Ein früher, weniger bekannter Roman von Virginia Woolf bildet die Vorlage für einen sich betont modern gebenden Kostümfilm, der im stocksteifen England kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt und von Emanzipation und Selbstverwirklichung erzählt. In der filmischen Adaption von Tina Gharavi ist die Emanzipation der Frauen nur eine Frage des Willens, was zwar etwas arg schlicht wirkt, dafür aber mit Verve und innerer Überzeugung inszeniert wirkt.
Über den Film
Originaltitel
Virginia Woolf’s Night & Day
Deutscher Titel
Virginia Woolf’s Night and Day
Produktionsland
GBR, USA, DEU
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Philipp G. Steffens, Christopher Figg, Meg Thomson, Julie Link,
Regisseur
Tina Gharavi
Verleih
Wild Bunch Germany GmbH
Starttermin
09.07.2026
Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs lebt Katherine (Haley Bennett) ein beschauliches Leben im Schoss ihrer wohlhabenden Familie. Ganz entgegen den Traditionen der Zeit trägt Katherine – die gerne als Kit angesprochen wird – lieber Hosen als Röcke und blickt in den Himmel: Die Astronomie ist ihre Leidenschaft, die Sterne ihre Träume. Doch diese wirken unerreichbar, zumindest ein Studium an der altehrwürdigen Universität in Cambridge.
Allein ihr insgeheim schwuler Cousin Cyril (Misia Butler) unterstützt Kit, auch wenn er nicht verstehen kann, dass sie derart pragmatisch agiert und keinerlei Interesse an der Liebe zu haben scheint. Diesbezüglich hat Kits Vater Mr. Hilbery (Timothy Spall) Pläne für die Tochter: Er plant, seine Tochter mit deren Sandkasten-Freund William (Jack Whitehall) zu vermählen, eine Zweckheirat also, in die Katherine nur deswegen einwilligt, um im Schutz der Konventionen, ihre Studien fortsetzen zu können.
Immerhin bei der sich gerade entwickelnden Suffragetten-Bewegung findet Katherine Unterstützung, hier trifft sie auch zum ersten Mal den jungen Lektor Ralph (der deutsche Star Elyas M’Barek zum ersten Mal in einer englischen Produktion), der offensichtlich weitaus besser für sie geeignet erscheint als William, doch für solch weltlichen Dinge steht Kit noch nicht der Sinn.
Wie der etwas umständliche Titel andeutet, basiert „Virginia Woolfs Night & Day“ auf einem Roman der berühmten englischen Autorin, die in den letzten Jahren vor allem durch ihren quasi prototranssexuellen Roman „Orlando“ zu einer Gallionsfigur des Feminismus und der queeren Bewegung wurde. Etliche Jahre vor diesem und anderen Meisterwerken entstand das Frühwerk „Night & Day“, in dem sich Woolf noch auf klassische Weise mit den Konventionen und Geschlechterrollen des Viktorianischen England beschäftigte.
Fast als Lustspiel funktioniert die Geschichte um vier junge Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen, sich gegen Traditionen auflehnen, um ihre Unabhängigkeit kämpfen, an ihren Träumen scheitern. In der filmischen Adaption wurde diese komplexe Figurenkonstellation deutlich gekürzt. Drehbuchautorin Justine Waddell konzentriert die Handlung weitestgehend auf die Figur der Katherine, stellt ihre Emanzipation in den Mittelpunkt, die ein ganzes Stück stringenter und auch erfolgreicher verläuft, als noch im Roman.
Sehr zeitgemäß mutet das an, aber auch ein wenig didaktisch: Besonders wenn Katherine vor dem Aufnahmekomitee der Universität erscheint, sich vor drei – natürlich – alten, weißen Männern allein dafür rechtfertigen muss, dass sie es als Frau wagt, um Aufnahme in einer so ehrwürdigen Institution zu bitten, folgt eine flammende Rede für die Gleichberechtigung der Frauen, die weniger aus dem frühen 20. als dem frühen 21. zu stammen scheint.
Für den modernen Historienfilm fast schon gebräuchliche Anachronismen finden sich auch hier, die Sprache wirkt oft flapsig wie in der Gegenwart, elektronische Musik untermalt das Geschehen und verortet „Virgina Woolf’s Night & Day“ deutlich im hier und jetzt. Ein wenig schlicht mutet das zwar bisweilen an, die Ecken und Kanten der Zeit ein wenig zu sehr eingeebnet, um der Emanzipationsgeschichte nicht im Wege zu stehen, aber dennoch: Am Ende gelingt der iranischstämmigen Regisseurin Tina Gharavi ein flotter Historienfilm, der kein Aufhebens um seine bewussten Anachronismen macht und statt dessen ganz und gar dem Zeitgeist huldigt.
Michael Meyns







