Tsotsi

Als erster Film aus Afrika wurde das Gangsterdrama "Tsotsi" mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet. Nach dem Goldenen Bären für U-Carmen im Vorjahr ein weiterer großer internationaler Filmpreis für den afrikanischen Kontinent. Vielleicht ein Zeichen für ein zunehmendes Interesse des Westens an eine Filmproduktion aus einer Region, über die man in den Medien viel zu wenig erfährt, und die sich oft nicht hinter westlichen Filmen verstecken muss.

Webseite: www.tsotsimovie.com

Webseite:

Südafrika 2005
Regie: Gavin Hood
Buch: Gavin Hood
Kamera: Lance Gewer
Schnitt: Megan Gill
Musik: Vusi Mahlasela
Darsteller: Presley Chweneyagae, Terry Pheto, Kenneth Nkosi, Mothusi Magano, Zenzo Ngqobe
95 Minuten; Format 1:2,35 Scope
Kinostart: 4. Mai
Verleih: Kinowelt

Hintergrundbericht:

"„Unsere Geschichten sind die gleichen wie die euren – über das menschliche Herz und Gefühle.” So stellte Regisseur Gavin Hood, als er den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, das südafrikanische Kino vor, verknüpft mit dem Wunsch „Gott segne Afrika!”." – …und so beginnt ein Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über das aktuelle südafrikanische Kino.

PRESSESTIMMEN:


Ein mitreißender Film, der sich bei aller Ausweglosigkeit nicht scheut, ein bisschen Hoffnung durchschimmern zu lassen. Dafür gab es in diesem jahr verdientermaßen den Oscar für den besten ausländischen Film.
Der Spiegel

Packend und bewegend.
KulturSPIEGEL

Nichts gegen ‘Sophie Scholl’. Aber dass Gavon Hoods hautnahes, unsentimentales Drama sich beim Rennen um den Auslands-Oscar durchsetzte, geschah völlig zu Recht.
Brigitte

Ein oscar-prämiertes Meisterwerk aus Südafrika… großartig gemachtes, aufwühlendes Kino… Intensiv, ernsthaft und authentisch – ein Gangsterdrama aus den Townships Südafrika, das ganz ohen falsche Sentimentalität Hoffnung beschwört.
Cinema

"Dieser Psychothriller ist eine biblische Parabel, eine Erlösungsgeschichte aus dem neuen Südarika… Es ist die Kraft, die Südafrika, das Land des Rassenwahns, jenseits aller Barbarei hervorgebracht hat: die Kraft der Versöhnung.
Die Zeit

FILMKRITIK:

Schon die moderne Opernvariante U-Carmen entführte den Zuschauer in das Nahe Johannesburg gelegene Townships Khayelitsha, eine Ansammlung von Blechhütten, in der gut eine Million Schwarze ein Dasein fristen, dass von der wirtschaftlichen Entwicklung Südafrikas nahezu komplett übergangen wurde. Kein Wunder also, dass die Gewalt regiert, die in dieser verrohten Welt oft als Ersatz für zivile Kommunikationsformen zu fungieren scheint. Völlig skrupellos, ohne den Hauch von Moral oder schlechtem Zweifeln bewegen sich der halbstarke Tsotsi (Presley Chweneyagae) und seine Gang durch das Township. Ihre Ausflüge nach Johannesburg haben nur ein Ziel: Leichtsinnige Opfer zu finden, die ihr Geld viel zu offen zur Schau stellen. Die Überfälle laufen professionell ab und bei der kleinsten Gegenwehr zögert die Bande nicht, zu extremer Gewalt zu greifen. Das ist das Erste was an Gavin Hoods Film, basierend auf einem Roman des vor allem als Dramatiker bekannten Autors Athol Fugard, auffällt. Vollkommen beiläufig und schonungslos spielt sich die Gewalt ab und wird doch nicht so stilisiert wie etwa im brasilianischen Film City of God, der in mancherlei Hinsicht Vergleichsmodell ist. Doch wo dort mit rohen 16mm Bildern eine an Videoclips angelehnte Atmosphäre erzeugt wird, die sich sehr nah an der Verherrlichung bewegte, bedient sich Hood ausgefeilt komponierter Scope-Bildern, deren brillante Farben einen interessanten Kontrast zum brutalen Kern der Handlung herstellen.

Worum es hier jedoch geht ist keine bloße Darstellung eines kriminellen Lebens, sondern die Suche nach Spuren der Menschlichkeit in einem Charakter, der Zeit seines Lebens auf Nähe, Familie und Liebe verzichten musste. Katalysator dieser Entwicklung ist ein Baby, das Tsotsi bei einem Raubüberfall buchstäblich in die Hände fällt. Es zurücklassen, das bringt selbst er nicht fertig, doch seine harte Gangsterpersona mit den Aufgaben eines Vaters in Einklang zu bringen, stellt ihn vor Probleme, wie er sie noch nie hatte. Und das vor allem, weil sie nicht mit Gewalt zu lösen sind. Allein bei der jungen Mutter Miriam (Terry Pheto), die er zunächst mit vorgehaltener Pistole zum Stillen „seines“ Kindes zwingt, die dann aber zu einem ruhenden Pol seines Lebens wird, findet Tsotsi für wenige Momente zur Besinnung.

Dass hier zu Rückblenden gegriffen wird, die Tsotsis Charakter auf wenig subtile Weise erklären sollen, lässt sich ebenso verschmerzen, wie die oft nur grob skizzierten Nebenfiguren, die die Vielfalt des Townships nur anzudeuten vermögen. Getragen wird der Film von den beiden exzellenten Hauptdarstellern. Als allein erziehende Mutter ist Terry Pheto gleichermaßen verständnisvoll und traurig angesichts der alltäglichen Brutalität des Townships. Die eigentliche Sensation aber ist Presley Chweneyagae, der hier seine erste Filmrolle spielt und nur über wenig Schauspielerfahrung verfügt. Wenig Worte verliert er im Laufe des Films, das Meiste spielt sich in seinem jungenhaften Gesicht ab, dessen Züge immer wieder zu entgleisen drohen wenn er vor Entscheidungen steht, die seine bisherigen Erfahrungen völlig übersteigen. In solchen Momenten, wenn er vor Erregung pulsiert, die unterdrückte Gewalt an die Oberfläche drängt und kaum zurückzuhalten ist, möchte man lieber nicht wissen ob Chweneyagae hier auf eigene Erfahrungen zurückgreift. Vor allem dank seiner Präsenz und Intensität ist Tsotsi ein so mitreißender Film, der eine universelle Geschichte erzählt, die aber dennoch ganz in der südafrikanischen Kultur angesiedelt ist, und so einen faszinierenden Blick auf eine uns oft so ferne Welt öffnet.

Michael Meyns