Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide

Die Berliner Bezirke Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg kennt jeder, doch die Hauptstadt besteht aus viel mehr, wie Volker Meyer-Dabisch in seiner Dokumentation "Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide" zeigt. Durch die östlichen Bezirke Berlins bewegt sich der Regisseur auf einer neugierigen Spurensuche, bei der viel Überraschendes und Interessantes herauskommt.

Webseite: www.karl-handke-filmproduktion.de

Deutschland 2014
Regie, Buch: Volker Meyer-Dabisch
Dokumentation
Länge: 73 Minuten
Verleih: Karl-Handke Filmproduktion 
Kinostart: 23. Oktober 2014

FILMKRITIK:

Seit Jahren lebt Volker Meyer-Dabisch in Berlin-Kreuzberg, unweit des Görlitzer Parks, dem er in seiner Dokumentation "Der Adel vom Görli" ein filmisches Denkmal gesetzt hat. Für seinen neuen Film "Von Hohenschönhausen nach Niederschöneweide" setzte er sich auf ein Fahrrad und fuhr in Gegenden Berlins, die er in 30 Jahren noch nie betreten hatte. Das ist wenig überraschend, denn eigentlich gibt es in den östlichen Randgebieten (genauso wie in den westlichen) nicht wirklich etwas zu sehen. Aber gerade das es in Hohenschönhausen, Lichtenberg, Rummelsburg, Friedrichsfelde oder Niederschönweide kaum etwas Besonderes gibt, macht sie zu viel normaleren Gegenden als die von Touristen und Möchtegern-Hipstern überrannten zentralen Bezirke der Hauptstadt.
 
Meyer-Dabischs Reise beginnt bei den Plattenbauten Hohenschönhausens, die einst ein Prestigeprojekt der DDR waren. Eine Plakette erinnert an die 1000. Wohnung, bis zur Wende entstanden rund 29.000, in denen auch heute noch viele in der DDR sozialisierte Menschen leben. Die ihren alten Staat bisweilen vermissen, die Ordnung, die vermeintlich herrschte, oder die sicheren Arbeitsplätze. Meist aber blicken sie ganz pragmatisch auf die auch in diesen Gegenden entstandenen Einkaufszentren – in diesem Fall heißt es "Lindencenter" – die sich weder äußerlich noch innerlich von den zahllosen anderen Zentren bzw. Neudeutsch Centern unterscheiden, die in den letzten Jahren allerorten entstanden.
 
Immer wieder kommt die Frage nach Rechtsradikalen auf, nach den weit verbreiteten Vorurteilen, dass diese östlichen Bezirke ein Hort von Neo-Nazis und Fremdenfeindlichkeit seien sollen. Ganz unterschiedliche Antworten bekommt Meyer-Dabisch zu hören, manche bestätigen diesen Blick, andere weisen auf die Vielfalt der Bezirke hin, bei der der ein oder andere Rechte auch nicht weiter auffällt. Die Wahlergebnisse sprechen zwar eine recht eindeutige Sprache von der Beliebtheit von NPD oder Republikanern, aber der durchschnittliche Bürger bekommt davon wohl kaum etwas mit.
 
Allerdings nur, solange man nicht auffällt, wie manche Gesprächspartner, die schon durch ihre Kleidung eher der linken Szene zuzuordnen sind, bestätigen. Doch Meyer-Dabisch geht es nicht um die Bestätigung von Vorurteilen, sondern um das Aufzeigen von Vielfalt. Und gerade wenn er auf seiner Reise in die südlicheren Randbezirke kommt, Bezirke, die nicht weit von Friedrichshain oder Kreuzberg entfernt sind, stößt er zunehmend auch auf kulturelle Vielfalt: Die Auswirkungen der Gentrifizierung, die in den bekannten und beliebten Bezirken Wohn- und nicht zuletzt Galerieraum zunehmend teurer werden lässt, veranlasst Künstler nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Und die finden sie zunehmend in Niederschöneweide, einem an die Spree angrenzenden Bezirk, in dem sich in den letzten Jahren nach und nach eine stetig wachsende Kulturszene entwickelt hat.
 
Und wenn Meyer-Dabisch gegen Ende seiner gut beobachteten Dokumentation erfährt, dass selbst der britische Popstar Bryan Adams in Niederschöneweide Fabrikhallen gekauft hat, wird deutlich, wie sehr die Entwicklung schon vorangeschritten ist. Auf der Landkarte des Durchschnitts-Berliners mag dieser Bezirk noch Niemandsland sein, den ersten Schritt, um das nächste heiße Ding zu werden, ist jedoch schon getan.
 
Michael Meyns