Tree, The

Die Natur kennt kein Erbarmen. So wie die Menschen im australischen Queensland und insbesondere in der Gegend um Brisbane zuletzt mit den Folgen von Hochwasser zu kämpfen hatten, so ist in Julie Bertucellis ebendort angesiedeltem, einerseits leisen wie mitreißendem Drama „The Tree“ eine Familie nach einem Trauerfall mit der zerstörerischen Kraft eines riesigen Feigenbaums sowie eines heftig blasenden Zyklons konfrontiert. Vordergründig aber geht es um die Beziehung einer Mutter (Charlotte Gainsbourg) zu ihrer kleinen Tochter (Morgana Davies) und wie beide den Tod ihres Ernährers verarbeiten.

Webseite: the-tree.pandorafilm.de

Frankreich, Australien, Deutschland, Italien 2010
Regie: Julie Bertucelli
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Marton Csokas, Morgana Davies, Christian Byers, Tom Russell, Gabriel Gotting, Gillian Jones, Penne Hackforth-Jones, Zoe Boe, Bob Mackay, Murray Shoring, Aden Young
92 Minuten
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 3.3.2011
 

PRESSESTIMMEN:

Ein einfühlsamen Familiendrama über Trauerarbeit und die Macht der Natur.
STERN

FILMKRITIK:

Die weite australische Landschaft, sie spielt in dieser von der Französin Julie Bertucelli adaptierten Romanverfilmung von Judy Pascoes Bestseller „Our father who art in the tree“ eine ganz wesentliche Rolle. Wo wenn nicht hier, im Hinterland der australischen Ostküste, lassen sich komplett montierte Fertighäuser zu ihrem ausgewählten Standort fahren. Dass der überbreite Transport den ein oder anderen Busch am Wegesrand knickt – geschenkt. Andernorts wiederum wachsen beeindruckende knorrige Feigenbäume in den Himmel – so wie auf dem Grundstück der O’Neils.

Am Abend vor der Auslieferung eines neuen Fertighauses genießen Peter O’Neil und seine aus Frankreich stammende Frau Dawn (Charlotte Gainsbourg) die Sommernacht in der Hängematte auf ihrer Veranda. „Wann kommst Du wieder?“, fragt sie ihn. „In ein paar Tagen, vielleicht einer Woche“, antwortet er und witzelt: „Vielleicht in einem Monat, einem Jahr.“ Tatsächlich wird Peter nie mehr wirklich zurückkommen zu seiner Frau und den vier Kindern. Seine Tochter Simone, etwa acht Jahre alt, ist auf der Ladefläche seines Pick-Ups dabei, als ihr im Grunde noch junger Papa einen Herzinfarkt erleidet und das langsam ausrollende fahrerlose Fahrzeug sanft und völlig unspektakulär vom wuchtigen Feigenbaum gestoppt wird.

Jedes der Familienmitglieder hat nun seine eigene Art, mit dem Verlust umzugehen. Simone findet Trost zwischen den Ästen des Baumes und glaubt, ihren Vater durch die raschelnden Blätter flüstern zu hören. Auch Dawn erliegt, nachdem sie das Geheimnis ihrer Tochter entdeckt hat, dem Bann des Baumes. Der aber präsentiert sich nicht nur als Trostspender, sondern mehr und mehr auch als Bedrohung. Aufgrund der Dürre zeigt sein Wurzelwerk rege Aktivität. Den Zaun der Nachbarin hat es bereits demoliert, im Haus sind Rohrleitungen in Mitleidenschaft gezogen, so dass – einerseits eklig, andererseits auch wieder kurios und lustig – eines Tages Frösche in der Kloschüssel quaken.

Auf der Suche nach einem Klempner lernt Dawn den zupackenden George (Marton Csokas, zuletzt mit Sophie Marceau in „Vergissmichnicht“) kennen. Er bietet ihr nicht nur Arbeit in seinem Laden an, bald kommen sich beide auch privat näher. Damit aber ist vor allem die eifersüchtige Simone nicht einverstanden. Sie stellt ihre Mutter in der Folge vor gleich zwei Entscheidungen: für den Erhalt des mehr und mehr zu einer existenziellen Bedrohung für das Haus werdenden Baumes und gegen den Mann, der den Platz des Vaters einzunehmen bereit wäre.

