The Man from London

Filmkunst, die sich über fast zweieinhalb Stunden ausdehnt, kann sehr lang sein. Die zeitlupenhafte Schwarz-Weiß-Version des gleichnamigen Schuld-und-Sühne-Romans von Georges Simenon droht im Formalismus zu erstarren. Der lebensleere film noir des für experimentelle Filmwerke bekannten Ungarn Béla Tarr richtet sich vor allem an hartgesottene Filmkunstliebhaber.

Webseite: www.basisfilm.de

Ungarn / F / D 2007
Regie: Béla Tarr
Kamera: Fred Keleman
Darsteller: Miroslav Krobot, Tilda Swinton, Erika Bók, István Lénárt, János Derzsi, Ági Szirtes
Verleih: Basis-Film
Länge: 139 Min.
Kinostart: 12.11.2009

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dichter Nebel wabert durch die schäbige Stadt am Rande des Meeres und durch die Gemüter ihrer Bewohner. Mürrisch und schweigsam absolviert hier der Rangiermeister Maloin seine eintönige Arbeit. Als er in dieser Nacht von seinem Stellwerkturm in den Hafenbahnhof hinabblickt, sieht er düstere Dinge. Zwei Männer rangeln sich um einen Koffer, einer fällt samt dem Gepäckstück ins Wasser, der andere flüchtet ins nahe Hafenhotel. Maloin steigt herab, fischt nur den Koffer aus dem Wasser und entdeckt kurz darauf, dass der mit britschen Pfundnoten vollgestopft ist. Was könnte er alles mit dem Geld machen? Aber Maloin ist ein Verdammter, ein Gespenst seiner selbst. Unfähig die Chance zu ergreifen, zieht er seine gewohnten Kreise durch die Stadt, tyrannisiert Frau (Tilda Swinton, latent explosiv in Kittelschürze) und Tochter und spielt Schach mit dem Wirt des Hafenhotels. Bis ein uralter Detektiv, „der Mann aus London“ auftaucht, der unerbittliche Fragen stellt, um das Geld zurückzubekommen.

Weniger eine Handlung, als diffuse Bewusstseinszustände bestimmen den Verlauf. Maloin ist in einen Kampf mit sich selbst verstrickt, vermutlich seit jeher, und in den wenigen Personen um ihn brodelt es auch gewaltig. Menschen, die sich stumm und lethargisch wie Walrösser auf einem Felsen beargwöhnen. Die konstant geballte Anspannung in nostalgischen schwarz-weiß-Bildern, die bleischwere Tristesse in allem und jedem sorgt schon in der ersten Filmhälfte für Monotonie, verstärkt durch unerbittliche Wiederholung einer traurigen Ziehharmonika-Melodie.

Die Kamera führt die eigentliche Regie. Sie umkreist die Personen, als seien sie Skulpturen, schaut ihnen über die Schulter in die Suppe, verweilt auf den Gesichtern – ohne sie zu ergründen. Eine klaustrophobische Stimmung, in die der greisenhafte Mann aus London wie das Jüngste Gericht einbricht. Seine wenigen Sätze werden mit Schweigen konsumiert. Der Drehort, die korsische Hafenstadt Bastia, wird zum Gefangenenlager, bevölkert von wenigen Zombies. Wirkungsvoll baut Kameramann Fred Keleman, Regisseur des vielbeachteten Filmkunstdramas „Verhängnis/Fate“, die Lichtfelder von Straßenlaternen, Schiffslampen, Leuchtfeuern und Sonnenstrahlen in die düsteren Räume ein. Die Fotokunst vergangener Zeiten feiert Auferstehung, während das Kino in Tiefschlaf sinkt.

Der französische Großschriftsteller Georges Simenon wurde auch als „Balzac ohne Längen“ bezeichnet. Wäre er über dieser, inzwischen vierten Verfilmung seines Romans eingedöst? In dieser depressiven Beschaulichkeit, die trotz des rigorosen Schwarz-Weiß seltsam kontrastlos bleibt?

Dorothee Tackmann

.