9 to 5 – Days in Porn

Der deutsche Regisseur Jens Hoffmann blickt mit seiner Dokumentation „9 to 5: Days in Porn“ in das Epizentrum der Pornoindustrie, das kalifornische San Fernando Valley. Trotz offenbar freiem Zugang zu Pornodrehs und diversen Figuren des Geschäfts zeigt sein Film jedoch wenig Neues und krankt vor allem an einer fehlenden Haltung zu seinem Thema.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2008 – Dokumentation
Regie und Buch: Jens Hoffmann
Schnitt: Christopher Klotz, Kai Schröter
Musik: Alex McGowan, Michael Meinl
95 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Zorro Verleih
Kinostart: 2. Juli 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der zunehmende Einfluss der Pornographie in fast alle Bereiche der Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren immer wieder beschrieben und oft beklagt worden. Werbung wird immer freizügiger, Musikvideos spielen unverhohlen mit Porno-Klischees, durch das Internet ist Pornographie so vielfältig und leicht verfügbar wie noch nie, mit schöner Regelmäßigkeit entstehen Autorenfilme, die mit der Darstellung von „echten“ Sexszenen kokettieren. Das dies immer noch ausreicht, einen (zumindest kleinen) Skandal zu provozieren, zeigt allerdings auch, wie heikel das Thema Pornographie dann eben doch noch ist. Die Folge ist schizophren: die gleichzeitige Faszination mit der glatten Oberflächlichkeit, der in Pornos dargestellten Sexualität, und die Verdammung der Pornoindustrie und ihres vorgeblich sexistischen Wesens.

Schon der Titel seiner Dokumentation zeigt, welchen Ansatz Jens Hoffman gewählt hat: Er versucht einen wertneutralen Blick auf die Pornoindustrie als ganz normalen Job zu werfen, zu dem man morgens geht und den man abends ablegt. Allein in diesem Ansatz steckt schon ein großes Problem, denn selbstverständlich ist das Drehen von Hardcore Pornos kein gewöhnlicher Job, sind die Menschen, die Hoffmann zeigt, alles andere als durchschnittlich, in manchen Fällen noch nicht mal besonders „normal“. Nicht weil sie in irgendeiner Form pervers oder gar krank wären, sondern einfach, weil der Job sie auf eine Weise verändert hat, die sie sich selbst kaum zugestehen wollen. Sie versuchen ein normales Leben zu führen, doch das gelingt nur bedingt. Diverse Prototypen stellt Hoffman vor: Den Agenten, das Paar, die Newcomerin und viele mehr. Zu viele merkt man bald, vor allem zu gleichförmig. Die Aussagen der einzelnen Interviewten unterscheiden sich kaum, alle sind mehr oder weniger zufrieden mit ihrem Job, haben Pläne und vor allem gerne Sex. Den zeigt der Film bemüht diskret, stets bedacht, keine „wirkliche“ Pornographie zu zeigen, aber doch voyeuristisch genug, um so nah ranzugehen wie es ein nicht-Porno eben kann.

Bald fragt man sich, was der Film eigentlich möchte. Er bemüht sich, den Alltag des Pornogeschäftes darzustellen, zeigt die Produzenten, die Darsteller sichten und in Kategorien einteilen, das Besprechen der Dreharbeiten, aber auch die Bemühungen der weiblichen Darsteller (männliche kommen kaum zu Wort), ihren Körper, ihr Kapital, zu pflegen. Mit einem Gespür für Nuancen, für die Abgründe des körperlich harten Geschäftes, hätte die filmische Version des Fotobandes „PornoLand“ entstehen können. Mit seinen brillanten Fotos vermochte es der italienische Fotografen Stefano de Luigi bei aller Sympathie für die Darsteller, die Abgründe der Pornoindustrie zu zeigen, ohne das Offensichtliche in Worte fassen zu müssen. Jens Hoffmann dagegen spricht alles aus. Und da er offensichtlich Sorge trägt, dass sein Blick auf die Pornoindustrie zu positiv ausgefallen ist, zumal keiner der unmittelbar Beteiligten sich auch nur ansatzweise kritisch äußert, gibt es immer wieder Montagen mit Außenstehenden. Teils ehemaligen Darstellern, teils Wissenschaftlern, die skeptische Bemerkungen anbringen dürfen, Allgemeinplätze, aber keine wirkliche Analyse. Diese Momente wirken wie ein Sicherheitsnetz, damit niemand dem Film vorwerfen kann, allzu unkritisch zu sein, die Pornoindustrie zu verharmlosen. Gleichzeitig sorgen sie endgültig dafür, dass „9 to 5: Days in Porn“ das fehlt, was gerade bei einem so vielschichtigen, problematischen Thema wie der Pornoindustrie von Nöten gewesen wäre: Eine Haltung.

