Er ist vielfach prämierter Stammgast auf den renommierten Festivals dieser Welt. Für sein jüngstes Drama bekam der deutsch-kosovarische Regisseur Visar Morina in Sundance den Großen Preis der Jury und ging beim Filmfest München ins Rennen um den besten internationalen Film. Erzählt wird vom aufrechten Gang eines rechtschaffenen Bauern, der unverdrossen gegen die Windmühlen der Ungerechtigkeit ankämpft. Unverschuldet verliert er seinen Hof und sein Einkommen. Als Tagelöhner muss sich der Familienvater in der Großstadt durchschlagen. Wie soll einer wie er dabei seine Würde bewahren? Packend wie ein Thriller inszeniert und überwältigend gespielt präsentiert sich ein Lehrstück mit den Klassiker-Qualitäten eines Bertolt Brecht: Arthaus-Kino, das unter die Haut geht! Zwei Oscar-Nominierungen hat das Regie-Talent bereits auf dem Buckel. Ein dritter Streich wäre absolut verdient – und vermutlich von Erfolg gekrönt!
Über den Film
Originaltitel
Hatixhja dhe Shabani
Deutscher Titel
Von Scham und Geld
Produktionsland
XK, DE, SI, MK, AL, BE
Filmdauer
129 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Fabian Altenried, Sophie Ahrens, Kristof Gerega, Visar Morina, P
Regisseur
Visar Morina
Verleih
eksystent Filmverleih
Starttermin
24.09.2026
Eine schallende Ohrfeige besiegelt den Streit unter Brüdern am Familientisch. „Lauf ihm hinterher und entschuldige dich!“, mahnt die besorgte Mutter. Doch vergeblich, das Tuch ist zerschnitten. Aus Rache verkauft der gedemütigte Liridon heimlich alle Kühe des Familienbetriebs und setzt sich nach Deutschland ab. Shaban (Astrit Kabashi) und seine Frau Hatixhe (Flonja Kodheli) müssen mit ihren drei Töchtern sowie der Oma den Bauernhof verlassen und in die Hauptstadt Pristina ziehen.
In einer winzigen Wohnung muss die Familie fortan zurechtkommen. Während der wohlhabende Schwager seine Solidarität auf gönnerhafte Almosen und kluge Ratschläge beschränkt, versucht Shaban verzweifelt, einen Job zu finden. Am Ende steht er mit anderen Tagelöhnern am Straßenrand und wartet auf vorbeifahrende Auftraggeber, die harte Arbeit für wenig Lohn anbieten. Seine Gattin hilft derweil ihrer Schwester, den behinderten Opa zu versorgen. „Scham ist Luxus!“, sagt sie einmal und gibt damit das Thema des Dramas vor.
Immer wieder findet sich der wackere Held als Opfer von himmelschreienden Ungerechtigkeiten wieder. Kaum hat er einen großen Stapel Holz gehackt, bemängelt der Auftraggeber die Größe der Scheite und verweigert die Bezahlung. Der Vermieter, der ein wertvolles Schmuckstück der Oma als Pfand entgegengenommen hat, verhökert den Schatz kurzerhand und denkt nicht im Geringsten an die versprochene Rückgabe. Wie Don Quichotte kämpft Shaban gegen die Windmühlen der Widrigkeiten. Wenn er sonst schon alles verloren hat, will er wenigstens seine Würde bewahren. Da gibt er seinem Schwager-Schnösel lieber den 20-Euro-Schein zurück, als sich auf diese Art demütigen zu lassen. Doch wie viel Schmach vermag ein Mensch zu ertragen? Wann ist seine Frustrationstoleranz erschöpft? „Dinge kreisen in meinem Kopf. Dinge, an die ich nicht denken sollte!“, gesteht der Held in einer ruhigen Minute seiner Frau. Viel Gutes kann das kaum bedeuten…
Geradlinig und schnörkellos erzählt Visar Morina sein rigoroses Lehrstück über das Fressen und die Moral. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren, die sich durch enorme Glaubwürdigkeit und großes Empathiepotenzial auszeichnen. Statt auf moralinsaure Belehrung setzt der Regisseur auf eine spannungsreiche, fast thrillerhafte Dramaturgie, bei der sogar Raum für Komik bleibt. „Ich beschütze das Viertel vor Leuten wie uns“, erklärt er seiner Frau den neuen Job als Security-Wache im Bonzenviertel. Wie zum Hohn kreist die Kamera später um ein übergroßes Bill-Clinton-Denkmal in der Stadt, das als neoliberaler Heilsbringer des Kapitalismus offenkundig den vollmundigen Versprechungen nicht gerecht wurde.
Als ganz großer Pluspunkt erweist sich Hauptdarsteller Astrit Kabashi in seiner Rolle als unerschütterliches Stehaufmännchen, dem Selbstachtung über alles geht. Mit maximalem Minimalismus gelingt ihm die Balance zwischen Würde und Verzweiflung. Angenehm unaufdringlich und ohne Sentimentalität lädt er das Publikum zur Empathie – und zur eigenen Stellungnahme ein. Kino mit Mehrwert, das noch lange nachklingt.
Dieter Oßwald







