Under the same Moon

Das mexikanische Mutter-Sohn-Drama „Under the same Moon“ übt scharfe Kritik an der rigiden Einwanderungspraxis der Vereinigten Staaten. Leider tut es dies nicht mit allzu subtilen oder kreativen Mitteln. Bereits die Grundidee klingt stark nach einem manipulativen Rührstück. Ein kleiner Junge, der von seiner Mutter einst notgedrungen in der mexikanischen Heimat zurückgelassen wurde, macht sich eigenhändig auf den Weg nach Los Angeles, wo er nach vier Jahren auf ein Wiedersehen mit seiner Mama hofft.

Webseite: www.senator.de

OT: La misma luna
Mexiko/USA 2007
Regie: Patricia Riggen
Drehbuch: Ligiah Villalobos
Kamera: Checco Varese
Musik: Carlo Siliotto
Darsteller: Kate Del Castillo, Adrián Alonso, Eugenio Derbez, Carmen Salinas, Maya Zapata, America Ferrara, Gabriel Porras
Laufzeit: 106 Minuten
Kinostart: 9.7.2009
Verleih: Senator
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Schätzungen zufolge gelingt jedes Jahr allein rund 150.000 Mexikanern illegal die Einreise in die USA. Dabei scheitern jedoch fast zehnmal so viele an den strengen Grenzkontrollen der „Border Police“. Einmal im gelobten Land angekommen, verdienen diejenigen, die es geschafft haben, meist mit einfachen Arbeiten und Aushilfsjobs ihren Lebensunterhalt. Viele Mexikaner sind in der Landwirtschaft, in der Gastronomie oder als Haushaltshilfen beschäftigt.

Auch Rosario (Kate Del Castillo) hat ihre Heimat einst verlassen. Wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen sein muss, zeigt sich bereits daran, dass sie ihr einziges Kind Carlito (Adrián Alonso) bei den Großeltern zurückgelassen hat. Mutter und Sohn verbindet seit vier Jahren nur das zum Ritual gewordene sonntägliche Telefonat, in dem Rosario immer wieder verspricht, schon bald nach Hause zurückkehren zu wollen. Als die Großmutter unerwartet stirbt, trifft Carlito eine wagemutige Entscheidung. Mit seinen gerade einmal neun Jahren will der Junge ganz auf sich alleine gestellt seine Mutter im fremden Los Angeles besuchen. Das illegale Überqueren der Grenze erweist sich hierbei als nur eines von zahlreichen Hindernissen.

In „Under the same Moon“ arbeitet Regisseurin Patricia Riggen mit einem beständigen Wechsel der Genres und Stimmungen. Obwohl ihr Film als emotionales Mutter-Sohn-Melodram mit politischen/gesellschaftskritischen Untertönen vermarktet wird, schleichen sich auch immer wieder klassische Spannungselemente in die recht vorhersehbare Geschichte ein. Da erklärt sich ein junges Pärchen dazu bereit, Carlito im eigenen Auto in die USA zu schmuggeln, was prompt schief geht und von Riggen wie die Schlüsselszene eines Thrillers inszeniert wird. Innerhalb weniger Tage gerät der Junge immer wieder in ähnlich brenzlige Situationen, was in dieser Anhäufung nur bedingt glaubwürdig erscheint. Mal sind es Zollbeamten, die Jagd auf illegale Plantagen-Arbeiter machen und den kleinen Carlito um ein Haar aufgreifen, ein anderes Mal läuft er Gefahr, skrupellosen Kinderhändlern in die Hände zu fallen.

Schwerer als die Plausibilitätsdefizite des Plots wiegt allerdings die sehr kalkulierte, leicht durchschaubare Manipulation des Zuschauers. Die Tränen von Mutter und Sohn kullern hier zu leicht und zu oft. Obendrein wird Jungdarsteller Adrián Alonso von Riggen viel zu offensichtlich als emotionale Allzweckwaffe instrumentalisiert. Immer wieder blickt er uns mit seinen großen, braunen Kinderaugen an, was in dieser Redundanz irgendwann nur noch schwer zu ertragen ist. Überhaupt mangelt es „Under the same Moon“ an interessanten Einfällen. Dass der Film das unsichtbare Band zwischen Mutter und Sohn lediglich über banalste Dialoge und verkitschte Aufnahmen des Nachthimmels aufzuzeigen vermag, ist dafür nur ein weiterer Beleg. Auch der Einsatz der Parallelmontage verbraucht sich viel zu schnell.

Unter die Langeweile mischt sich mit zunehmender Laufzeit ein ungutes Gefühl. Über die strikte Schwarz-Weiss-Zeichnung einzelner Charaktere spielt Riggens Film unterschwellig den in der mexikanischen Gesellschaft verwurzelten Vorurteilen über den nördlichen Nachbarn in die Hände. Nimmt man die Geschichte ernst (was man gewiss nicht tun sollte), dann verläuft parallel zur tatsächlichen Grenze scheinbar auch eine moralische wie ethische Demarkationslinie. Amerikaner sind in aller Regel entweder arrogant oder kriminell, wohingegen Mexikaner ihr solidarisches Gemeinschaftsgefühl pflegen und reinen Herzens sind. Ohne es zu wollen befeuert „Under the same Moon“ hierüber letztlich rassistische Ressentiments. Die berechtigte Kritik an der Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten tritt dem gegenüber bedauerlicherweise in den Hintergrund.

Marcus Wessel