Welcome Goodbye!

Wie soll eine Stadt mit zunehmenden Besuchermassen umgehen, die nicht nur die Sehenswürdigkeiten belagern, sondern zunehmend auch in eigentlich ganz normalen Gegenden zu finden sind? Diese und andere Fragen stellt Nana A.T. Rebhan in ihrer Dokumentation "Welcome Goodbye!", für die sie Berliner und Touristen befragte und ein vielschichtiges Bild eines Themas abliefert, das in Berlin seit Jahren immer heftiger diskutiert wird.

Webseite: www.welcomegoodbye.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Nana A.T.Rebhan
Länge: 80 Minuten
Verleih: Alfaville
Kinostart: 29. Mai 2014

FILMKRITIK:

Es passt ins Bild des ewig meckernden Berliners: Während sich andere Städte über Besucher freuen, sind viele Menschen in der Hauptstadt alles andere als begeistert über die zunehmenden Besuchermassen, die Berlin in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Reiseziele in Europa gemacht haben. Dieser Tourismus-Boom hat viele Ursachen, von billigen Flügen, über die Geschichtsträchtige Rolle Berlins und nicht zuletzt den Ruf als libertäre Stadt, in der praktisch alles möglich und erlaubt ist und die zudem konkurrenzlos billig ist.

Zumindest letzteres beginnt sich langsam zu verändern, steigen die Mieten, entstehen zunehmend auch Bars und Cafes, die beim besten Willen nicht mehr als günstig zu bezeichnen sind. Vor allem die Veränderung einzelner Viertel, die Gentrifizierung ganzer Straßen ist in Berlin viel diskutiertes Thema. Dass mit Tourismus im engeren Sinn allerdings nur bedingt zu tun hat. Und das ist das größte Problem in Nana A.T. Rebhans Dokumentation: Viele Aspekte werden im Verlauf von nur 80 Minuten angesprochen, doch vieles hat nur wenig mit den durch den Tourismus verursachten Problemen zu tun.

Als dramaturgischen Kniff hat Rebhan den selbst ernannten Fremdenführer Christian erfunden, der sich als echten Berliner beschreibt, der Touristen seine ganz persönliche Stadt zeigt. Doch ist kaum einer der Besucher, der sich von Christian durch unterschiedliche Ecken der Stadt führen lässt, wirklich ein Tourist: Manche wohnen Wochen, andere Monate in der Stadt, andere sind seit Jahren regelmäßig zu Besuch und haben keinerlei Interesse mehr an typisch Touristischem. Dass Berlin in vielen Teilen der Welt den Ruf einer kreativen Hochburg geniest und dadurch allerlei Künstler und solche, die sich dafür halten anzieht, ist eine bekannte Entwicklung, die allerdings kaum jemanden stört.

Und die auch nichts mit den Wochenendtouristen zu tun hat, die sich mit Bussen durch die Stadt karren lässt, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen und nur an der Oberfläche der Stadt kratzen. Hier wirft Rebhan viele Aspekte durcheinander, franst ihr Film etwas aus, drohen die interessantesten Aspekte der Dokumentation vergessen zu werden. Dies sind vor allem Interviews mit Personen, die sich mehr oder weniger professionell mit den Veränderungen der Stadt befassen. Ein Tourismusmanager kommt da ebenso zu Wort wie ein Stadtforscher, die die Entwicklung Berlins aus ganz unterschiedlicher Perspektive betrachten. Letztlich bringt es dann der Kolumnist Harald Martenstein auf den Punkt, der selbst irgendwann einfach in Berlin hängen geblieben ist und inzwischen längst "Berliner" ist: Selbst als Tourist nach Italien, Griechenland oder sonst wohin zu reisen, sich aber über Touristen in seiner eigenen Stadt zu beschweren – das geht nicht.

Berlin wird sich also mit seinem Status als Touristenmagnet abfinden müssen. Manches wird sich verändern, mal zum Positiven, mal zum Negativen, doch letztlich – und auch das zeigt Rebhan in "Welcome Goodbye!" – kommt es auch darauf an, wie man selbst mit dem Fremden, mit neuen Einflüssen umgeht, ob man sie akzeptiert und ihnen Positives abgewinnt oder ob man einfach über sie meckert.
 
Michael Meyns