Michael Meyns

Der Begriff Porno hat verständlicherweise einen üblen Beigeschmack. Das Phänomen völlig zu ignorieren hätte aber wenig Sinn. Jens Hoffmann hat sich mit einem Dokumentarfilm denn auch der Sache angenommen.

Schauplatz Kalifornien. „Hauptdarsteller“ sind ein Manager und Pornodarsteller, der sich als „liberaler Künstler“ versteht, und seine Ehefrau Audrey, ebenfalls Pornoschauspielerin, dann ein weiterer Manager, der die Mädchen castet und „betreut“, sowie die Actricen Belladonna, Mia, Roxy, Sasha und andere.

Was die Beteiligten sagen: 50 Millionen Menschen schauen sich in den USA Pornos an. An die 100 Pornoproduktionsfirmen oder mehr gebe es, große und kleine. Exportiert werde in 40 Länder, darunter Kanada, Spanien, Deutschland usw. Über 600 DVDs haben die hier Vorgestellten offenbar bereits produziert, 10 bis 14 pro Monat. Bis zu 10 000 DVDs werden monatlich abgesetzt. „Evil Angel“ oder ähnlich heißen die Firmen, die derlei herstellen, „Extreme Verletzungen“ usw. die Produkte.

Was treibt die „Darstellerinnen“ zu ihrem oft perversen, gesundheitlich nicht ungefährlichen, außenseiterischen Tun? Geldsucht, Ruhmsucht, Sexsucht, Hintertür zu Hollywood, heißt es. „Ich bete Sex an“, sagt die eine. „Lieber Porno als Kinder schlagen und den Mann hassen“, lautet ein anderer Bescheid. „Porno hat mich reifer gemacht“, eine weitere Auskunft.

Grenzen gibt es keine mehr. Nicht nur hardcore-, sondern „high end“-Sex lautet die Parole. Das heißt „geil“, „versaut“, „erniedrigend“, „obszön“, „anal“, „doppelseitig“, „immer krasser“, „kreativ“, Weiße und Schwarze, sexuelle Athletik, „würgen, schlagen, Hure nennen“ usw.

Es ist ein Job wie jeder andere, sagen die Beteiligten. Und: „Die draußen – gemeint sind die DVD-Käufer und –Benutzer – sind schlimmer als die von der Pornobranche.“

Eine, die nach Jahren ausstieg, wurde Ärztin und versucht mit ihrem Institut gegenzusteuern: gegen das Gewerbe, gegen die Drogen, gegen einen tiefen Fall nach der aktiven Zeit. Sie legt eine Art Bekenntnis ab, das durchaus ernst zu nehmen ist. Eine ältere Porno-„Ikone“ pflichtet ihr bei.

Der Film begibt sich auf eine Gratwanderung. Er deckt schonungslos die Pornoindustrie auf, mit der eine Menge Geld gemacht wird – „mehr als mit allen Sportveranstaltungen“ -, aber er schreckt auch vor zahllosen voyeuristischen Aufnahmen keineswegs zurück. Aus welchem Grund dies speziell so ist, muss jeder selbst beurteilen. Auf jeden Fall sollten jugendliche, zartbesaitete, nicht abgebrühte Gemüter darauf aufmerksam gemacht und gewarnt werden.

Thomas Engel