung aus Selbsttherapie und experimenteller Videokunst collagiert. Dabei breitet er, unterstützt von seinem Produzenten, dem Independent-Regisseur Gus van Sant,  schonungslos und mit verstörender Schönheit seine eigene Vergangenheit aus, all die Krisen und familiären Katastrophen, die Zusammenbrüche und Misshandlungen, immer mit einer großen Liebe für seine psychisch kranke Mutter Renée und ohne jemals gänzlich die Hoffnung aufgeben zu wollen.

 

Caouette überflutet sein angeblich genau 218,32 Dollar teures Debüt, das wie ein Widerhall auf die Werke von Regisseuren von David Lynch bis Andy Warhol wirkt, mit privaten Familienfotos, mit heraus gekramten, frühen Super-8-Ausschnitten, mit Videoaufnahmen und eigenen kurzfilmischen Gehversuchen. Er unterlegt es dauerhaft mit einem melancholischen Gitarrenpopteppich, multipliziert Bilder, die dann die ganze Leinwand füllen und erzählt sein Leben mit einfachen Sätzen, die er in Zwischenschnitten einfügt. Es beginnt bei den Großeltern, der Kindheit seiner Mutter und dem Versprechen eines viel versprechenden Lebens, das nicht eingelöst wird. Nachdem Renée mit zwölf Jahren vom Dach ihres Hauses in Texas fällt, werden ihre Lähmungen mit elektronischen Schockbehandlungen behandelt, die zu langfristigen schizophrenen Störungen führen. In loser Chronologie gibt Caouette packend Einblicke in seine schwule Biografie, seine Kindheit und seine Jugend als eine Reihe traumatischer Erfahrungen. Als er noch klein ist, muss er mit ansehen, wie seine Mutter vor seinen Augen vergewaltigt wird. Während sie immer wieder in Nervenkliniken behandelt wird, wächst Caouette, der als Teenager durch die Ereignisse selber auch psychisch erkrankt, bei seinen Großeltern auf.

Als Elfjähriger filmte sich Caouette zum ersten Mal in einem eindringlichen Rollenspiel als eine verfolgte, verwirrte Frau, weinte vor der Kamera und schluchzte. Das letzte Drittel von „Tarnation“ entstand in New York, wo er mit seinem Freund David zusammen gezogen ist und wo weniger rauschhaft die Bemühungen um seine Mutter im Zentrum stehen, die Konfrontation seines leugnenden Großvaters mit Renées Misshandlungen und die erste Begegnung Jonathans mit seinem leiblichen Vater. „Tarnation“ wird dabei zum emotional aufwühlenden und überaus intimen Blick in aus dem Gleichgewicht geratene Seelen, wie man ihn so wohl noch nicht gesehen hat.

Sascha Rettig