Tropa de Elite

José Padilhas „Tropa de Elite“, Gewinner des Goldenen Bären 2008, entwirft das Bild einer durch und durch korrupten Gesellschaft. Die distanzierte, Padilhas dokumentarische Herkunft verratende Darstellung der modernen brasilianischen Gesellschaft, führte zur eher ablehnenden Rezeption durch viele Beobachter bei der Berlinale, dürfte nun aber der Würdigung des vielschichtigen Films als überaus beeindruckendes Werk weichen.

Webseite: www.senator.de

Brasilien 2008
Regie: José Padilha
Buch: Bráulio Mantovani, Rodrigo Pimentel, José Padilha
Darsteller: Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junqueira, Milhem Cortaz, Fernanda Machado, Maria Ribeiro
115 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Senator
Kinostart: 6. August 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ursprünglich war „Tropa de Elite“ als Dokumentarfilm geplant, was möglicherweise einige der Missverständnisse erklärt, die der Film verursachte. Denn wie in seiner grandiosen Dokumentation „Bus 174“ entzieht sich José Padilha auch hier, in seinem ersten Spielfilm, einer dezidierten Bewertung der gezeigten Ereignisse. In einer Dokumentation fällt so eine Distanz meistens positiv auf, in einem Spielfilm, der solch kontroverse Themen behandelt wie „Tropa de Elite“, fällt das offenbar schwerer. Zumal Padilha einen Hauptdarsteller und gleichzeitig Erzähler in den Mittelpunkt stellt, der alles andere als sympathisch ist.

Captain Nascimento ist Teil der militärischen Spezialeinheit BOPE, die dafür bekannt ist, ohne Rücksicht auf Verluste in die Favelas Rio de Janeiros einzufallen und nicht nur Kriminelle zu erschießen. Mit ihren schwarzen Uniformen, ihrem Totenkopfsymbol und ihrer Selbsteinschätzung als einzige nicht korrumpierbare Kraft Rios sind sie leichtes Angriffsziel für betont liberale Zuschauer. Die aber oftmals den Fehler machten, die Haltung des Regisseurs mit der Einstellung seiner Hauptfigur gleichzusetzen. Kennt man Padilha und seine Filme, könnte man nicht falscher liegen. Das einzige, das man dem Regisseur vorwerfen könnte, ist, dass er eine filmische Form gewählt hat, die besonders komplex ist, die in ihrer nur scheinbaren Distanz zum Gezeigten zu Fehlinterpretationen einlädt. Dass „Tropa de Elite“ wesentlich vielschichtiger ist, dass die titelgebende Spezialeinheit über weite Teile des Films eher in den Hintergrund tritt, wird da leicht übersehen. Denn es geht Padilha um nicht weniger als eine Darstellung der Korrumpierbarkeit der brasilianischen Gesellschaft in praktisch allen Sphären.

Lose Struktur ist die Suche Nascimentos nach einem Nachfolger. Zwei Kandidaten zeichnen sich ab: Der heißblütige Neto und der intellektuelle Matias. Letzterer ist ein dunkelhäutiger Brasilianer, der dadurch nicht nur die Aversionen ertragen muss, die ihm durch seine Rolle als Polizist entgegenschlagen, sondern auch noch den alltäglichen Rassismus erdulden muss. Was er im Laufe des Films durchlebt ist der Prozess einer Korruption. Nascimento weiß, dass er den Idealismus der Kandidaten brechen muss, um sie zu brauchbaren Elitepolizisten machen zu können. Diese Entwicklung Matias skizziert der Film durch, allerdings ohne dabei zu suggerieren, dass die BOPE das Mittel zur Lösung der Probleme Rios wäre. Im Gegenteil. Wenn man sich nicht von der immanenten Faszination der (rar gesäten) martialischen Actionszenen, des Erstürmen von Favelas mit im Anschlag liegenden Maschinengewehren täuschen lässt, muss man erkennen, dass für Padilha die BOPE ebenso Teil des Problems ist wie alle anderen dargestellten Aspekte. Dass er sie ebenso anklagt wie die normale Polizei und ihre Bestechlichkeit, die reiche (weiße) Jugend, die Drogen von den Dealern der Slums kaufen und sich über (gerechtfertigte) Polizeikontrollen beklagen, ja, das ganze System, das Armut und Kriminalität nur verwaltet, macht erst die Qualität von „Tropa de Elite“ aus.

