Weisse Lilien

In seinem futuristischen Thriller „Weiße Lilien“ verwandelt der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Christian Frosch einen autarken Wohnblock in einen beklemmenden Überwachungsstaat. Inhaltliche Anlehnungen an George Orwells „1984“ sind dabei unverkennbar. Ebenso wie die cineastische Nähe zu den Filmen von David Lynch. Rote Lampenschirme und überraschende Identitätswechsel inklusive.

Webseite: www.neuevisionen.de

Österreich/Deutschland 2007
Regie & Drehbuch: Christian Frosch
Darsteller: Brigitte Hobmeier, Johanna Wokalek, Martin Wuttke, Susi Stach
Verleih: Neue Visionen
Länge: 96 Min.
Kinostart: 11.09.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

George Orwell ist wieder stark im Kommen. Medienträchtige Schlagworte wie „Vorratsdatenspeicherung“ und „Telefonüberwachung“ machen es möglich, indem sie die Kreativität von Autoren und Regisseuren beflügeln. „1984“ ist nah. Mit „Weiße Lilien“ legt der österreichische Filmemacher Christian Frosch nun seinen Beitrag zum Thema Überwachungsstaat vor. Im Mikrokosmos eines autarken Wohnblocks wagt er einen düsteren Ausblick, der in gar nicht allzu fernen Tagen zu liegen scheint.   

Hannah (Brigitte Hobmeier) lebt in der eigenständigen Wohnsiedlung Neustadt. Dass in ihrem Block nicht alles so rosig ist, wie es der erste Blick vermuten lässt, wird von der jungen Frau geflissentlich ignoriert. Erst als sie vor ihrem gewalttätigen Freund in eine Wohnung flieht, in der sich die Vormieterin kürzlich das Leben nahm, werden Hannah die Augen geöffnet. Denn an der Selbstmordtheorie gibt es immense Zweifel. Zudem fühlt sich Hannah zunehmend von ihren Nachbarn ausspioniert. Bei dem Versuch, hinter die dunklen Geheimnisse von Neustadt zu kommen, lernt Hannah schließlich die resolute Anna (Johanna Wokalek) kennen, die im Untergrund schon seit einigen Monaten gegen die Wohnblockoberen aufbegehrt.

In seiner surrealen Zukunftsvision „Weiße Lilien“ lässt Regisseur Christian Frosch Realität und Illusion zu einem klaustrophobischen Thriller verschmelzen. Dazu präsentiert er einen Wohnblock, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Atmosphäre ist konsequent düster und nebulös. Die Darsteller um Brigitte Hobmeier und Johanna Wokalek, die im Kino demnächst als „Die Päpstin“ zu sehen sein wird, agieren entsprechend theatralisch. Sie bewegen sich nicht, sondern schweben geradezu über die Flure. Ihre Sprache ist dazu betont sachlich.

Der Wohnblock wirkt dadurch losgelöst von Raum und Zeit und ist dennoch erschreckend nah an einer Realität, in der aus Geboten immer mehr Verbote werden. In „Weiße Lilien“ werden sie den Menschen permanent über Lautsprecher eingetrichtert. Verpackt sind die Verbote wie freundlich gemeinte Hinweise. Doch die Neustädter wissen genau, in welche Richtung der unermüdliche Wortschwall abzielt. Auch die Sicherheitskräfte, die in nicht enden wollender Zahl durch die Gänge streifen, gaukeln bloß vor, zum Wohle der Mieter da zu sein. In Wahrheit dienen sie einzig und allein der Einschüchterung und Überwachung.

Auf Schritt und Tritt fühlen sich die Menschen um Hannah und Anna beobachtet. Doch nur wenige wagen es, gegen die Obrigkeit aufzubegehren. Schließlich verschwinden „unliebsame Elemente“ klammheimlich im Nirgendwo oder werden – wie Hannahs Vormieterin – in den Selbstmord getrieben. Diese Ausgangslage ist wahrlich beklemmend. Blaustichig blasse Aufnahmen verstärken das bedrohliche Klima zusätzlich.

Einen Wohnblock als bedrohlichen Überwachungsstaat zu inszenieren, liegt inhaltlich nah an George Orwells „1984“. Doch nicht nur das. Frosch macht ebenfalls keinen Hehl daraus, wer sein cineastisches Vorbild für „Weiße Lilien“ ist. David Lynch ist ebenso allgegenwärtig wie Orwell. Rote Lampenschirme erinnern an „Twin Peaks“. Die surreale Stimmung lehnt sich an „Lost Highway“ an. Und schließlich kommt es wie in „Mulholland Drive“ zu einem überraschenden Identitätswechsel, bei dem die Persönlichkeiten von Hannah und Anna zu einer Person verschmelzen.

Dass „Weiße Lilien“ bei alldem keine Hommage an Orwell und Lynch, sondern ein eigenständiges Werk sein will, stellt allerdings ein Problem dar. Denn abseits der Anspielungen fehlt es dem Drama ein wenig an eigenen Ideen und klaren Linien. Beeindruckend sind dafür die Außenaufnahmen des Häuserblocks. Eine Wohnsiedlung hat im Kino nie zuvor bedrohlicher gewirkt. Allein deshalb dürften Fans des mystischen Kinos auf ihre Kosten kommen – auch wenn „Weiße Lilien“ trotz seines hochspannenden Grundthemas inhaltlich nur bedingt überzeugen kann.

Oliver Zimmermann

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Neustadt. Eine klaustrophobisch wirkende, in sich geschlossene, nach außen scharf abgegrenzte aus Hochbauten bestehende Stadt, die imaginäre, antiutopische, visionäre Züge hat. Nicht die Individualität der 50 000 Bewohner zählt, sondern das Sicherheits- und Kontrollsystem.

Die Menschen dieser „sozialen Plastik“, wie der Gründer Auerbach die Neustadt nennt, haben sich dem Charakter der Stadt angeglichen, haben eigene, ins Absonderliche gehende Verhaltensweisen. Hannah wohnt hier, die von ihrem Mann gequält, von einer Freundin gerettet und von Liebhabern umworben wird, die die verschiedensten Deutungen zulassen. Selbstmorde passieren, Menschen verschwinden. Vielleicht kommen Morde vor, Verschwörungen scheinen im Gange zu sein, sogar terroristische Anschläge werden angedeutet.

Hannah selbst wird von der Paranoia heimgesucht.

Ein Spiel oder eine Spielerei mit der Phantasie, mit Halluzinationen, mit der Spannung, mit den Nerven, mit Science fiction, mit „social fiction“, mit einer geschlossenen Welt, mit einer „entarteten“ Welt, mit dystopischen Gegenwartsvorstellungen, mit Zukunftsängsten, mit ausgeschalteter Logik, mit zerstörerischem Grundton.

Gleichzeitig aber auch mit vielsagenden, brauchbaren Bild- und Situationsformen. Ein sich avantgardistisch gebendes Experiment, ein filmischer Entwurf, hinter dem manche vorwiegend zukunftsbezogene Überlegungen stecken. Gespielt (Brigitte Hobmeier, Johanna Wokalek – sie stellen phasenweise ein und dieselbe Person dar) wird gut, Interessenten finden hier vielleicht Anregungen.

Thomas Engel