„Was haben wir gelacht“ ist ein Film über die von Männern bestimmte deutsche Unterhaltungsszene der 90er- und 00er-Jahre. Doch im Kern ist er weit mehr: Die großartig recherchierte Doku entlarvt den gemeinhin „harmlosen“ Fernsehspaß von einst in Teilen als zutiefst diskriminierend und sexualisiert. Zu Wort kommen nur Frauen – Entertainerinnen, die mit Unangepasstheit und Selbstbewusstsein zu Erfolg kamen. Sie bewerten legendäre TV-Momente neu und entschlüsseln, wie Unterhaltungsformate gesellschaftliche Spaltung vorantreiben, Vorurteile schüren und tradierte Rollenbilder festigen.
Über den Film
Originaltitel
Was haben wir gelacht
Deutscher Titel
Was haben wir gelacht
Produktionsland
DEU
Filmdauer
96 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Müller, Eva
Verleih
Port au Prince Pictures GmbH
Starttermin
16.07.2026
Die deutsche Entertainment- und TV-Landschaft der 90er- und 2000er-Jahre waren bunt und vielseitig – aber sie war klar männerdominiert. Mit diesem Umstand sowie den Folgen für die Protagonist*innen und die Gesellschaft befasst sich die Doku „Was haben wir gelacht“. Die Regisseurinnen Eva Müller und Isabel Schneider lassen zahlreiche bekannte Unterhaltungskünstlerinnen von damals zu Wort kommen. Sie reflektieren ihre Erfahrungen in einer von patriarchalen Strukturen geprägten Entertainment-Welt, in der Frauen lange um faire Behandlung und Aufmerksamkeit kämpfen mussten.
Den Titel der Doku darf man natürlich mehrdeutig und ironisch verstehen. Einerseits waren die 90er- und 00er-Jahre tatsächlich die große Zeit der Sketch-, Spiele- und Comedy-Shows, die vor allem den Privatsendern große Erfolge brachten. Andererseits bleibt einem bei etlichen Auftritten und Scherzen, vor allem aus heutiger Sichtung, das Lachen im Halse stecken. Müller und Schneider präsentieren bewusst viele solcher Momente aus früheren Quotenhits. Darunter „Alles Nichts Oder?!“, „RTL Samstag Nacht“, „7 Tage, 7 Köpfe“, „TV Total“ oder „Die Harald Schmidt Show“.
Schnell fällt auf: Vieles von dem, was damals Millionen Haushalte im heimischen Wohnzimmer wie selbstverständlich erreichte, könnte man heute so niemals wieder senden und verantworten. Zu sehen sind fragwürdige, sexistische Witze und herabwürdigende Sketche, die Frauen zu reinen Lustobjekten degradieren oder auf Kosten von marginalisierten Gruppen wie der queeren Community gehen. Die Shows waren mitverantwortlich dafür, dass sich überholte Geschlechterrollen, veraltete Ansichten und gängige Vorurteile in der Gesellschaft weiter etablieren und festsetzen konnten.
Stellung dazu beziehen Protagonistinnen, die sich erfolgreich in der Männerdomäne „TV“ durchsetzen konnten. Zu den Interviewten zählen u.a. Bettina Böttinger, Gabi Köster, Esther Schweins sowie die komödiantischen Vorreiterinnen Hella von Sinnen und Maren Kroymann. Mit ihren messerscharfen Analysen und durchdachten Äußerungen entlarven vor allem die beiden Letztgenannten den auf Sexualisierung und Diffamierung aufbauenden Humor.
Besonders schön sind seltene Archivaufnahmen, die von Sinnen (zu sehen bei Karnevalsauftritten aus den frühen 80er-Jahren) und Kroymann bei ihren ersten Gehversuchen zeigen. Aber auch bei späteren Erfolgen. Legendär: Kryomanns Auftritte in ihrer Satiresendung „Nachtschwester Kroymann“ aus den mittleren 90er-Jahren, als TV-Frauen in der „Leading Role“ eine Seltenheit waren. Es reichte damals meist nur für die Stelle als Co-Moderatorin, als hübsch anzusehende Assistentin des übermächtigen Showmasters oder „Buchstabenfee“ (siehe „Glücksrad“, „Der Preis ist heiß“, „Geh aufs Ganze“). Eine Frau mit eigener Comedy-Show? Die noch dazu ihren Namen trägt? Damals völlig neu und noch wenige Jahre zuvor undenkbar. Die (Un-) Sichtbarkeit von Frauen im TV und auf den Bühnen ist damit ein weiteres Thema, welches der Film umfassend beleuchtet und kritisch hinterfragt. Ebenso der Aspekt, dass auch „klassische“ Frauenthemen (Schwangerschaft, Wechseljahre, Gender Pay Gap) viel zu selten im TV jener Zeit vorkamen.
Wie lange jene patriarchalen Strukturen zurückreichen zeigen Schnipsel aus Samstagabend-Unterhaltungs-Klassikern wie „Einer wird gewinnen“, „Der große Preis“ oder „Wetten dass..?“. Populäre Showmaster, von Hans-Joachim Kulenkampff über Rudi Carell bis zu Thomas Gottschalk, betätscheln wie selbstverständlich die weiblichen Gäste, überschreiten (gefühlt) im Minutentakt Grenzen und reduzieren Frauen beständig auf ihr Aussehen. Was hier dahintersteckt ist nichts weniger als die Normalisierung von Grenzüberschreitungen und „Alltagssexismus“, zu welcher die Formate, die Moderatoren und die Sender beitrugen. Das ist eine der Kernaussagen dieses aufwendig recherchierten, äußerst informativen aber ebenso unterhaltsamen Dokufilms.
Björn Schneider







