Tengri – Das Blau des Himmels

Nur selten zuvor hat ein Spielfilm die entlegene Bergwelt Kirgisistans erkundet. „Tengri – Das Blau des Himmels“ entführt den Zuschauer in eine archaische, von Männern bestimmte Welt, in der die Moderne allenfalls im Schneckentempo Einzug zu halten scheint. Im Gegensatz zu den imposanten Landschaftsaufnahmen weiß die eigentliche Liebesgeschichte zwischen einem desillusionierten Seemann und einer jungen, verheirateten Frau nie wirklich zu fesseln.

Webseite: www.tengri.alpha-medienkontor.de

Frankreich/Deutschland/Kirgisistan 2008
Regie: Marie-Jaoul de Poncheville
Drehbuch: Marie-Jaoul de Poncheville, Jean-François Goyet, Azamat Kadyraliev
Darsteller: Ilimbek Kalmouratov, Albina Imasheva, Taalai Abazova, Busurman Odurakaev
Laufzeit: 98 Minuten
Kinostart: 20.8.2009
Verleih: alpha medienkontor
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Arbeit als Fischer und auf See bringt dem jungen Kasachen Temür (Ilimbek Kalmouratov) trotz aller Anstrengung viel zu wenig ein, um wirklich davon leben zu können. Er beschließt den Aralsee zu verlassen, seine alte Arbeit aufzugeben und in sein Heimatdorf in den kirgisischen Bergen zurückzukehren. Seitdem er dieses einst verließ, hat sich dort einiges verändert. Viele Bewohner sind in der Zwischenzeit weggezogen. Bei seiner Ankunft erfährt Temür, dass sein Vater bereits vor einigen Jahren gestorben ist. Ganz plötzlich kommt ihm die Siedlung, die einst sein Zuhause war, seltsam fremd und anders vor.

Gerade, als es den Anschein hat, dass ihn dort nichts und niemand halten könne, lernt er die 18jährige Amira (Albina Imasheva) kennen. Und es geschieht, was eigentlich nicht hätte geschehen dürfen. Nach ersten, eher zögerlichen Versuchen der Kontaktaufnahme kommen sich beide näher. Die junge Frau flüchtet sich in Temürs Arme, während ihr Ehemann (Busurman Odurakaev), ein strenggläubiger Moslem, für die Mudschaheddin im benachbarten Afghanistan kämpft. Natürlich bleibt die schüchterne Liebelei nicht lange geheim und so sehen sich Temür und Amira letztlich gezwungen, die Siedlung zu verlassen.

Obwohl die Französin Marie-Jaoul de Poncheville mit „Tengri – Das Blau des Himmels“ ihren ersten Spielfilm inszeniert, scheint sie bereits ganz genau zu wissen, wie sie die raue Bergwelt Kirgisistans möglichst eindringlich und imposant in Szene setzt. Nun macht es ihr die atemberaubende Landschaft im Gegenzug auch nicht allzu schwer. Nahezu jede Einstellung wäre es wert, dass man sie als Postkartenmotiv verewigt. Das satte Grün der Wiesen und die endlose Weite der Steppe geben jedoch mehr als nur eine hübsche Kulisse ab. Sie sind so etwas wie die heimlichen Hauptdarsteller dieser an sich doch recht unspektakulären Liebesgeschichte, die auf einem Roman des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatov beruht.

Die Landschaft und die zum Teil Jahrhunderte alten Traditionen haben auch Temür und Amira geformt, geprägt und in ihrem Denken beeinflusst. Als Außenstehender erhält man eine ungefähre Ahnung, wie sehr traditionelle Moralvorstellungen und Rollenbilder bis heute den Alltag dieser Menschen bestimmen. Insbesondere die Episode um Amiras ältere Schwester Uljan (Taalai Abazova) ist hierfür ein eindrucksvoller Beleg. Ohne gleich in einen semi-dokumentarischen Duktus zu verfallen, versucht sich de Poncheville, der kulturellen Identität ihrer Protagonisten zu nähern. Zu dieser gehört neben folkloristischen Gesängen und Tänzen auch ein respektvoller Umgang mit der Natur. Ihre Entscheidung, die Nebenrollen vorwiegend mit Laiendarstellern zu besetzten, unterstützt einerseits den postulierten Authentizitätsgedanken, andererseits wirken dadurch manche Szenen etwas ungelenk und steif.

Während es auf der Bildebene manches zu entdecken gibt und der von vielen Älteren gefürchtete Einbruch der Moderne für heitere Zwischentöne sorgt, verharrt die verbotene Romanze zwischen Amira und Temür in einem seltsamen, letztlich unbefriedigenden Schwebezustand. An den Schauspielern lässt sich diese emotionale Blockade allerdings nicht festmachen. Ilimbek Kalmouratov und Albina Imasheva füllen ihre jeweiligen Rollen recht überzeugend aus. Vielmehr fehlt es schlichtweg an intensiven Momenten der Zweisamkeit. Eine neckische Spielerei im Heu ist da zu wenig. Und so sind es vor allem die Schauwerte, die von diesem Film in Erinnerung bleiben.

Marcus Wessel