Mag sein, dass er in seinem Stil, den grellen Farben, der oft, aber beileibe nicht immer wackelnden Handkamera, der pulsierenden Musik Vergleiche mit anderen, in den letzten Jahren so beliebten Slumfilmen wie „City of God“ heraufbeschwört und dadurch mit ihnen in einen Topf geworfen wird: An die intellektuelle Komplexität von „Tropa de Elite“ kommt keiner dieser Filme heran. Die große Qualität von Padilhas Film ist eben, dass er nicht anklagt, sich nicht auf eine Seite schlägt, zu einfache Lösungsmöglichkeiten suggeriert, sondern das er das Elend und die Korruption einfach nur zeigt und für sich sprechen lässt. Dass dabei sowohl das wilde Leben der Dealer als auch das unbarmherzige, waffenstarrende Wesen der Spezialeinheit mit einer gewissen glamourösen Aura umgeben sind, ist nur konsequent, wie sonst ließe sich erklären, dass immer wieder neue junge Männer den Versuchungen der ein oder anderen Seite erliegen?

Michael Meyns

In Rio de Janeiro, heißt es in diesem Film, gebe es Hunderte von Favelas, also Slums. Die Menschen in diesen Stadtvierteln sind arm. Und womit halten sich viele über Wasser? Mit dem Drogenhandel. Deshalb steht die Polizei in ständigem Kampf gegen die Milizen der Drogenbarone. Darüber geht dieser Streifen.

Doch nicht nur. Er beleuchtet auch die Polizei näher. Dass es bei dieser Kungelei, Geldnot, Korruption, Konkurrenz und Brutalität gibt, wird hier sehr deutlich.

Neben der regulären Polizei besteht die Eliteeinheit BOPE (Batalhao de Operacoes Especiais), offenbar in Sonderheit zuständig für die Bekämpfung des Drogenhandels. Ein exklusiver, überaus harter Verein. Glaubt man dem Film, dann sind gemessen an den Ausbildern und Mitgliedern dieser Truppe die US-Marines Weicheier, obwohl doch auch diesen der Ruch der Härte anhaftet.

Captain Nascimento ist einer der Offiziere der BOPE. Er ist gestresst, nicht mehr gesund, hat eine Frau mit einem neugeborenen Kind und will die Eliteeinheit verlassen. Doch das kann er nur tun, wenn er für Ersatz sorgt. Er entscheidet sich für André Matias, der studiert und später Rechtsanwalt werden will, sowie für Neto, der es mit dem Recht nicht so genau zu nehmen scheint.

Der Einblick in die Zustände bei der Polizei von Rio, die kompromisslose Ausbildung der Elitepolizisten und der gefährliche, meist tödliche Kampf gegen die mit ihren Gegnern und denen, die für solche gehalten werden, besonders brutal umgehenden Drogenbanden bilden, abwechselnd montiert, die Hauptteile des Films.

Gestaltet ist er furios, temporeich, erbarmungslos – natürlich auch laut und schießwütig. Was geboten wird, ist zweifellos nicht nur realistisch, sondern – auf alle drei Teile bezogen – eine Kompilation und Konzentration des Kritischen und Bösen. Allerdings darf man sich in Bezug auf die Zustände in Rio de Janeiro auch keiner Illusion hingeben. Dass in der Stadt im Laufe der Jahre Hunderte von Morden zu registrieren waren, spricht für sich.

Also in einem gewissen Maße ein wahrhaftiger dokumentarischer Spielfilm. Immerhin zeichnete die Berlinale-Jury 2008 ihn mit dem Goldenen Bären aus.

Thomas Engel