wahre Leben, Das

„Was kommt nach der Familie?“ haben Soziologen schon in den 90er Jahren gefragt. „Wieder die Familie!“ antworten die jungen Filmemacher im Jahr 2006. Alain Gesponers Komödie trägt es ja schon im Titel. Familienleben ist „Das wahre Leben“. Alles andere also ein bisschen unwahr? Gsponer hat auf dem Fernsehfestival in Baden Baden den Nachwuchspreis gewonnen. Seine Komödie zeigt zwei Familien: Die eine kurz vor der Implosion, die andere kurz vor der Explosion. Katja Riemann und Ulrich Noethen hassen sich links vom Zaun, Alexander Held und Juliane Köhler rechts vom Zaun. Und mittendrin die Kinder, die ihre Eltern und sich am liebsten auf den Mond schießen würden.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2006
Regie: Alain Gsponer
Darsteller: Ulrich Noethen, Katja Riemann, Hannah Herzsprung, Josef Mattes, Volker Bruch, Juliane Köhler, Alexander Held
Bildformat: 1 : 1,85
Länge: 103
Verleih und Vertrieb: Zorro Film
Kinostart: 1.3.2007

PRESSESTIMMEN:

Mit viel Empathie für seine verschrobenen Figuren und einigem Witz gelingt Regisseur Alain Gsponer mit dieser haarsträubenden Familienkomödie eine würdige deutsche Antwort auf "American Beauty".
Der Spiegel

Was als leichtfüßige Komödie beginnt, wandelt sich fast unbemerkt zur bitterbösen Farce mit hochdramatischem Finale. Ein wunderbarer Film, der neue Wege geht. Ulrich Noethen und Katja Riemann sind großartig.
KulturSPIEGEL

Regisseur Alain Gsponer nimmt mit bösem Witz und doch voller Anteilnahme all die Gemeinheiten, Verletzungen und Geheimnisse aufs Korn, die zum Zerfall von Familien führen. Großartig!
Brigitte

Überzeugend gespielte, phasenweise zu unentschlossene und vorhersehbare Burleske, die erst spät die Balance zwischen Tragödie und Satire findet, dann aber stimmig das Bild einer auf hohen Niveau kriselnden Republik zeichnet.
film-dienst

FILMKRITIK:

„Du warst zwölf Jahre lang nicht da. Du musst jetzt nicht anfangen, dich zu kümmern.“ Was macht ein arbeitsloser Vater, der plötzlich zu Hause rumsitzt? Er kommt auf die idiotische Idee, das Haus zu renovieren und reißt dabei tragende Wände ein. Er will von seinen Kindern wissen, wie es in der Schule war und fragt dabei nach Biolehrern, die schon seit Jahren in Rente sind. Er geht mit seinem Sohn großspurig zum Squash und verletzt sich gründlich den Knöchel. Die Arbeitslosigkeit des Vaters ist der Anfang vom Ende der Balance in dieser Familie, die sich nur deshalb im Gleichgewicht befand, weil sich alle konsequent in Ruhe gelassen haben. Ulrich Noethen der Vater, der big business betrieben hat, Katja Riemann die gelangweilte Ehefrau, die als Hobbies eine Galerie betreibt und den Fitnesskollegen vögelt.
Der pubertierende Sohn sprengt derweil die Michelangelo-Statuen der betuchten Nachbarschaft in die Luft. Ein Hobby-Pyromane, viel weiser als die Erwachsenen.
Nebenan sind die Konflikte noch knackiger: Seit dem Tod ihres Bruders ist die Nachbarstochter (Hannah Herzsprung) alleinerziehende Tochter überforderter Eltern und damit natürlich selbst überfordert. Zwei bundesdeutsche Familien – so sehen sie also aus, die Keimzellen der Gesellschaft, die das Grundgesetz unter Artenschutz gestellt hat. 

