The Substance – Albert Hofmann’s LSD

Viele Mythen ranken sich um die bewusstseinserweiternde Droge LSD, einst in der Psychiatrie eingesetzt, in den 60er Jahren untrennbarer Teil der Gegenkultur, inzwischen meist von anderen, stärkeren Drogen verdrängt. In seiner bewusst spröden Dokumentation versucht der Schweizer Regisseur Martin Witz Fakten von Legenden zu trennen und liefert interessante Einblicke in die Karriere einer Substanz, die ganz zufällig entdeckt wurde.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Schweiz 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Martin Witz
Länge: 89 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 17. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Geschichte des Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, beginnt durch Zufall: Ähnlich wie zum Beispiel das Penicillin war auch das LSD zunächst kaum mehr als ein Abfallprodukt der Forschung. Eigentlich war der Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann auf der Suche nach einem den Blutkreislauf regulierenden Mittel, als er im Frühjahr 1943 auf eine Substanz stieß, die auf außergewöhnliche Weise ins zentrale Nervensystem eingriff. Hoffmanns Arbeitgeber, der Pharmakonzern Sandoz, erkannte schnell die vielfältigen Möglichkeiten der Substanz und begann das LSD unter dem Namen Delysid zu vermarkten. Ähnlich wie Jahrzehnte vorher das Kokain, wurde auch das LSD schnell zu einem beliebten Mittel der Psychiatrie, erzeugte die Droge doch auf künstliche Weise den Effekt, den auch eine Psychose erzeugt. Doch ehe der Einsatz des LSD zur Behandlung psychischer Probleme sich durchsetzen konnte, begann die Droge in Verruf zu geraten. Das amerikanische Militär hatte Experimente gestartet, um die Droge als Waffe einzusetzen, war jedoch schnell zur Erkenntnis gekommen, dass unkontrollierte Feinde zwar vielleicht nicht kontrolliert zurückschießen würden, möglicherweise aber aus Versehen eine Bombe losschicken würden.

Zunehmend wurde LSD nun von eigentlich gesunden Menschen eingesetzt, die bewusstseinserweiternde Wirkung der Substanz wurde von Künstlern zur Inspiration verwendet, von Hippies als Flucht vor der zunehmenden düsteren Realität der 60er Jahre. Der ehemalige Harvard-Professor Timothy Leary propagierte mit dem legendären Slogan „Turn on, Tune in, Drop in“ den massenhaften LSD-Konsum und wurde vom ultra-konservativen US-Präsidenten Richard Nixon kurzerhand zum gefährlichsten Mann Amerikas erklärt. 1966 wurde LSD in Amerika verboten, 1971 in Deutschland, seitdem führt die Droge nicht zuletzt auf Grund des geringen Abhängigkeitspotentials ein Nischendasein auf dem Drogenmarkt.

Dennoch ist LSD auch heute noch so umstritten, dass sich Regisseur Martin Witz in seiner Dokumentation penibelst um größtmögliche Zurückhaltung bemüht. Dezidierte Kritiker der Droge und ihrer möglichen negativen Folgen kommen zwar nicht zu Wort, genauso wenig wird aber die Faszination eines bewusstseinserweiternden Zustandes in den rosigen Farben beschrieben, wie es etwa in den 60er Jahren der Fall war. Welche Bedeutung LSD auf die Kunst jener Zeit hatte, wie etwa die Beatles durch die Erfahrungen mit LSD beeinflusst und inspiriert wurden (ein Blick auf die psychedelischen Farben ihres „Yellow Submarine“-Films genügt), diese Aspekte bleiben außen vor.

Stattdessen konzentriert sich Witz auf die medizinischen Möglichkeiten des LSD, lässt Psychiater zu Wort kommen, die schon früh mit der Droge experimentiert haben und ihre Ergebnisse für mehr als interessant halten. Eine wirkliche Kulturgeschichte des LSD ist „The Substance“ am Ende nicht. Vielmehr ist Martin Witz eine vorsichtige Annährung an ein immer noch heikles Thema gelungen, das er mit spannendem Archivmaterial erzählt, nicht zuletzt einem der letzten Interviews mit dem zufälligen Vater des LSD Albert Hofmann. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in der in vielerlei Hinsicht so liberalen Schweiz eine Substanz entdeckt und zumindest anfangs kommerziell vermarktet wurde, deren medizinisches und physiologisches Potential immer noch ein faszinierendes Thema sind, wie diese Dokumentation überzeugend beweist.

Michael Meyns

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