Utøya 22. Juli

Sieben Jahre ist es her, dass Norwegen vom schlimmsten Terrorangriff seiner Geschichte heimgesucht wurde. Die Ereignisse jenes 22. Juli stellt Erik Poppe in seinem Film „Utøya 22. Juli“ minutiös nach – nicht mehr und nicht weniger. Das ist gleichermaßen bewusst zurückhaltend, aber auch ausweichend und wirft bei aller technischen Qualität am Ende die Frage auf, ob dies die richtige Art ist, einen solchen Anschlag filmisch umzusetzen.

Webseite: www.weltkino.de

Norwegen 2018
Regie: Erik Poppe
Buch: Anna Bache-Wiig & Siv Rajendram Eliassen
Darsteller: Andrea Berntzen, Aleksander Holmen, Brede Fristad, Elli Rhiannon Müller Osbourne, Sorosh Sadat
Länge: 92 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 20. September 2018
 

FILMKRITIK:

Gegen halb vier am 22. Juli 2011 explodierte im Osloer Regierungsviertel eine Bombe und tötete acht Menschen. Zwei Stunden später fiel auf der vor der norwegischen Küste gelegenen Insel Utøya der erste Schuss, abgefeuert von Anders Behring Breivik, der in den nächsten Minuten insgesamt 69 Menschen tötete, die meisten unter 20 Jahre alt, Schulkinder, die für ein Ferienlager auf der Insel weilten.

Wie diese Jugendlichen die Minuten der Angst erlebten, wie sie mitansehen mussten, wie Freunde ermordet wurden, wie sie verzweifelt versuchten, sich zu retten, irgendwo ein Versteck zu finden, in Todesangst ausharrten, bis endlich die Polizei auf der Insel eintraf, um Breivik festzunehmen, das ist das Thema von Erik Poppes „Utøya 22. Juli.“ Die Form, die Poppe, der bislang eher Melodramen wie „Tausendmal gute Nacht“ oder historische Stoffe wie „The King's Choice – Angriff auf Norwegen“ gedreht hatte, dabei wählt, ist die einer immersiven, ungeschnittenen Einstellung.

Nach ein paar Dokumentaraufnahmen, die den Bombenanschlag in Oslo zeigen, schneidet der Film auf die Insel, wo seine Hauptfigur Kaya (Andrea Berntzen) zusammen mit Schulfreunden gerade ihr Zelt einrichtet und sich auf die Tage auf der Insel freut. Doch per Handy erfahren die Schüler erste Nachrichten vom Anschlag in der Hauptstadt, im Fernsehen laufen Bilder, die ein Bild des Chaos vermitteln, doch bevor die Nachricht sacken kann, geht das Grauen schon los: Schüsse hallen über die Insel, in Panik wegrennende Jugendliche lassen keinen Zweifel daran, was sich hier anbahnt.

Im folgenden bleibt die mobile Kamera von Martin Otterbeck immer ganz nah bei Kaya, rennt mit ihr weg, versteckt sich mit ihr, wenn der unbekannte Attentäter bedrohlich nahe kommt, liegt mit ihr hinter Büschen und auf dem Waldboden, blickt mal minutenlang in ihr verzweifeltes Gesicht, bleibt mal unbarmherzig auf der blutigen Wunde eines Schulfreundes hängen, während Kaya versucht, per Telefon ihre kleine Schwester zu erreichen, die sich ebenfalls irgendwo auf der Insel aufhält.

Technisch betrachtet ist das fraglos eindrucksvoll, eine bemerkenswerte Koordinationsleistung, auch schauspielerisch überzeugend, gerade von Andrea Berntzen, die fast in jedem Moment im Bild zu sehen ist. Doch was ist der Erkenntnisgewinn dieser gleichermaßen zurückgenommenen wie exaltierten filmischen Form? Hintergründe vermitteln Poppe und seine Drehbuchautorin keine, was gerade in Norwegen wohl auch nicht nötig ist, wo zumindest die bloßen Fakten des Terrorangriffs und der Pamphlete Berviks, die veröffentlicht wurden, jedem Bürger bekannt sind. Doch der bewusste Verzicht, eine eigene Haltung zu den Ereignissen einzunehmen, nach Antworten zu suchen, vielleicht auch über Motive und Ursachen zu spekulieren, wirkt bisweilen wie eine Ausflucht.

Stilistisch erinnert „Utøya 22. Juli“ an Gus van Sants „Elephant“, der das Littleton-Schulmassaker als Ausgangspunkt nahm, es jedoch fiktionalisierte und künstlerisch verfremdete. In langen Einstellungen beobachtete van Sant damals zwei Jugendliche, die aus nicht weiter definierten Gründen durch die Gänge ihrer Schule gingen und andere Schüler töteten. Ganz ähnlich verfährt nun oberflächlich betrachtet auch Poppe, doch gerade das er glaubt, eine bloße, penible Nachstellung der Ereignisse, würde zu einem Erkenntnisgewinn ausreichen, ist am Ende die Krux seines Unterfangens. Vielleicht ist so eine Wahnsinnstat auch einfach nicht zu begreifen oder gar zu erklären, doch ob es ausreicht, so ein Ereignis einfach nachzustellen, muss wohl jeder Zuschauer selbst beurteilen.

Michael Meyns