Traders Dreams

eBay – vier Buchstaben, die für ein Geschäftsmodell stehen, das bis heute untrennbar mit dem Erfolg des World Wide Web verbunden ist. Das milliardenschwere Unternehmen hat sich eine simple Idee zu Nutze gemacht und über die Jahre perfektioniert. Die Dokumentation von Stefan Tolz und Marcus Vetter liefert einen spannenden, teilweise skurrilen Einblick in das „System eBay“, das Menschen rund um den Globus in seinen Bann gezogen hat. „Jeder kann dank eBay erfolgreich sein!“ Diese Losung entlarvt ihr Film als eine der vielen PR-Floskeln einer sich fast schon kultisch gebenden Gemeinschaft.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2007
Regie: Marcus Vetter, Stefan Tolz
Produzent: Stefan Tolz
Laufzeit: 83 Minuten
Kinostart: 28.6.2007
Verleih: Piffl

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dank dem Internet und den Auktionsseiten aus dem Hause eBay können Menschen aus allen Teilen der Welt miteinander einfach und bequem von zu Hause aus Handel treiben. Sie können Waren anbieten, kaufen, gelegentlich oder auch gewerbsmäßig. Einige schaffen es bis zum sogenannten „eBay Powerseller“, wenn sie besonders fleißig die Dinge an den Mann bzw. die Frau gebracht haben. Dabei eBay ist eigentlich nichts weiter als ein gigantischer Flohmarkt, auf dem es offenkundig nichts gibt, was es nicht gibt: Von obskuren Toasts mit Heiligenkonterfei bis hin zu in Sammlerkreisen hoch begehrten Überraschungseifiguren. Wer auf eBay nicht das Passende findet, scheint in Wahrheit wohl auch nichts zu suchen.

Die beiden Dokumentarfilmer Marcus Vetter und Stefan Tolz begaben sich für ihre Suche nach dem nationen- und kulturenübergreifenden Phänomen eBay auf eine Reise um die ganze Welt. Sie machten Station auf der Isle of Skye, in Mexiko, China, dem sächsischen Borna und dem kalifornischen San Jose. Überall trafen sie auf Menschen, die sich über eBay ihre kleinen wie großen Träume erfüllen wollten – mit recht unterschiedlichem Erfolg. Wie Don Quijote, ausgestattet mit einem scheinbar unerschütterlichen und deshalb fast schon tragischen Optimismus versucht ein ostdeutscher Arbeitsloser noch einmal neu anzufangen. Doch egal, was er sich überlegt, wieviel Engagement und Einsatz er auch zeigt, letztlich wollen sich die auf Seminaren und Videos immer wieder aufgesagten Verheißungen der eBay-Professionals für ihn nicht erfüllen. Das Aufwachen fällt entsprechend schwer, der Kater entsprechend bitter aus.

Traders’ Dreams enttarnt den Traum von einem System ohne Verlierer als eine schöne Chimäre. Es ist vor allem eBays Marketing-Kraft zu verdanken, dass viele den Glauben an einen Wohlstand als Selfmade-Unternehmer nicht aufgeben wollen.  Doch – so lehren die Beispiele von Vetter und Tolz – Erfolg ist selbst bei eBay nicht planbar. Und das gilt nicht nur für die über 150 Millionen Nutzer des Auktionshauses, auch eBay selber zieht im Kampf um Marktanteile und neue User schon mal den Kürzeren. Der ehrgeizige Geschäftsmann Jack Ma hat mit seinem Unternehmen Alibaba den übermächtigen Platzhirsch zur Aufgabe seiner China-Dependance bewegen können. In einem nächsten Schritt will er eBay außerhalb Chinas Konkurrenz machen. Klar, dass die erfolgsverwöhnten Kalifornier damit ein Problem haben, gerade weil Ma damit am Image des Siegers kratzt.

 

Und auf das richtige Image kommt es im eBay-Universum an. Das gilt insbesondere für die jährlich stattfindende Mammutveranstaltung „eBay Live“, einer mehr als skurrilen Form der Selbstbeweihräucherung, die an sektenähnliche Messen oder Motivations-Shows erinnert. Vetter und Tolz setzen die Aufnahmen der von Euphorie und Aktionismus beseelten eBay-Community mit den zumeist reichlich unspektakulären Alltagserfahrungen anderer eBay-Nutzer in ein interessantes Spannungsverhältnis. Dort das scheinbar pure Glück, der Rausch, hier in der Realität der harte Kampf um jede Aktion, um jeden verkauften Artikel. Beides lässt sich nur schwer miteinander in Einklang bringen. Zwei Welten und beides ist eBay.

Marcus Wessel

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Ebay ist ein Symptom unserer Zeit. Ein Kauf- und Verkaufsspiel; eine Möglichkeit, über einen anderen Bieter zu triumphieren und daraus Befriedigung zu ziehen; eine Gelegenheit, seiner Wettsucht zu frönen; ein Weg, Geschäfte zu machen und viel Geld zu gewinnen oder auch zu verlieren.

Ein Dokumentarfilm wie dieser konnte also nicht ausbleiben. Zu aktuell, zu akut und zu weltweit operiert ebay. Business heißt die Parole. Der Kreis sowohl der Angestellten auch der Kunden wird immer größer. Schulungen, eine brutale Werbung, immer neue Strategien, erbarmungslose Konkurrenz sind an der Tagesordnung. Das alles zeigt u. a. die in den Film eingegliederte (schon einige Zeit zurückliegende) Veranstaltung zum zehnjährigen Bestehen von ebay, die fast wie ein religiöses Fest gefeiert wird. Sogar eine „ebay-Universität“ gibt es bereits – was immer das sein mag.

Beispiele von Gewinnern und Verlierern werden gezeigt: die mexikanischen Vasenmaler aus Mata Ortiz, die nach längerem Ausgenutztsein selbst eine Internet-Site einrichten. Die glücklose Familie aus Sachsen, die Weihnachtsartikel oder Präsentkörbe („Gurken dürfen nicht fehlen“) an den Mann bringen will, aber kein Bein auf den Boden bringt. Oder der schottische Rentner, der Schiffszeichnungen anfertigt, die jedoch viel zu teuer sind.

Das Alter, die Nationalität, das Geschlecht, das alles spielt keine Rolle, eine Rolle spielt nur die Verkaufskunst. In England allein nehmen schon zehn Millionen Menschen an ebay teil. Der Markt macht den Preis. Die verrücktesten Dinge werden angeboten, darunter der größte Mist. An Bauernfängerei fehlt es keineswegs. 

Ebay ist zu einem der erfolgreichsten Geschäfte in der Handelsgeschichte überhaupt geworden. Auch Rückschläge gibt es. China z.B. konnte nicht erobert werden. Die Chinesen haben – mit „Alibaba“ – ihr eigenes System aufgebaut. 

„Traders Dreams“ ist informativ. Der Film spiegelt eine Charakteristik unserer Welt wider, ist typisch, entlarvend und zum Nachdenken anregend. Ein Sammelsurium von Mitteilungen und Situationen. Ein Kaleidoskop unserer Moderne.

Thomas Engel