Tannoed

Der mysteriöse Mordfall aus dem preisgekrönten Krimibestseller „Tannöd“ verliert auch auf der Leinwand nichts von seiner beklemmenden Wirkung. Unerbittlich entlarvt die archaische Familien-Tragödie um verdrängte Schuld, bigotte Heuchelei und inzestuöse Sexualität, die heile Welt als beschädigte. Im dumpfen Mikrokosmos eines abgelegenen Dorfes liefert die zu früh verstorbene Charakterdarstellerin Monica Bleibtreu in ihrer letzten Kinorolle neben Shooting-Star Brigitte Hobmeier eine schauspielerische Glanzleistung.

Webseite: www.tannoed.film.de

Deutschland 2009
Regie: Bettina Oberli
Buch: Petra Lüschow, Bettina Oberli
Kamera: Stéphane Kuthy
Darsteller: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Brigitte Hobmeier, Filip Peeters, Gundi Ellert, Lisa Kreutzer, Vitus Zeplichal, Janina Stopper, Andreas Buntscheck, Bernd Tauber, Nils Althaus
Länge: 100 Minuten
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 19. November 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Schwarze Wolken jagen dräuend über den Himmel. Im nebelverhangenen düsteren Tannenwald steht ein verwittertes Flurkreuz am Wegesrand. Spärlich dringt das Licht durch die Bäume. Aus dem Off erklingt der sonore Singsang der katholischen Litanei zum Troste der armen Seelen. Ein gebeugter Frauennacken, die Hände umwickelt mit dem Rosenkranz. „Heilige Gottesgebärerin bitte für sie, sei ihnen gnädig, verschone sie o Herr, sei ihnen gnädig, erlöse sie o Herr“. Dann ein harter Schnitt. Lautlos schreiend rennt ein junger Mann die Dorfstraße entlang.

Schon die ersten grandiosen Bilder vermitteln mit emotionaler Wucht, dass hinter der Idylle Unheil lauert. Wie aus der Chronik eines angekündigten Todes lassen sie ahnen, dass sich unausweichlich, ohne jedes Erbarmen, schreckliches anbahnt. Von Anfang an baut die unheimliche Atmosphäre Spannung auf. In verschachtelten Rückblenden, kunstvollen Parallelmontagen durchbrochen von schlaglichtartigen Szenen zeigt sich das alptraumhafte Gesicht des abgründigen Grauens.

Sie galten als eigenbrötlerisch und verschlossen. Der tyrannische alte Bauer Danner (Vitus Zeplichal), seine verhärmte Frau (Lisa Kreuzer), die verwitwete Tochter Barbara (Brigitte Hobmeier) mit ihren beiden acht- und zweieinhalbjährigen Kindern Marianne und Josef. Hausten auf einem abgelegenen, verwahrlosten Hof. Hüteten ein dunkles Geheimnis, von dem alle wussten: Die Kinder der Tochter Barbara stammten von Danner. Nach einem nächtlichen Gewittersturm sind sie tot: der finstere Bauer, seine verhärmte alte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern, die neue Magd Maria Krieger (Dagmar Sachse). Brutal erschlagen mit einer Spitzhacke. Die verstümmelten Leichen versteckt im Stroh.

Der Teufel scheint nach diesem Blutbad Mitte der 50er Jahre in der scheinbaren Dorfidylle Einkehr gehalten zu haben. Unerkannt weilt er noch immer unter den streng gläubigen Bewohnern. Einige Jahre nach dem ungeklärten Mord auf dem abgelegenen Hof Tannöd kehrt Kathrin (Julia Jentsch) an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihre Mutter zu beerdigen. Vom Mörder fehlt immer noch jede Spur. Doch mehr und mehr verstrickt sich die 26jährige Krankenschwester im traumatischen Beziehungsgeflecht aus Lügen und Doppelmoral. Unter den Habseligkeiten ihrer Mutter findet sie Briefe an den ermordeten Danner. Der reiche Bauer schuldete der Verstorbenen Geld. Grund: Nie bezahlte Alimente.

Die Verfilmung von Andrea Schinkels preisgekröntem Bestseller „Tannöd“ ist eine drastische, großteils glänzend gespielte und optisch mit mystischen Naturalismus versetzte Bauerntragödie, über verdrängte Schuld und Verantwortung, bornierte Engstirnigkeit und menschliche Abgründe. Einer der geheimnisvollsten Fälle der bayerischen Kriminalgeschichte, der Aufsehen erregende Sechsfachmord von Hinterkaifeck aus den zwanziger Jahren. sorgt damit weiterhin für Furore. Hellsichtig zeigt der Film wie Wegschauen, Lügen und Schweigen den Nährboden für Verbrechen bereitet. Erstaunlich überzeugend inszeniert Regisseurin Bettina Oberli in ihrem psychologischen Drama samt kriminalistischer Elemente bigotte gesellschaftliche Strukturen.

Einmal mehr beweist die zweifache Mutter ihr Talent für atmosphärisch dichtes Erzählen. Selbst die Handlung des Romans durch die Figur der jungen Kathrin zu erweitern, aus deren Perspektive der Zuschauer die Dorfenge erlebt, trägt. Lediglich die streckenweise etwas unmotiviert hektische Kameraführung irritiert. Denn die vielschichtig komplexen Bilder sprechen für sich. „Alle Fürbitten und Gebete nützen nichts“, sagt die 36-jährige Schweizerin, die mit „Die Herbstzeitlosen" vor zwei Jahren den erfolgreichsten Kinohit ihres Landes nach „Die Schweizermacher“ drehte, „ solange der Mensch sein Verhalten nicht ändert“. Ihre universelle Parabel über Gut und Böse richtet sich zugleich gegen fanatisches Denken.

Vor allem die geniale Schauspielleistung der zu früh verstorbenen Grande Dame der Theater- und Filmwelt Monica Bleibtreu machen den packenden Mord-Thriller zusätzlich sehenswert. Mit Leib und Seele verkörpert sie als Traudl Krieger, die Schwester der ermordeten Magd vom Dannerhof, das schlechte Gewissen des Dorfes, die personifizierte Schuld, eine geschmähte Kassandra. Ein weiteres Highlight neben der charismatischen Akteurin bietet das herausragend ambitionierte Spiel von Brigitte Hobmeier. Längst zählt die attraktive Münchnerin zur ersten Garde unter Deutschlands Theaterdarstellerinnen und machte sich auch auf der Leinwand einen Namen als ernstzunehmende Schauspielerin.

Luitgard Koch

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