The Grandmaster

Lange hat es gedauert, nun ist Wong Kar Wais Kung Fu-Epos „The Grandmaster“ endlich fertig und eröffnete die Berlinale. Einerseits betritt der Regisseur mit seinem zehnten Film Neuland, bleibt sich aber in vielerlei Hinsicht treu und liefert einen typischen Wong Kar Wai-Film ab: Bildgewaltig, melancholisch, bisweilen undurchschaubar erzählt, aber stets hoch emotional.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Hong Kong/ China 2012
Regie, Buch: Wong Kar Wai
Darsteller: Tony Leung, Zhang Ziyi, Chang Chen, Wang Qingxiang, Shang Tielong, Zhao Benshan
Länge: 120 Minuten
Verleih: Wild Bunch
Kinostart: 27.6.2013

PRESSESTIMMEN:

"…opulent …Ein schwereloser Genuss."
STERN

FILMKRITIK:

Seit langen Jahren hatte der in Shanghai geborene Wong Kar Wai den Wunsch, einen Film über den legendären Ip Man zu drehen, einen Großmeister der chinesischen Kampfkunst Wing Chun, im Westen besser bekannt als Kung Fu. Dass Wong, der sich Mitte der 90er Jahre mit flirrenden, impressionistischen Großstadtdramen wie „Chungking Express“ und „Fallen Angels“ einen Namen gemacht hatte, ein auch nur ansatzweise klassisches, konventionelles Biopic drehen würde, war allerdings nicht zu erwarten. Und so ist „The Grandmaster“ vieles: Biographischer Film, Historiendrama, Martial Arts-Film, melancholisches Liebesdrama.

Zwar erzählt Wong so linear wie selten zuvor, einfach ist die Geschichte von „The Grandmaster“ dennoch nicht: In der ersten Stunde liegt der Fokus auf dem 40jährigen Wing Chun-Experten Ip Man (Tony Leung), der 1936 mit Frau und Kindern in der südchinesischen Stadt Foshan lebt. Seine Zeit vertreibt er sich mit Kung Fu-Kämpfen und in Bordellen, doch nun soll er zum Nachfolger von Gong Baosen gemacht werden, dem Anführer der nordchinesischen Kampfkunst. Bevor Ip Man jedoch in den Norden reisen kann, kommt der Krieg dazwischen, der das Schicksal von Familien und ganzen Nationen beeinflussen wird. Vorher jedoch trifft er auf Gong Er (Zhang Ziyi), der Tochter von Gong Baosen, die von ihrem Vater das Talent zum Kämpfen geerbt hat – aber viel emotionaler ist. Ihr Kampf gegen Ip Man zählt zu den Höhepunkten des Films: In schwereloser Choreographie werden die Körper inszeniert, eingefangen in makellosen, stilisierten Bildern, die den Kampf wie einen Balztanz erscheinen lassen.

Doch wie so oft bei Wong Kar Wai, bleibt die Begierde unerfüllt. Der Krieg trennt das Paar, das augenscheinlich füreinander bestimmt ist, und reißt die Figuren in jene tiefe Melancholie des unerfüllten Verlangens, die stets im Mittelpunkt von Wongs Filmen stand. Hinzu kommt der Verlust der Heimat, das unfreiwillige Exil, in das Ip Man ebenso fliehen muss, wie es einst Wong Kar Wai selbst erlebte, als seine Familie nach Hong Kong emigrierte.

Trotz aller oft durch Voice Over oder Einblendung von Daten und Orten angedeuteten historischen Genauigkeit: Im Herzen ist „The Grandmaster“ ein intimes Drama, das sich allerdings immer wieder zu epischer Größe aufschwingt. Ganz besonders in der zweiten Hälfte, in der Gong Er im Mittelpunkt steht und damit die außerordentliche Zhang Ziyi. Schon in Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“, Zhang Yimous „Hero“, aber auch Wong Kar Wais „2046“ war die Schauspielerin zu sehen, doch nun, einige Jahre später, einige Jahre reifer, nicht mehr nur zart und zerbrechlich wie in ihren ersten Filmen, sondern mit ersten Spuren des Lebens, ist sie mehr als eine atemberaubend schöne Erscheinung. Während Wongs Lieblingsschauspieler Tony Leung diesmal etwas blass und unnahbar bleibt, ist Zhang Ziyi das emotionale Zentrum des Films.