So sehr der Baum im Mittelpunkt der Geschichte steht, er ist und bleibt trotz allem doch immer nur ein Baum. Dass Simone ihn Nachrichten von ihrem Vater aus dem Jenseits übermitteln hört hat in keinerlei Weise mit übernatürlichen Kräften zu tun. Da bleibt Julie Bertucelli bodenständig. In ihrer zurückhaltenden Regie widmet sie sich den Familienmitgliedern und ihrer jeweils ganz eigenen Art, mit Trauer umzugehen. Der Baum – als „Darsteller“ hatten die Locationscouts des Films über 100 Exemplare gecastet – dient dabei als eine Art Katalysator, als magischer Beschützer ebenso wie als bedrohlicher Tyrann, durch den die Gefühle der Protagonisten auf unterschiedliche Weise berührt werden.

Neben der beeindruckenden Erscheinung des immergrünen und großblättrigen Moreton Bay Feigenbaumes, der bis zu 60 Meter hoch wachsen kann und über eine Vielzahl von Luftwurzeln verfügt, überzeugen Charlotte Gainsbourg und die Neuentdeckung Morgana Davies. Beide finden einen Weg, ihren Gefühlen auch ohne große Worte Ausdruck zu verleihen. Bestimmte Verhaltensweisen mögen dabei auf den ersten Blick nicht immer nachvollziehbar sein – etwa wenn Dawn auf der Suche nach einem Klempner plötzlich einen Job als Buchhalterin annimmt, ohne vorher auch nur eine Sekunde an eine Rückkehr ins Arbeitsleben gedacht zu haben. Aber so ist das Leben eben manchmal: unberechenbar und voller Geheimnisse und Überraschungen. Auch „The Tree“ lässt sich so charakterisieren. In einer Szene gegen Ende heißt es in den Fernsehnachrichten ganz nebenbei im Wetterbericht: „Auf jedes Tief folgt auch wieder Sonnenschein.“ Darauf können auch die O’Neils vertrauen.

Thomas Volkmann

Australische Provinz. Dawn und Peter leben dort glücklich mit ihren vier Kindern, darunter die kleine Simone.

Peter, obwohl noch jung, erleidet einen Herzinfarkt. Tod am Steuer seines Autos.

Für die fünf Verbleibenden ist die Welt still und leer geworden. Vor allem Dawn bricht völlig zusammen. Der Haushalt verlottert zusehends.

Simone glaubt in den Zweigen des riesigen Baumes, um den Haus und Garten stehen, Signale, Worte und Botschaften ihres Vaters zu vernehmen. Oft verbringt sie nun Zeit in den Ästen, behängt diese mit Geschenken für ihren geliebten Papa.

Sogar Dawn flüchtet jetzt in den Baum.

Viel später beginnt sie bei dem Klempner George als Verkäuferin zu arbeiten – und mit der Zeit den sehr sympathischen und hilfsbereiten Mann zu lieben. Simone passt das ganz und gar nicht.

Eine Zeit lang scheinen alle wieder einigermaßen glücklich zu sein.

Die rasch wachsenden Baumwurzeln setzen dem Haus zu. Der Baum müsste gefällt werden. George rät dazu, Simone duldet das auf keinen Fall. Dawn schlägt sich auf Simones Seite, der Bruch ist da.

Dann zieht zu allem Unglück noch ein verheerender Zyklon auf. Das Haus ist nicht mehr zu retten.

Dwan muss mit den Kindern wegziehen. Wohin es geht weiß noch niemand. Aber vielleicht, vielleicht geht mit George irgendwann einmal wieder etwas.

Ein elegisches, gefühlsbetontes, naturverbundenes, regiemäßig gelungenes Drama, das man wegen seines duftigen Stils, seines Eingebettetseins in eine weite eindrucksvolle Landschaft und seiner psychologischen Sensibilität trotz des traurigen Todes von Peter gerne mitverfolgt.

Zwei Darsteller verblüffen: Charlotte Gainsbourg, Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin, gibt eine beeindruckende, ihre Rolle intensiv lebende schauspielerische Vorstellung. Dann Morgana Davies als Simone. Man staunt, dass ein so kleines Mädchen eine derartige Leinwandpräsenz haben kann. Da ist noch einiges zu erwarten.

Schlussfilm der letztjährigen Filmfestspiele Cannes.

Thomas Engel