Verfolgt

Regisseurin Angelina Maccarone („Fremde Haut“) erweist sich auch in ihrem dritten Spielfilm als Meisterin der nuancierten Inszenierung zwischenmenschlicher Beziehungen. In „Verfolgt“ treffen die 49jährige Bewährungshelferin Elsa und der 16jährige Straftäter Jan aufeinander und beginnen gegen alle Umstände und Wahrscheinlichkeit eine sadomasochistische Beziehung miteinander. Ein düsteres und mitreißendes Kammerspiel um Dominanz, Unterwerfung, Sucht, Befreiung, Liebe und das ganz normale Leben.

Webseite: www.verfolgt-der-film.de

Deutschland 2006
Regie: Angelina Maccarone
Buch: Susanne Billig
K: Bernd Meiners
D: Kostja Ullmann, Maren Kroymann, Moritz Grove, Sophie Rogall
Länge: 87 min
Verleih: 24 Bilder
Filmstart: 4.1.2007

PRESSESTIMMEN:

Ein sehr offener, nie voyeuristischer Film, der seinen beiden hervorragenden Hauptdarstellern einiges abverlangt, dem es durch seinen Wagemut aber eindrucksvoll gelingt, die seelische Tiefe seiner Protagonisten auszuloten. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Regisseurin Angelina Maccarone („Fremde Haut“) erweist sich auch in ihrem dritten Spielfilm als Meisterin der nuancierten Inszenierung zwischenmenschlicher Beziehungen. In „Verfolgt“ treffen die 49jährige Bewährungshelferin Elsa und der 16jährige Straftäter Jan aufeinander und beginnen gegen alle Umstände und Wahrscheinlichkeit eine sadomasochistische Beziehung miteinander. Ein düsteres und mitreißendes Kammerspiel um Dominanz, Unterwerfung, Sucht, Befreiung, Liebe und das ganz normale Leben.

Es wird hart, das macht schon die erste Einstellung deutlich. Die Nahaufnahme eines Augenpaares, schwarz-weiß, keine Musik. Als die Kamera hinauszoomt, ist der 16jährige Jan Winkler zu sehen, wie er auf dem Hof des Jugendgefängnisses steht und auf den Basketball wartet, ihn fängt und festhält und damit die anderen Jugendlichen solange provoziert, bis die ihn überrennen und ihm den Ball gewaltsam abnehmen.

Jans spezielle Form aggressiver Passivität findet ihr Gegenstück in der 49jährigen Bewährungshelferin Elsa Seifert, von Maren Kroymann als ultra-kompetente, unsentimentale Sozialarbeiterin-Geschäftsfrau gespielt, die ihre Schützlinge im Kommandoton managed. Während ihre schroffe Art und Unnahbarkeit die anderen Jugendlichen auf Distanz halten, ist Jan sofort fasziniert von Elsa. Immer wieder provoziert er absichtlich Auseinandersetzungen, stiehlt beispielsweise Geld oder sabotiert den Unterricht. Wenn er dann zur Rede gestellt und bestraft wird, genießt er das sichtlich. Elsa ist irritiert, dass ihre Disziplinierungsversuche derart ins Leere laufen. Viel verstörender ist allerdings die Erkenntnis, dass sie auf Jans Angebot sexueller Unterwerfung anspricht. Schließlich lässt sie sich, gegen besseres Wissen, auf eine sadomasochistische Beziehung mit dem Jungen ein.

Angelina Maccarone erzählt präzise, ungeschönt, rasant und schnörkellos. Keine Szene ist zuviel, keine Information überflüssig. Die Lebensumstände der beiden Hauptpersonen werden nur aufs Gröbste skizziert, an biographischen Herleitungen oder psychoanalytischen Erklärungen besteht kein Interesse. Von Jan weiß man eigentlich nur, dass er geklaut hat, von Elsa Seifert immerhin, dass ihr Mann eine Autowerkstatt leitet und die erwachsene Tochter gerade ausgezogen ist. Maccarone konzentriert sich völlig auf die Begegnung der beiden Hauptpersonen, die sie mit unglaublich viel Gefühl für Nuancen in Szene setzt. In exakten Bildern, deren proletarische Ästhetik an das englische ‚Free Cinema’ der 60er Jahre erinnert – beschreibt sie die sexuelle und emotionale Entwicklung, die Jan und Elsa zusammen und jeder für sich erleben. Abseits aller Domina-Klischees und SM-Gimmicks gelingt es ihr dabei auch, das Spiel um Unterwerfung und Dominanz einzufangen, dass Jan und Elsa verbindet. So gestaltet sich der erste Klaps eher unbeholfen und harmlos und ist dennoch spürbar ein hocherotisches Ereignis – und ein Wendepunkt für Elsa, die durch die Entdeckung ihrer sexuellen Präferenz jäh aus ihrem bisherigen Leben katapultiert wird. Selbstredend ist das alles exzellent geschauspielert.

Thematisch liegt ein Vergleich mit „Die Klavierspielerin“ nahe – auch hier geht es um die sadomasochistische Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann. Ansonsten könnten die Filme kaum unterschiedlicher sein. Während sich die Zuschauerin bei Haneke/Jelinek   wie eine unbeteiligte Betrachterin in einem hochartifiziellen und grausamen Gedanken-Experiment zum Thema Kunst, Gesellschaft und Perversion vorkommt, geht „Verfolgt“  unmittelbar nahe.
Zudem problematisiert „Verfolgt“ zwar die Umstände der Beziehung von Elsa und ihrem minderjährigen Schutzbefohlenen Jan, nicht aber deren sexuelle Ausrichtung.

