Wie weit noch – Qué tan lejos

In Tania Hermidas ecuadorianischem Roadmovie reisen zwei Frauen auf den holprigen Straßen der Erkenntnis. Die eine will die Landschaft genießen, die andere eine Hochzeit verhindern. Zwischen klassischer Sinnsuche und versteckter Gesellschaftskritik pendelt der Film dabei über weite Strecken hin und her, läßt aber emotionalen Tiefgang vermissen. Dennoch ein kurzweiliger und zuweilen humorvoller Trip durch die Anden.

Webseite: www.kairosfilm.de

OT: Qué tan lejos
Ecuador 2006
Regie und Buch: Tania Hermida
Darsteller: Cecilia Vallejo, Tania Martinez, Pancho Aguirre, Fausto Miño
Länge: 92 Minuten
Verleih: Kairos
Kinostart: 17.2.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zu reisen ist womöglich die beste Gelegenheit, um zu lernen. Dieser Satz stammt von der Regisseurin Tania Hermida, die mit ihrem Debüt das Heimatland zurück auf die internationale Filmlandkarte holt. Das Genre des Lateinamerikanischen Films beschränkt sich in der europäischen Wahrnehmung ja gerne auf Argentinien, Brasilien und Mexiko. Andere Länder bilden die Ausnahme, und da wirkt ein ecuadorianisches Roadmovie nicht nur exotisch, sondern man darf es auch begrüßenswert nennen, zur Abwechslung vom Lebensalltag in einem Staat zu erfahren.

Die Geschichte beginnt dennoch mit einer Europäerin: Die Spanierin Esperanza (Cecilia Vallejo) kommt als Rucksackreisende in die ecuadorianische Hauptstadt Quito, um für die kommenden Wochen Land und Leute kennenzulernen. Neugierig, idealistisch und voller Tatendrang – die 30-Jährige ist die klassische Backpackerin, stets auf der Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit. In einem Bus trifft sie auf die Einheimische Tristeza, die nach Cuenca reisen will, um zu verhindern, dass der Mann ihres Herzens eine Andere heiratet. Die beiden ungleichen Frauen schließen Freundschaft, treffen unterwegs auf Jesus Christus sowie einen Bilderbuchmacho und erleben sonderbare, aber unvergessliche Tage.

Tania Hermidas Film spielt mit den Regeln des Roadmovies: Die Suche nach Identität, nach Wahrhaftigkeit und Bestimmung auf den Straßen der Erkenntnis – seit jeher die klassischen Muster – gelten hier nur für eine der zwei Frauen. Wo Esperanzas Charakter seltsam oberflächlich bleibt, ist es die von Liebeskummer gepeinigte Tristeza, die ihr Leben und ihr Sein kritisch hinterfragt. „Wie kannst du den Anblick der Berge genießen? Wir haben hier echte Probleme im Land“, raunt sie ihre Mitreisende an und verweist auf einen Arbeiterstreik, von dem auch die beiden betroffen sind. Wegen nicht beendeter Bauarbeiten, können sie nicht auf der planmäßigen Route ins südliche Cuenca fahren. Es kann mitunter provozierend wirken, wenn Touristen nur das Schöne wahrnehmen, und dabei die tiefgründigeren Aspekte eines Landes übersehen – oder schlichtweg nicht verstehen.

Der oft zitierte Weg als Ziel, mit seinen sonderbaren Charakteren, die am Wegesrand auftauchen, arbeitet Regisseurin Hermida dabei etwas arg theoretisch ab. Die Dramaturgie wirkt dabei zuweilen wie Malen-nach-Zahlen, die nur wenig Raum für emotionale Tiefe lässt. So wird der Film zwar zum kurzweiligen Erlebnis in dem selbst die Anden aber nur eine Nebenrolle einnehmen. Interessanter ist dafür die interessante Regie-Idee vom Moment der Leere: Egal, wohin Tristeza und Esperanza auch reisen, alle Orte sind verlassen, alle Dörfer wie leergefegt. Ganz subtil spielt der Film damit auf die ecuadorianische Landflucht an, einem Massenphänomen, bei dem Millionen von Einheimischen ihre Dörfer auf der Suche nach Arbeit verlassen haben.

David Siems

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