Er sang schon Schlager, als Helene Fischer noch in die Schule ging. Mit seinen Spaß-Versionen der 70er-Jahre-Schlager avancierte Dieter Thomas Kuhn zur Kultfigur und füllt seit mehr als drei Jahrzehnten die Hallen und Open-Air-Arenen der Republik. Fönwelle, Glitzeranzug und Brusthaar-Toupet sind Markenzeichen des gelernten Masseurs aus Tübingen. Höchste Zeit, dem Gute-Laune-Phänomen auf der Leinwand auf die Spur zu kommen. Was „Queen“ und „Michael“ Jackson recht ist, kann der singenden Fönwelle schließlich nur billig sein. Die Doku ist kein Biopic im üblichen Stil. Neben den gängigen Konzert-Ausschnitten gibt es einen cleveren Blick hinter die Kulissen. Gleichsam nebenbei erzählt UEWS die Geschichte eines kulturellen Phänomens und zelebriert die ungewöhnliche Männerfreundschaft zweier charismatischer Musiker. Mittendrin statt nur dabei: Hossa!
Über den Film
Originaltitel
Und es war Sommer – Dieter Thomas Kuhn & Band
Deutscher Titel
Und es war Sommer – Dieter Thomas Kuhn & Band
Produktionsland
DEU
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Schuffert, Carsten
Regisseur
Sauter, Juliane
Verleih
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Starttermin
17.09.2026
„Dieter Thomas Kuhn ist Magie. Einfach Magie“, schwärmt ein Fan gleich zu Beginn. Die Aussage ist zugleich programmatisch für dieses Künstlerporträt. Über 150 Stunden Drehmaterial sind bei der Langzeitbeobachtung der jungen Regisseurin Juliane Sauter zusammengekommen. Weitere 30 Stunden Material hat sie in den Archiven gesichtet und Highlights eingebaut. Herausgekommen ist ein buntes Kaleidoskop über den Kult-Sänger, seine Fans sowie dessen langjährigen Freund Philipp Feldtkeller, den kreativen Kopf hinter dem Projekt.
Es war der Sommer anno 1992, als Dieter Thomas Kuhn und seine Kapelle in Italien bei einem Dorffest zum ersten Mal öffentlich aufspielten. Mehr als drei Jahrzehnte werden DTK (so sein Kürzel) und seine Band mit spaßigen Schlager-Coversongs das Publikum begeistern. „Dieter, ich will ein Kind von dir“ stand auf T-Shirts der ersten Stunden. „Dieter, ich bin ein Kind von dir“ lautete später das Spruch-Update.
„Wir sind die älteste Boygroup der Welt!“, lacht der Sänger auf einer Archivaufnahme in die Kamera. Er wolle die „Legalisierung des Schlagers“, antwortet er fröhlich auf biedere Reporterfragen. Alte TV-Bilder gibt es reichlich in dieser Doku. Schnell wird deutlich, dass Selbstironie und Spaß zum Konzept von DTK gehören. Das erweist sich in seinen lässigen Interviews und auf der Bühne sowieso. Kuhn ist die Ikone des deutschen Schlagers. Und zugleich dessen perfekte Parodie. „Ein typisches Phänomen der Postmoderne im ausgehenden 20. Jahrhundert, bei dem die Kopie das Original an Wucht und Wirkung weit übertrifft“, dozierte einst die ,,Dankeföhn“-Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum. Und bescheinigte augenzwinkernd, „eine skurrile Selbstinszenierung als entlarvende Spiegelung spätkapitalistischer Gefühls- und Verhaltensmuster“.
Auf soziologische Erklärungen verzichtet Regisseurin Juliane Sauter. Ihr Konzept heißt „Mittendrin statt nur dabei.“ Im Sommer 2024 begleitet sie mit der Kamera die achtköpfige Band auf ihrer großen Open-Air-Tour quer durch Deutschland. Immer wieder kommen Fans zu Wort, manche reisen dem Idol seit Jahren treu hinterher. Sonnenblumen gehören zur Grundausstattung, viele erscheinen in bonbonbunten Retro-Kostümen, manche mit aufgeklebtem Brusthaar-Toupet. Die temporeich aufgepeppten Ohrwürmer von Peter Alexander, Peter Maffay, Costa Cordalis und Co. werden textsicher mitgesungen. „Vielleicht ist es einfach die kleine Flucht aus dem Alltag“, spekuliert der Sänger in einem frühen Interview über den enormen Erfolg seines unbekümmerten Spaßprojekts. Der Kuhn-Kult ist kein kalkulierter Hype, kein durchdachtes Kunstprodukt oder anbiedernde Gefühlsduselei. Das DTK-Konzept lautet: kein Konzept! Und diese Echtheit wird vom Publikum kollektiv gefeiert.
„Ein Film über Zusammenhalt, Zuversicht und Zugaben“ verspricht der Untertitel. Es geht freilich zugleich auch um Fehler, Karriereknicks und Schicksalsschläge. Jenes Abschlusskonzert in der Stuttgarter Schleyer-Halle samt Glatzenrasur der Band etwa. Oder der Neustart mit eigenen Songs, der zum Flop gerät. Oder jene Krankheit, die die Band zur langen Pause zwingt. „Was im nächsten Jahr passiert, das steht jetzt in den Sternen“, heißt es da in großer Offenheit. Die gesellschaftliche Situation wird gleichfalls eher skeptisch gesehen: „Die Unbeschwertheit der 90er ist vorbei“ analysiert der Gitarrist die Lage. Der Vergnüglichkeit auf der Bühne tut das alles keinen Abbruch.
So entspannt und fröhlich die Band seit über drei Jahrzehnten auf der Bühne steht, so unbeschwert macht sich die 30-jährige Filmemacherin an ihre teilnehmende Beobachtung. Wie bei ihrem Abschlussfilm „Primadonna or Nothing“, bei dem sie drei Opernsängerinnen begleitet, setzt die Regisseurin auf emotionale Wahrhaftigkeit. Dieses Prinzip gehört gleichfalls zum Geschäftsmodell von DTK, der auf gängiges PR-Blabla schon seit jeher verzichtet.
„Im Rhythmus der Utopie“ lautete der Arbeitstitel des Projekts. Für ein vergnügliches Biopic klänge das freilich zu ernst. Als Studie des modernen Eskapismus funktioniert die Doku freilich ebenso gut wie als üppiges Hopecore-Füllhorn für die Fans. Als Sahnehäubchen gibt es ganz zum Schluss eine amüsante Filmkritik von Dieter Thomas Kuhn. Die gilt seinem Kinoausflug mit Esther Schweins, der unter dem Titel „Der Trip – Die nackte Gitarre 0,5“ vor genau 30 Jahren das Licht der Leinwand erblickte. Dem Werk von „Manta Manta“-Macher Wolfgang Büld war einst mehr Häme als Erfolg gegönnt. Das dürfte bei diesem cineastischen „Festival der Liebe“ ziemlich anders sein: Und es ist Dieter!
Dieter Oßwald