„Verfolgt“ ist verstörend in seiner Härte und der Radikalität mit der das Leben der Beteiligten aus den Fugen gerissen wird, aber befreiend in seinem Mut, Sexualität darzustellen.

Hendrike Bake

 

 

Die Synopsis – zwischen einem Jugendlichen und einer 50-jährigen Frau entflammt eine sadomasochistische Beziehung – weckt schlimmste Befürchtungen. Das Thema birgt so viele Fallstricke, dass ein Film darüber nur scheitern kann. Regisseurin Angelina Maccarone stolpert jedoch nicht. Sie entscheidet klug, was sich zeigen lässt und was nicht, und zieht so viele Bedeutungsebenen in die Beziehung des ungleichen Paares ein, dass „Verfolgt“ weit mehr ist als ein SM-Film.  

Vom Suchen und Finden der Liebe könnte man frei nach Helmut Dietl das erste Drittel des Films nennen. Die Bewährungshelferin Elsa und ihr junger Schützling Jan sehen sich nicht nur bei amtlichen Terminen, sondern auch darüber hinaus. Jan sucht offenkundig die Nähe seiner Betreuerin. Er folgt ihr, drängt sich in ihr Privatleben und macht ihr ein Geschenk. Was er will, ist nicht klar. Elsa scheint zunächst misstrauisch an eine trickreiche Strategie zu denken, mit der ihr Klient sich einen Vorteil zu verschaffen versucht. Zwischen ihrer schroffen Ablehnung („Lass mich in Ruhe, verdammt noch mal“) und ihrem ersten Rendezvous („Punkt acht an der Ecke“) vergeht eine Menge Zeit. Das ist nachvollziehbar, denn es braucht eine Weile, bis Elsa weiß oder zumindest ahnt, was da für ein ungeheuerliches Angebot im Raum steht, und bis sie sich traut, das Ungeheuerliche zu wagen. Es ist irgendwann klar, dass es hier nicht um Sex geht. Jan zeigt sich latent unterwürfig und wagt sich bei der ersten richtigen Begegnung mit dem Satz „Vielleicht wollen Sie mich bestrafen“ aus der Deckung. Diese Aussage, halb Frage, halb Feststellung, markiert den Beginn einer Amour fou mit Schmerzen und der Suche nach Erlösung.
 
Die Regisseurin, die im vergangenen Jahr mit dem Flüchtlingsdrama „Fremde Haut“ beeindruckte, inszeniert die SM-Szenen diskret und in einem Grundton, der nicht das Gewalttätige, sondern die Zuwendung betont. Auch die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu drehen, hat damit zu tun, die Lust beim Schlagen und Geschlagenwerden nicht platt auszustellen, sondern sie zu verfremden. Schwarz und Weiß sind vielleicht auch die angemessenen Farben, um Maren Kroymanns Gesicht zu erfassen, die als Elsa den Film über weite Strecken trägt. Wie die als Comedy-Expertin bekannte Darstellerin mit strenger Ernsthaftigkeit ihre Rolle meistert, ist die große Überraschung dieses Films. Die Regungen ihres Gesichts erzählen, wie sich etwas grundlegend in ihr ändert. Kostja Ullmann als Jan wirkt mit seinen großen Augen, vollen Lippen und niedlichen Locken zunächst wie der unschuldige Traum mittelalter Damen, erweist sich aber als hartnäckiger und ebenbürtiger Partner Elsas. Unter den Nebenfiguren hat nur Jans Kumpel Frieder (Moritz Grove) ein glaubwürdiges Profil. Elsas Lebensgefährte Raimar (Markus Völlenklee) irritiert als Hanswurst, ihr Vorgesetzter ist eine allenfalls grob skizzierte Figur.

Es macht aber nichts, dass die Nebenfiguren hier kaum dazu taugen, den beiden Hauptcharakteren weitere Konturen zu verleihen. Denn der Facettenreichtum in der Beziehung zwischen Elsa und Jan reicht allemal. Die SM-Geschichte ist nur ein Aspekt unter vielen, die ähnlich abenteuerlich sind. Der juristische Aspekt zum Beispiel: Der Junge ist minderjährig und schutzbefohlen. Man kann zudem darüber nachdenken, ob es bei ihm einen Missbrauchshintergrund gibt. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich in einen mehr als drei Jahrzehnte jüngeren Mann verliebt. Es ist die Geschichte eines Jugendlichen, der erste Erfahrungen mit einer dreimal so alten Frau sammelt. Und es ist nicht zuletzt eine Geschichte vom Strafen und Bestraftwerden, die in der Konstellation Krimineller – Bewährungshelferin steckt. Kurzum: Diese Beziehung bricht viele Tabus und ist deshalb ganz und gar unmöglich. Maccarone treibt den Tabubruch auf die Spitze, um die engen Grenzen hervortreten zu lassen, denen Beziehungen unterliegen. Ihr geht es letztlich um die Freiheit und den Mut, etwas zu wagen. In manchen Momenten blitzt das Gefühl der Freiheit  auf in den Gesichtern des ungleichen Paars, was angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Tuns umso schmerzlicher ist.

Volker Mazassek