Toechter des chinesischen Gaertners, Die

Mit der Verfilmung seines eigenen Bestseller-Romans „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ verzauberte Dai Sijie vor einigen Jahren auch die Besucher der Programmkinos hierzulande. Sein neues Werk „Die Töchter des chinesischen Gärtners“ thematisiert eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen im China der 80er Jahre und rührt damit an ein Tabu, das auch 20 Jahre später noch nichts von seiner Brisanz verloren hat. Eine anrührende, zärtlich-poetische Liebensgeschichte, die vor allem durch ihre opulenten Bilder und die intensive Darsteller-Riege für sich einzunehmen weiß.

Webseite: www.universumfilm.de

OT: Les filles du botaniste
Kanada/Frankreich 2006
Regie: Dai Sijie
Buch: Dai Sijie
Darsteller: Mylène Jampanoï, Li Xiaoran, Dongfu Lin, Wang Weidong, Nguyen Nhur Quyynh, Nguyen Van Quang, Linh Thi Bich Thu
Länge: 95 Min., ab 12 J.
Verleih: Universum / 24Bilder
Start: 28.6.2007

PRESSESTIMMEN:

 

Ein sinnliches Drama. Einfühlsam…
Der Spiegel

Eine tragische, schicksalsschwere und doch geradezu durchscheinend zarte Geschichte.
Brigitte

FILMKRITIK:

Die Eurasierin Li lebt seit dem 3. Lebensjahr in einem Waisenhaus, nachdem ihre russische Mutter und ihr chinesischer Vater bei einem Erdbeben ums Leben gekommen sind. Jetzt soll sie ein Praktikum bei dem berühmten Botanik-Professor Chen antreten. Der renommierte Wissenschafter lebt zurückgezogen mit seiner 20-jährigen Tochter An auf einer verwunschenen Insel voller exotischer Pflanzen. Lis Antrittsbesuch verläuft unverhofft frostig. Der Witwer empfängt sie eher unfreundlich und auch ihr Gastgeschenk, ein ständig „Lang lebe Mao“ quäkender Vogel, lässt ihn eher unbeeindruckt. Einzig die 20-jährige An freut sich über die Ankunft des Neuankömmlings. Schnell entwickelt sich eine herzliche Freundschaft zwischen den gleichaltrigen Mädchen, aus zögernden Umarmungen werden scheue Berührungen und schließlich zärtliches Liebesspiel.  

Die geheime Liebesbeziehung hat auch Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Bisher wurde der despotische und zu Wutausbrüchen neigende Chen von seiner Tochter gehegt und gepflegt – vom Fußnägelschneiden bis zum Servieren des Frühstücks. Doch während An dessen Launen bisher klaglos ertrug, wächst in ihr nun neues Selbstvertrauen und sie wagt es erstmals, sich der Autorität des Vaters zu entziehen. Mal vergisst sie die  Zeitung zu holen, mal sein Lieblingsessen oder den Tee.

Eines Tages kommt Ans Bruder, ein in Tibet stationierter Soldat, zu Besuch und die zerbrechliche Idylle gerät ins Wanken. Vom Vater aufgefordert, sich nun bald eine Frau zu suchen, da andere Männer seines Alters längst verheiratet seien, beginnt sich der junge Mann für Li zu interessieren und macht ihr unverhohlen den Hof. Nach anfänglicher Eifersucht, kommt An auf die Idee, dass eine Ehe zwischen Li und ihrem Bruder die Lösung ihrer Probleme sein könnte. Offiziell wäre eine Verbindung zwischen zwei Frauen ummöglich, doch als Familienmitglied könnte Li auf der Insel bleiben. Der vermeintlich geniale Plan wird umgesetzt und mündet doch in einer Katastrophe.