Soweit man in der episodischen Erzählweise Wongs überhaupt von einem Zentrum sprechen kann. Hin und her geht es zwischen Figuren und Orten, und da Wong sich auch keinerlei Mühe gibt, Details der chinesischen Geschichte für westliche Zuschauer zu erklären, bedarf es einiger Aufmerksamkeit und viel Vorwissen, um im Wust der Bezüge nicht den Überblick zu verlieren. Es mag ein bisschen viel sein, was Wong hier versucht: Einerseits überdrehter Martial Arts Film, in dem Menschen durch Fenster fliegen und die Helden gegen ein Dutzend Gegner bestehen, dazu biographisches Historiendrama und vor allem melancholische Liebesgeschichte. So gut wie in seinen besten Filmen gelingt es diesmal nicht, aus vielen für sich genommen eindrucksvollen Szenen einen runden Film zu formen. Doch die visuelle und emotionale Qualität vieler dieser Einzelszene ist so groß, dass „The Grandmaster“ trotz der bisweilen etwas zerfahrenen Geschichte höchst eindrucksvolles Kino bleibt.

Michael Meyns

30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Foshan, eine Stadt in Südchina und gleichzeitig Konzentrationspunkt südchinesischer Kampfkunst. Der nordchinesische Kung Fu-Meister GONG Bao-sen kommt nach Foshan, um seinen Rücktritt zu erklären. Einem alten Ritual zufolge muss der beste Südchinese mit ihm einen Kampf bestreiten. Es ist IP Man – der den Kampf gewinnt. GONG Er, die Tochter des Verlierers, will die Ehre ihres Vaters wieder herstellen.

IP Man und GONG Er kommen sich näher.

Die Japaner besetzen einen großen Teil Chinas. IP Man und seine Familie verlieren ihr ganzes Besitztum. In Nordchina soll MAN San Nachfolger von GONG Bao-sen werden. Doch ersterer kollaboriert mit den Japanern. Nicht zuletzt deshalb kommt GONG Bao-sen zu Tode. GONG Er schwört ewige Rache.

Sie, die Ärztin und ebenfalls äußerst geschickte Kung Fu-Kämpferin, und IP Man, Leiter einer Kunstkampfschule, leben nach dem Sieg von Maos Kommunisten in Hongkong. Doch ihrer Liebe ist kein dauernder Erfolg beschert.

WONG Kar-wai, das ist bekannt, gibt sich nicht mit gewöhnlichen Filmen ab. Auch hier präsentiert er etwas Besonderes (Berlinale-Eröffnung 2013). Zum Teil ist die erzählte Geschichte reell, und es ist schon erstaunlich, wie er sich filmisch in jene Zeit hineingefühlt und hineinversetzt hat. Acht Jahre Vorbereitungen waren nötig, vor allem auch für die Akteure, die Kämpfer, die Stuntmen, denn die vielfältigen Kung Fu-Szenen (und diversen Kampfstile) sind zum großen Teil sensationell. Das gilt zudem für die Aufnahmen davon.

Dann die (Kampf-)Choreographie, die reichhaltigen Farben, die üppigen Gewänder, die Ausstattung überhaupt.

Klar, man muss sich die asiatische Mentalität, den getragenen Rhythmus, die Redundanzen gefallen lassen, sonst hat man nichts davon. Doch faszinierendes Kino ist das allemal.

Das trifft auch für die Darsteller zu. Dass eine Frau wie ZHANG ZI-Yi als GONG Er Kung Fu derart beherrschen kann, bringt beim Betrachter den Atem zum Stocken. Von Tony LEUNG als IP Man ist man es wenigstens gewohnt.

Ein faszinierendes, wenn auch gewöhnungsbedürftiges historisches Kung Fu-Spektakel.

Thomas Engel