Gleichermaßen transgressiv wie didaktisch wirkt Muriel d’Ansembourgs Debütfilm „Truly Naked“, der bei der Berlinale in der Nebensektion perspectives gezeigt wurde. Die amerikanisch-holländische Regisseurin siedelt ihren Film in Randbereichen der Pornoindustrie an, zeigt fast pornographische Bilder, doch im Kern geht es ihr um emotionale Nacktheit und eine Coming-of-Age-Geschichte, die jedoch von einer allzu aufgesetzten moralischen Haltung übertüncht wird.
Über den Film
Originaltitel
Truly Naked
Deutscher Titel
Truly Naked
Produktionsland
NL,BE,FR
Filmdauer
102 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Vandevorst, Els / Depeweg, Isabella
Regisseur
d’Ansembourg, Muriel
Verleih
capelight pictures OHG
Starttermin
11.06.2026
Aus London sind Alec (Caolán O’Gorman) und sein Vater Dylan (Andrew Howard) in eine kleine Ortschaft gezogen. Hier hofft Alec endlich wie ein normaler Teenager aufwachsen zu können und keine Probleme wegen der Arbeit seines Vaters zu bekommen. Denn der agiert als Pornodarsteller in selbstgemachten Filmen, doch nicht nur das: Die Kamera bei den Hardcore-Szenen führt Alec, der mit stoischer Miene verfolgt, wie sein Vater Darstellerinnen benutzt und dem Kunden gibt, was dieser offenbar verlangt.
Auch wenn er täglich mit Sex konfrontiert ist, für den Vater auch den Schnitt und den Vertrieb der Filme übernimmt, hat Alec keine Erfahrungen mit Mädchen. Das ändert sich, als er in der Schule mit der gleichaltrigen Nina (Safiya Benaddi) zusammenarbeiten soll, ausgerechnet zum Thema Online-Pornosucht.
Nina, deren Mutter als feministische Lifestyle-Coachin arbeitet, zeigt wenig Berührungsängste, auch nachdem die ersten Annäherungsversuche von Alec deutlich schief gehen: Statt Nina in die Augen zu sehen, variiert Alec Szenen, Stellungen, die er aus Pornos kennt, den richtigen Umgang mit Frauen wird er erst nach und nach kennenlernen.
Mit einer fast expliziten Pornoszene beginnt Muriel d’Ansembourgs Debütfilm „Truly Naked“, zeigt Dylan, wie er seine komplett mit Goldfarbe angemalten Partnerin Lizzie (Alessa Savage, hauptberuflich Pornodarstellerin) in wechselnden Stellungen penetriert. Ein für das Mainstreamkino betont transgressiver Akt, der gleich zu Beginn die Frage aufwirft, ob es zwischen dem viel diskutierten männlichen Blick und einem weiblichen Blick tatsächlich einen Unterschied gibt oder ob es letztlich vor allem auf die Intentionen der Filmemacher ankommt, ob eine Szene ausbeuterisch, voyeuristisch oder progressiv wirkt.
Im Folgenden hält sich Muriel d’Ansembourg stilistisch jedenfalls weitestgehend zurück und versucht, eine erstaunlich konventionelle Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, die streng den Mustern des Genres folgt, natürlich bis auf die Umstände von Alecs heimischem Leben. Dass dieses Konstrukt: Der Vater ein Pornodarsteller, der Sohn als Kameramann, wenig glaubwürdig wirkt, deutet an, dass es d’Ansembourg trotz der typischen Indiefilm-Atmosphäre, inklusive leicht verwackelter Handkamera, schroffen Landschaften, die die Seelenzustände der Protagonisten spiegeln, nicht um authentische, aus dem Leben gegriffene Figuren geht, sondern um Typen.
Zwar entstehen gerade zwischen den jungen Nachwuchsschauspielern Caolán O’Gorman und Safiya Benaddi immer wieder schöne Momente, die jedoch unweigerlich vom nächsten didaktischen Moment beendet werden. Wenn da etwa Nina mit der Pornodarstellerin Lizzie über den Sexismus und die scheinbaren Ausbeutungsstrukturen der Pornoindustrie reden, die sich am Ende kaum von denen der Gesellschaft an sich unterscheiden, endet die Diskussion mit der auch nicht unbedingt komplexen Erkenntnis, dass das Patriarchat an allem Schuld sei.
In ihrem Bemühen um Transgressivität verliert sich Muriel d’Ansembourg in allzu bewusst schockierenden Bildern und Handlungsmomenten, die „Truly Naked“ auf oberflächliche Weise provokant wirken lassen. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn wenn sie einfach nur versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, gelingen d’Ansembourg die besten Momente und das ganz ohne zu schockieren.
Michael Meyns







