Und der Zukunft zugewandt

Ein weithin unbekanntes Kapitel der jüngeren deutschen Vergangenheit erzählt dieses sorgfältig inszenierte Drama als Geschichte über Idealismus und den real existierenden Machtmissbrauch. Zugleich als Story über eine starke Frau, die bis zur Selbstverleugnung an ihre Visionen einer besseren Welt glaubt. Zu Unrecht in einem sowjetischen Gulag gefangen, kehrt die überzeugte Kommunistin Antonia (Alexandra Maria Lara) anno 1952 mit ihrer Tochter in die DDR zurück. Dort muss sie über das erlittene Schicksal im Bruderstaat absolutes Stillschweigen bewahren. „Wahrheit ist das, was uns nützt!“, fordern die Partei-Funktionäre. Antonia fügt sich, will dem jungen Staat nicht schaden. Die Liebe zu einem Arzt sorgt alsbald für dramatische Entwicklungen. Exzellent gespielt bis in die Nebenrollen, entwickelt sich eine spannende, frei nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichtsstunde, die das Publikum kaum kalt lassen dürfte. 

Webseite: www.neuevisionen.de

D 2019
Buch und Regie: Bernd Böhlich
Darsteller: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn, Stefan Kurt, Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn, Robert Stadlober, Peter Kurth
Filmlänge: 108 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Kinostart: 5.9.2019

FILMKRITIK:

„Heute ist Lydias elfter Geburtstag. Ich darf die Hoffnung nicht aufgeben!“, notiert Antonia (Alexandra Maria Lara) in ihr Tagebuch. Gemeinsam mit Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) und ihrem Ehemann wird die junge Frau unschuldig in einem sowjetischen Gulag gefangen gehalten. „Noch zwei Jahre, das schaffen wir auch noch“ – ihr Mann schafft es nicht. Mit ihrem schwerkrankem Kind kehrt die Witwe 1952 in die DDR zurück. Im kleinen Fürstenberg sorgt die Partei schnell für eine schöne Wohnung, eine gute Arbeitsstelle im Haus der Kultur sowie die Behandlung von Lydia. Sogar einer der ersten Fernsehapparate wird Antonia geliefert Als Gegenleistung erwartet SED-Kreisleiter Silberstein (Stefan Kurt), dass die Genossin strengstes Stillschweigen über ihr erlittenes Leid im sowjetischen Bruderstaat bewahrt. Wie zwei weitere heimgekehrte Opfer stalinistischer „Säuberungsaktionen“, fügt sich die überzeugte Kommunistin der Parteiräson. Schließlich hegt die Idealistin die große Hoffnung, ihre Heimat werde sich bald zum sozialistischen Staat mit menschlichem Antlitz entwickeln. Davon träumt auch Konrad (Robert Stadlober), der Doktor ihrer Tochter. Für die neue Vision einer besseren Welt, lässt der Arzt sogar die familiäre Praxis in Hamburg zurück. Nicht nur politisch entdecken Konrad und Antonia immer mehr Gemeinsamkeiten.

„Was hinter euch liegt, hat nichts mit Kommunismus zu tun!“, verspricht Genosse Silberstein verheißungsvoll. Andere Funktionäre der Einheitspartei bleiben biedere Bonzen. Der einflussreiche SED-Mann Schuck (Bernd Stegemann) etwa verlangt autoritär bei einer Theaterprobe, dass Antonia ihre fröhliches Kinderstück gefälligst auf Linie zu bringen habe. Da schrumpft die Solidarität von Sozialist Silberstein schnell zum opportunistischen Achselzucken. „Revolution ist kein Wunschkonzert“, wird er später wieder Phrasen dreschen.

Mit Stalins Tod kommt es zur kleinen, gleichwohl dramatischen Wende. Als Konrad sich wundert, dass bei Antonia die TV-Übertragung der Trauerfeier mit Sekt begossen wird, erzählen deren Freundinnen spontan von ihrem Schicksal im Straflager. Der Arzt kann diese Geschichte kaum glauben und fragt beim befreundeten Parteileiter nach. Genosse Silberstein wiegelt wortreich ab. Danach greift er zum Telefon – die Folgen seines Anrufs werden fatal sein.
 
Bernd Böhlich, einst Regisseur beim DDR-Fernsehen, später zweifacher Adolf-Grimme-Preisträger und kreativer Vater von TV-Dorfpolizist Horst Krause, präsentierte sich im Kino bislang zwar nur wenig, dafür mit prominenter Besetzung. Mit Axel Prahl und Katharina Thalbach entstand vor zwölf Jahren die Tragikomödie „Du bist nicht allein“, für „Bis zum Horizont, dann links!“ standen Otto Sander und Angelica Domröse vor der Kamera. Überzeugend gerät auch diese Schauspiel-Riege. Vom stets grandiosen Peter Kurth („Herbert“) in der Nebenrolle des Stasi-Verhörers bis zu Alexandra Maria Lara („Der Fall Collini“), die als Idealistin so glaubhaft wie präzise die Balance zwischen Hoffnung und Zerbrochenheit hält und mit kleinen Gesten großes Empathie-Potenzial bietet.  