 

In den 70er Jahren wurde die Familie enttarnt als Ideologie und Gefängnis, seither gilt sie als vom Aussterben bedrohte Lebensform, und auch Gsponers Familien wirken auf den ersten Blick nicht gerade überlebensfähig. Die Ehen im Eimer, die Kinder vermurkst, dennoch – der Tonfall, in dem Gesponer erzählt, lässt nie einen Zweifel daran, dass er die Form der Komödie gewählt hat,  in der sich die Konflikte auflösen lassen müssen, und nicht etwa eine Satire, die tatsächlich die Schmerzpunkte sucht.
Auch wenn am Ende der pubertierende Pyromane mehr als nur den Michelangelo in die Luft sprengen wird, Papa immer noch arbeitslos ist und Mama zugegeben hat, dass sie nicht nur zum Turnen ins Sportstudio geht – die Familie ist zusammen. Ihr Mehr-Wert erneut beschworen. Den Vätern der Verfassung Respekt bewiesen.

Alain Gsponer lehnt sich also inhaltlich nicht weit aus dem Fenster (heiliger Strohsack, bei Oscar Roehler hätte das anders ausgesehen…), was das  „Das wahre Leben“ in der Temperatur eines gängigen Fernsehspiels hält. Auch seine Regie sieht manchmal nach Lieschen Müller aus. Wenn Ulrich Noethen mit barer Brust in die Ölfarbe springen muss, dann ist das mehr die Karikatur eines emotionalen Ausbruchs, als wahrhaftiges Gefühl. Dennoch: Der Film ist sehenswert. Erstens, weil Gsponer  Katja Riemann so wunderbar eingefroren, trocken und nuanciert inszeniert. Zweitens, weil Ulrich Noethen, wenn er nicht gerade in Öl badet, sehr glaubhaft den Schmerz des deplazierten Mannes verkörpert. Drittens, weil Hannah Herzsprungs Talent unübersehbar ist, und viertens, weil der kleine Pyromane eine so wahrhaftige Jungenfigur ist, wie man sie selten im Kino sieht. 
Also wie im wahren Leben: Es gibt viel Schönes zu entdecken.

Sandra Vogell

 

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Eine deutsche Standardfamilie der guten Mittelschicht. Haus mit Garten in einer gepflegten Wohngegend. Roland ist der Vater. Während der letzten zwölf Jahre kannte er nichts als Arbeit. Die Mutter, Sybille, betreibt eine Galerie mit moderner Kunst und diversen Performances. Charles ist der ältere Sohn. Er ist derzeit beim Bund und schwul. Bleibt der jüngere Sohn, Linus. Er hat in seinem Zimmer ein Chemielabor eingerichtet und bastelt zum Zeitvertreib Bomben, mit denen er Vogelhäuschen, Briefkästen oder Statuen in die Luft jagt.

Sie leben nebeneinander her, aber immerhin geht es einigermaßen normal zu. Der Bruch tritt ein, als Roland arbeitslos wird. Sie nerven einander – jeden Tag ein bisschen mehr. Am besten zieht sich noch Linus aus der Affäre. Er hat das Nachbarmädchen entdeckt. Mit ihr auszukommen ist allerdings nicht leicht. Sie ist überselbstbewusst, affig, launisch, suizidgefährdet. Doch sie ist auch interessant und einnehmend.

Es geht bergab. Bis Linus am Schluss das Haus fast in die Luft jagt. Jetzt müssen und werden sie neu beginnen.

Am besten ist es, wenn man den mit vielen treffenden Beobachtungen des täglichen Lebens und passenden Repliken in Szene gesetzten Film als reine Satire nimmt. Da gibt es eine ganze Menge Passagen, die richtig Freude machen. Nur gegen Schluss kippt der Streifen in einer etwas übertriebenen Art ins Katastrophen- und Allerweltsdrama ab.

Doch Ulrich Noethen, Katja Riemann, Hanna Herzsprung oder Juliane Köhler und andere sorgen dafür, dass das Ganze sehenswert bleibt.

Insgesamt eine ziemlich treffsichere deutsche Alltagssatire, die Vergnügen bereitet und auch ein wenig zum Nachdenken veranlasst.

Thomas Engel