weiße Band, Das

Er gehört zu den ganz Großen, zu den verlässlich Rigorosen des europäischen Autorenfilms. Mit neun seiner zehn Kinoproduktionen ging Michael Haneke nach Cannes, sechsmal war er im Wettbewerb – und nun gelang dem Österreicher der Coup: Goldene Palme für „Das weiße Band“. Deutsch-Film-Land darf gleichfalls mitjubeln: majoritär deutsche Produktion (federführend: X-Filmer Stefan Arndt), heimische Akteure und Drehorte. Last not least „eine deutsche Kindergeschichte“, wie der Untertitel programmatisch lautet. Erzählt wird von seltsamen Ereignissen in einem Dorf, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ein Mikrokosmos aus subtiler Gewalt und ständiger Schuld. Kinder als unschuldige Opfer, (v)erzogen zu späteren Tätern. Ein Drehbuch, als wäre es von Ödön von Horvath – dabei handelt es sich „nur“ um die wohl beste Literaturverfilmung ohne Romanvorlage.

Webseite: www.dasweisseband.x-verleih.de

Deutschland / Österreich / Frankreich / Italien 2009
Regie und Buch: Michael Haneke
Darsteller: Christian Friedel, Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler, Rainer Bock, Leonie Benesch, Susanne Lothar, Detlev Buck.
Länge: 145 Minuten
Format: 1:1.85; Schwarzweiß
Verleih: X-Verleih
Start: 15. Oktober 2009

PRESSESTIMMEN:

Ein meisterhaftes Psychodrama.
ZDF Aspekte

Michael Hanekes Parabel über die Ursachen des Faschismus ist ein Meilenstein der Filmgeschichte.
Cinema

Strenge Schwarzweißbilder, reduziertes Tempo, fast keine Musik – ein ruhiges, kühles Kunstwerk über die Wurzeln von Faschismus und Terror. Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Wir waren gewarnt: Der gemütliche Erzähler verrät uns gleich zu Beginn, dass sich in dieser Geschichte einige unheimliche Dinge zutragen werden. Der Mann weiß ganz genau, wovon er spricht, schließlich war er vor 50 Jahren in diesem Dorf der Lehrer. Alles beginnt mit einem mysteriösen Reitunfall. Der Landarzt stürzt schwer bei seiner Rückkehr. Ein unsichtbares Seil brachte das Pferd heimtückisch zu Fall. Wenig später wird eine etwas kränkliche Frau das Opfer eines tödlichen Unfalls im Sägewerk. Aus Rache wird das Kind des Barons schwer misshandelt, später das behinderte Kind der Hebamme. Sollten die sommersprossigen Kinder etwas mit der Sache zu tun haben, wie es der Dorflehrer später vermutet?

Leidensdruck gäbe es genug, von den täglichen Schuldeinimpfungen über sexuellen Missbrauch bis zu Züchtigungen. „Herr Vater“ sagen die braven Kinder stets gehorsam. Doch wenn es dem Pastor (ein grandioser Burghart Klaußner) nicht passt, holt er die Schuldkeule aus dem heimischen Schrank. Da wird ihnen etwa das titelgebende „weiße Band“ als öffentliches Zeichen ihrer Schuld angeheftet. Oder dem pubertierenden Sohn werden die Arme ans Bett gebunden, damit er sich nächtens nicht mehr unsittlich berührt. Beim Gutsverwalter (Josef Bierbichler) geht es gleichfalls ruppig zu: Kleine Sünden bestraft der Vater sofort mit der Reitgerte oder ein paar Tritten in die Rippen. Beim nach außen hin so freundlichen Doktor geht es intimer zu: Er missbraucht die minderjährige Tochter vor den Augen des kleinen Sohnes. Gegenüber seiner Geliebten, der Hebamme, verhält er sich nicht minder brutal: „Du bist hässlich, ungepflegt und riechst aus dem Mund. Da hätte ich auch eine Kuh bespringen können. Warum stirbst du nicht einfach!“

Hinter den frömmelnden Spießerfassaden brodelt eine Welt aus Missbrauch, Verboten und struktureller Gewalt. Ein Mikrokosmos aus Demütigung, Drohung, Denunziation. All das scheint ganz normal, nur die sensible Baronin will fliehen aus dieser Welt von Brutalität und Unterdrückung. Und auch der junge Lehrer zeigt Herz, verliebt sich gar romantisch in ein junges Kindermädchen – deren Vater freilich bleibt stur (gespielt von einem herrlich lakonischen Detlev Buck). Bald dämmert der Vorabend des Ersten Weltkrieges. Nicht lange, und die missbrauchten Kinder dürften zu Tätern mutieren.

