Im Jahr 2010 kam „The Social Network“ in die Kinos und betrachtete den Aufstieg von Facebook. David Fincher inszenierte auf Basis eines Skripts von Aaron Sorkin, zu dessen großen Talenten nicht nur das Schreiben geschliffener Dialoge ist, sondern auch, komplexe und technische Vorgänge so darzubieten, dass auch Laien sie verstehen. Selbiges hat er mit „The Social Reckoning“ gemacht, den er auch gleich selbst inszenierte.
Über den Film
Originaltitel
The Social Reckoning
Deutscher Titel
The Social Reckoning
Produktionsland
USA
Filmdauer
113 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Aaron Sorkin, Todd Black, Peter Rice, Stuart M. Besser
Regisseur
Aaron Sorkin
Verleih
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
Starttermin
08.10.2026
Die Geschichte beginnt im Jahr 2019, als Frances Haugen (Mikey Madison) versucht, ihren Vorgesetzten zu zeigen, dass ihre Nachforschungen ergeben haben, dass 64 Prozent aller Facebook-Nutzer, die in extremistischen Gruppen unterwegs sind, von Facebook dort selbst hingeleitet wurden. Es war Facebook, das zu deren Radikalisierung beitrug. Aber niemand will etwas davon wissen, weswegen sie sich an den Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) vom „Wall Street Journal“ wendet. Beide beginnen zusammenzuarbeiten, während die Pandemie zuschlägt und im Jahr 2021 der vom Präsidenten angestachelte Sturm auf das Kapitol stattfindet.
Es gab Nachdrehs, wie Aaron Sorkin, erklärte, aber nur drei Tage lang und nicht, weil der Trailer nicht so gut ankam, wie erhofft. Notwendig waren sie seiner Aussage nach, weil ein sehr guter Film so noch ein Stückchen besser werden sollte. Ändern musste er aber schon im Vorfeld den Rollennamen von Bill Burrs Figur – auf Anraten einer Anwaltskanzlei, die von Sony Pictures angeheuert worden ist, um sicherzustellen, dass die Produktion keine offene Flanke für Klagen lässt. Dass das notwendig war, ergibt sich aus dem explosiven Inhalt des Films. Er nimmt die 17-teilige Artikelreihe „The Facebook Files“ des „Wall Street Journal“ als Ausgang und zeigt, wie Facebook um jeden Preis wachsen wollte, egal, was das für die Gesellschaft oder die Demokratie bedeutete.
Jesse Eisenberg spielt nicht mehr Mark Zuckerberg – er wollte nicht noch einmal in dessen Haut schlüpfen. An seine Stelle trat Jeremy Strong, der schon in „The Apprentice“ zeigte, wie er fragwürdige reale Menschen darstellt. Er ist großartig, kalt und fast schon autistisch, so wie man Zuckerberg kennt, vor allem aber auch in jeder Beziehung darauf konzentriert, den Erfolg des Unternehmens zu mehren. Er ist es auch, das zeigt der Film, der eine Veränderung des Algorithmus anstößt, die dazu führt, das Wut-Postings noch besser laufen.
Der Film springt erzählerisch zwischen drei Ebenen hin und her, und unterteilt die erzählerische Struktur noch dazu in Kapitel. Sorkin erweist sich abermals als ein Meister darin, komplexe Erzählmuster zu jonglieren und sie so aneinanderzureihen, dass die Spannung maximal ansteigt. Er spielt auch mit der Form und mit dem erzählerischen Bruch. Einmal zeigt er die Füße von Menschen, die marschieren – ohne Kontext, der ergibt sich dann später, wenn man zum 6. Januar 2021 kommt.
„The Social Reckoning“ ist das dunkle Gegenstück zu „The Social Network“. Schon dort war es fragwürdig, wie Mark Zuckerberg agierte, hier jedoch geht es um die Pervertierung des Traums. Mikey Madisons Figur wird quasi gezwungen, zur Whistleblowerin zu werden, weil ihr Gewissen ihr keine andere Wahl lässt. In einer frühen Szene erzählt sie davon, dass sie gerne für Facebook arbeitet und an den Traum glaubt, dass es Menschen verbinden und Gutes bewirken kann. Aber es ist zu einem Zerrbild dessen geworden, es spaltet, statt dass es eint, es ist keine Community mehr, sondern ein Dorfplatz, auf dem Hass und Häme ausgeschüttet werden – und das alles im Namen des schnöden Mammons. Mark Zuckerberg, so legt es der Film nahe, hätte das verhindern können. Er hätte verhindern können, dass die Gesellschaft sich spaltet, dass Hass und Wut die Oberhand gewinnen, aber es hätte bedeutet, ein Prozent weniger Gewinn zu machen. Eine Zahl, die ihm nicht gefiel.
Man möchte glauben, dass ein Film wie „The Social Reckoning“ nicht nur wichtig ist, sondern auch zur richtigen Zeit kommt, aber ebenso wie die „Facebook Files“ des „Wall Street Journals“ im Grunde verpufften, wird auch dieser Film nichts ändern, am wenigsten bei jenen, die sich in den Weiten der sozialen Medien längst radikalisiert haben. Man fragt sich, welchen Film Sorkin in weiteren zehn oder fünfzehn Jahren drehen könnte. Was wird er dann über Facebook zu sagen haben?
Peter Osteried