Angeregt für die Geschichte wurde Regisseur Dai Sijie nicht etwa durch den Welterfolg „Brokeback Mountain“ seines Kollegen Ang Lee, sondern nach eigenen Angaben durch eine Kurznotiz in einer chinesischen Tageszeitung. Zwei junge Frauen wurden wegen ihrer lesbischen Liebe zum Tode verurteilt und zudem noch verdächtigt, den Vater der einen ermordet zu haben, nachdem dieser tot im Bett gefunden wurde. Auch heute noch ist Homosexualität in China ein absolutes Tabu. Dementsprechend scheiterten auch alle Versuche des Regisseurs, für sein Projekt chinesische Gelder zu aquirieren oder eine Dreherlaubnis auf chinesischem Boden zu erhalten. Auch seine Lieblingsschauspielerin Zhou Xun, die Darstellerin aus „Balzac“ war das Thema zu ‚heiß‘, nachdem man ihr nachdrücklich nahe gelegt hatte, die Rolle nicht anzunehmen.

Gedreht wurde schließlich in Vietnam, die Gelder kamen aus Frankreich und Kanada. Und als Darstellerin der An fand Sijie schließlich die 27-jährige Li Xiaoran, eine der großen chinesischen TV-Stars, die mutig genug war, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Das große Plus an Dai Sijies Film ist die Opulenz und bestechende Schönheit seiner Bilder, mit denen er bereits in „Balzac“ punkten konnte. Allerdings stößt er dabei – bedingt durch ein für europäische Augen allzu großes Pathos – zuweilen durchaus an die Kitschgrenze. Dennoch weiß der Film zu berühren und für das Schicksal der Mädchen einzunehmen, denen die engen gesellschaftlichen Konventionen letztlich keine Chance lassen.
Beachtlich auch die beiden Hauptdarstellerinnen, die sich mit viel Einfühlungsvermögen ihrer Rollen angenommen haben.

Anne Wotschke

 
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Eine kanadische Produktion, in Vietnam gedreht, aber von China handelnd. Wahrscheinlich wäre wegen des Themas und der entsprechenden Zensur der Film in China nicht zu drehen gewesen.

Li hat ihre Mutter früh durch ein Erdbeben verloren und ist im Waisenhaus aufgewachsen. Jetzt ist sie groß, muss ans Berufsleben denken. Sie fährt in einen auf einer Insel gelegenen Botanischen Garten, wo sie ein Praktikum absolvieren soll. Chef dieser botanischen Wunderwelt ist Professor Chen, ein kleinlicher, rechthaberischer Mann, der sich ständig bedienen lässt und bei dem es Li nicht leicht hat.

Anders ist das mit Chens Tochter An. Die beiden Frauen freunden sich an, und nicht nur das. Sie haben starke lesbische Empfindungen, fühlen sich leidenschaftlich angezogen, wollen „sich gegenseitig die Unschuld rauben“ und nie mehr voneinander lassen. 

Doch es kommt anders. Chens Sohn Dan, Ans Bruder, trifft ein. Er soll auf Anraten seines Vaters heiraten und sucht sich Li aus. Gegen deren Willen und Gefühle findet die Hochzeit statt; klar, dass das zwischen den frisch vermählten Ehepartnern schon in den Flitterwochen nicht gut geht. Li wird gequält und geschlagen. Zwei Monate später. Chen erwischt An und Li beim Liebesspiel. Die Katastrophe ist unausweichlich.

In der wunderbaren Umgebung und hinter der herrlichen Botanik lauert das Unheil. Die Idylle wird ausführlich und in sehr getragenem Rhythmus vorgezeigt, aber sie ist eben brüchig. Bezeichnend dafür ist schon das grobe, ja brutale Verhalten Chens und seines Sohnes Dan. Doch weit schlimmer ist, dass die immer wieder erwachenden zarten Liebesgefühle und erotischen Praktiken zwischen An und Li noch im China der 80er Jahre als kriminell galten und Homosexualität mit dem Tode bestraft werden konnte. 

Insofern ist der Film zumindest gegen Schluss quasi-dokumentarisch, historisch relevant, ein rückschauendes Gedenken und ein vielsagendes Beispiel. Der Stil ist breit und ausladend, nicht gerade in „westlichem“ Tempo gemacht. Aber das Ganze ist durchaus eine auch formal und darstellerisch respektable Sache.

Thomas Engel