Das Drama mag in der Dramaturgie, vor allem anfangs, etwas konventionell gestrickt ausfallen. Die gute alte lineare Erzählweise ist freilich per se ja noch nichts Schlechtes, zumal wenn damit Zeit für die Sorgfältigkeit der Inszenierung bleibt. Der vielfache „Tatort“-Macher Böhlich kann auch durchaus Suspense. Als die Stasi überraschend an der Türe klingelt und Antonia gemeinsam mit Konrad die Flucht ihrer Tochter einfädeln muss, kommt fast Spannung à la „Der zerrissene Vorhang“ auf.                            

Ein Blick zurück im Zorn. Auf idealistische Hoffnungen für einer besseren Welt und neue Visionen. Auf Abgründe realsozialistischer Apparatschiks. Sowie das Scheitern von Systemen. Eine packende Kinogeschichtsstunde für Diskussionen.

Dieter Oßwald

Als deutsche Kommunistin in einem sowjetischen Lager gefangen. Das ist das Schicksal der Hauptfigur von Bernd Böhlichs Film „Und der Zukunft zugewandt“, der sich eines in der DDR lange verschwiegenen Themas annimmt. In seiner Beschäftigung mit einer sehr speziellen Episode der deutschen Geschichte fällt Böhlich jedoch hinter die Komplexität eines Films wie „Gundermann“ zurück.

1952 wird Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Jahrelang hatte sie im fernen Sibirien in einem sowjetischen Gulag eingesessen, nicht etwa, weil sie eine Nationalsozialistin, sondern obwohl sie Kommunisten war. Ihre elfjährige Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) ist durch die Strapazen in der sibirischen Kälte dem Tode nahe, doch in der neuen Heimat Fürstenberg beginnt für Mutter und Tochter ein neues, auf den ersten Blick besseres Leben.
 
Der sozialistische Kreisleiter Silberstein (Stefan Kurt) sorgt dafür, dass Antonia einen Führungsposten im Haus der Kultur erhält, eine Wohnung wird zur Verfügung gestellt, im Krankenhaus wird Lydia dank der Behandlung mit Penicillin schnell wieder gesund. Dort lernt Antonia auch den Arzt Konrad (Robert Stadlober) kennen, der ihr bald den Hof macht.
 
Doch ganz fühlt sich Antonia in der DDR nicht heimisch, denn das Unrecht, dass ihr das sowjetische Brudervolk zugefügt hat, muss der Staatsräson wegen verheimlicht werden. Während ihre Leidensgenossin Irma (Karoline Eichhorn) dem jungen Staat bald den Rücken kehrt, arrangiert sich Antonia mehr schlecht als recht mit dem System und mit der Lüge.
 
„Wahrheit ist das, was uns nützt.“ sagt der sozialistische Parteifunktionär Silberstein bald nach ihrer Ankunft zu Antonia, als sie und ihre Leidensgenossinnen unterschreiben sollen, über ihr Schicksal Stillschweigen zu bewahren. Es sei eine Lüge, die notwendig ist, um den jungen Staat zu schützen, doch bald, sehr bald wird die Wahrheit öffentlich werden, wird Antonia versprochen. Es ist dieses Versprechen, dass sie bei der Scharade mitmachen lässt, es ist dieses schließlich gebrochene Versprechen, dass sie zu einer verbitterten Frau werden lässt. Das darf man zumindest vermuten, wenn man in einigen Vorblenden zum Moment des Mauerfalls die inzwischen alte Antonia in ihrer kleinen Wohnung sitzen sieht, die auf dem Fernseher die Bilder von jubelnden Menschen betrachtet und aus heiterem Himmel von Konrad angerufen wird.
 
In diesen Momenten kann man ahnen, was Bernd Böhlich an dieser, auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte, interessierte. Wie geht eine der sozialistischen Idee zugeneigte Person damit um, dass ihre Ideale verraten werden, dass sie der Staatsräson wegen verheimlichen muss, welche Verbrechen der große Bruder, die vorgeblich unfehlbare Sowjetunion begangen hat? Spannende Fragen zu denen Böhlich aber nur schwer einen dramaturgisch überzeugenden Zugang findet.
 
Allzu viel bleibt Stückwerk in seinem biederen, seltsam altmodischen Film, der aussieht, als wäre er vor 20 oder 30 Jahre gedreht worden. Dass Stalin ein Verbrecher war, dass in der DDR nicht die Wahrheit über die Verbrechen, die im Namen des Sozialismus verübt wurden, gesagt werden konnte, ist ein alter Hut. Insofern fällt Böhlich mit seinem Film deutlich hinter die Diskussion über die Ambivalenz eines Lebens in der DDR zurück, wie sie im letzten Jahr etwa Andreas Dresens Spielfilm „Gundermann“ oder Annekatrin Hendels Dokumentation „Familie Brasch“ geführt hatten.
 
So zerrissen ein Mensch wie Gundermann geschildert wurde, der an die Idee des Sozialismus glaubte und nur langsam begriff, welche Lebenslügen er dafür in Kauf nahm, so schlicht mutet die Darstellung der DDR-Realität in „Und der Zukunft zugewandt“ an. „Ich liebe die Sowjetunion, sie ist meine zweite Heimat, aber Unrecht ist Unrecht.“ heißt es da an einer Stelle, nur ein Beispiel für ein allzu thesenhaftes Drehbuch, das viel zu deutlich sagt, was es meint und viel zu selten andeutet und Zwischentöne findet.
 
Michael Meyns