Schon immer interessierte sich Haneke für das Koordinatensystem der Gewalt, für die Banalität des Bösen. Mit maximalem Minimalismus hält er seine Kamera gnadenlos als Mikroskop auf das Monster Mensch, verzichtet dabei bewusst auf den moralischen Zeigefinger oder altkluge Erklärungen – seine bösen Buben in „Funny Games“ ließ er einst ja sogar Witze über Erklärungsversuche machen. Eiskalt und emotionslos bringt er mit erlesenen Bildern in schwarz-weiß ein wenig Licht in die düsteren Zusammenhänge menschlicher Abgründe, zeigt die Entwicklung von Schuld und Gewalt im kleinen Alltag bis eben zum Vorabend des großen Krieges.

Dass dieser Horrorfilm der etwas anderen Art so beklemmend funktioniert, verdankt er seiner psychologisch präzisen Dramaturgie, die von einem hervorragenden Ensemble packend umgesetzt wird. Von den Kindern (aus mehr als 7.000 Bewerbern ausgesucht), über den leinwandpräsenten Newcomer Christian Friedel als Lehrer bis zum stets punktgenauen Burghart Klaußner als Pastor.

Bei diesem strengen Film über die Strenge ist Ingmar Bergman natürlich nicht weit. Doch Entwarnung: Die zunächst vielleicht abschreckenden 145 Filmminuten fallen höchst kurzweilig und spannend aus. Eigentlich eine perfekte Literaturverfilmung – nur dass es hier gar keine Romanvorlage gab. Deutsch oder Österreich? „Es ist ein Haneke-Film. Der Rest ist mir egal“, sagt der Regisseur amüsiert.

Dieter Oßwald

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Ein protestantisches Dorf im Norden Deutschlands. Der Baron, der Pfarrer, der Arzt und der Lehrer sind die Hauptpersonen. Jedoch nur dem Grad und dem Namen nach. Denn der Arzt ist ein Sadist, der Pfarrer ein bigotter Frömmler, der Lehrer unbedeutend und nichts anderes als verliebt. Der Baron schließlich gibt sich zwar der Bevölkerung gegenüber jovial, ist aber vor seiner Frau grob und autoritär.

Immerhin ist es die Baronin, die sich zu der entscheidenden und letztlich gültigen Aussage dieses Films durchringt. Unglücklich dagegen die Hebamme des Ortes, Haushälterin und Ersatzfrau des Arztes, die jedoch von diesem auf eine schändliche Weise gedemütigt wird.

Wichtiger und vor allem unverbildeter sind die Kinder als die kommende Generation. Werden sie sich behaupten? Denn sie werden von den Erwachsenen drangsaliert. Vor allem der Pfarrer quält mit seinen puritanisch-calvinistischen Methoden seinen Sohn. Ihm werden nachts die Hände ans Bett gebunden, damit er nicht onanieren kann. Die Tochter muss bis zur Abgeltung ihrer „Sünden“ ein weißes Band tragen.

Das kann nicht gut gehen. Mysteriöses geschieht denn auch. Ein Reiter erleidet, absichtlich herbeigeführt, einen schweren Sturz, ein Teil der Kohlernte wird vernichtet, eine Scheune brennt ab, ein Kind mit Down-Syndrom wird misshandelt, der Sohn des Barons wird entführt und verwundet aufgefunden.

Wer sind die Täter?

In Hanekes Film bleibt dies offen. Es wird nur angedeutet, wohin das Geschilderte, also das Verhalten der Erwachsenen, führen muss. Gleichnishaft bricht denn auch am Schluss des Films der Erste Weltkrieg aus.

Viel wurde seit Cannes – Goldene Palme für „Das weiße Band“ – in den Streifen hineingeheimnisst. Eine der besten Erklärungen gab Haneke selbst: „Alle Formen des Terrorismus haben den selben Ursprung, nämlich die Perversion von Idealen, die man in soziale Regeln übersetzt.“

Neben dem visionären Thema ist der Film formal auf jeden Fall etwas Besonderes: Schwarz-Weiß-Fotografie, gestochen scharfe Bilder, angepasste düstere Atmosphäre, zeitgemäße Ausstattung, getragener Rhythmus – und erstklassige Darsteller wie Ulrich Tukur (Baron), Josef Bierbichler (Gutsverwalter), Burghart Klaußner (Pfarrer), Susanne Lothar (Hebamme), Ursina Lardi (Baronin), Rainer Bock (Arzt) und viele andere.

Thomas Engel