Young at Heart

Langsam erreicht die Erkenntnis, das auch ältere Menschen noch ein Leben haben, auch das Kino. Neben Andreas Dresens „Wolke 9“ ist es vor allem diese Dokumentation, die Teil des Trends ist. Hier beschreibt Stephen Walker den schon seit 1982 existierenden Chor "Young at Heart", in dem Menschen jenseits der 60 Songs singen, die meist von unter 30jährigen geschrieben wurden. Neben etlichen mitreißenden Gesangsdarbietungen findet der Film aber auch ruhige Töne und erzählt über Krankheit, Tod und ein würdevolles älter werden.

Webseite: www.youngatheart.senator.de

GB 2007 – Dokumentation
Regie: Stephen Walker
Kamera: Edward Marritz
Schnitt: Chris King
Musik: Jeremy Kimberlin
109 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Senator
Kinostart: 2. Oktober 2008

PRESSESTIMMEN:

Ein heiterer, anrührender, weiser Dokumentarfilm.
Der Spiegel

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FILMKRITIK:

Ganz sicher stehen sie nicht mehr auf den Beinen, manche brauchen Gehhilfen um überhaupt erst auf die Bühne zu kommen und auch das Rhythmusgefühl ist nicht mehr so ganz ausgeprägt. Doch wenn die gut zwei Dutzend Mitglieder des "Young at Heart" Chores auf der Bühne stehen und weit mehr singen, als das übliche Chor-Repertoire, bringen sie jeden Saal zum toben. Sie singen Songs wie „I Feel Good“ von James Brown, „Should I Stay or Should I Go“ von The Clash oder „Road to Nowhere“ von den Talking Heads. Pop –oder gar Punksongs, die allein schon musikalisch ungewöhnlich sind, und durch ihre Texte eine zusätzliche ironische Note entfalten. Ein Songtext wie: „Just put me in a wheelchair, get me on a plane“ oder „I can’t control my fingers I can’t control my brain“ aus dem Song „I Wanna Be Sedated“ von den Ramones, erfährt  aus dem Mund von 70jährigen kommend, eine ganz neue Bedeutung. Diese an Musik-Videos angelegten Szenen, das die Chormitglieder etwa in einem Altenheim zeigt, beim rasanten Rollstuhlfahren oder anderen „typischen“ Aktivitäten, gehören zu den komischsten Momenten des Films. Doch über weite Strecken ist „Young at Heart“ alles andere als ein leichter Film.

Der englische Regisseur Stephen Walker, der den Chor bei den Vorbereitungen zu einer neuen Aufführung beobachtete, verwendet viel Zeit darauf, die Chormitglieder in ihren alltäglichen Umgebung zu zeigen. Manche leben in Altenheimen, andere in eigenen Wohnungen, ständiger Begleiter sind jedoch hier wie dort Krankheiten, der Kampf gegen geistigen Verfall und letztlich auch der Tod. Das singen ist für sie zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden und weckt einen bemerkenswerten Ehrgeiz in ihnen. Was vor allem an ihrem Chorleiter Bob Cilman liegt, der den Chor seit Anfang der 80er Jahre leitet und inzwischen auch nicht mehr ganz jung ist. Mit bisweilen erstaunlicher Härte versucht er seine Sänger auf Kurs zu bringen, lässt sie ihre Texte ein ums andere Mal wiederholen und wird auch schon mal unwirsch, wenn auch die zigste Wiederholung verpatzt wird. Doch die Chormitglieder lassen sich alles gefallen, sie wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, sie wollen nicht wie alte Menschen behandelt werden, sondern wie Menschen mit einem ehrgeizigen Ziel. Sie mögen zwar bisweilen nicht begeistert von der Songauswahl sein – angesichts des Songs „Shizophrenia“ von Sonic Youth lässt sich das besonders gut auf den Gesichtern ablesen – aber selbst bei schwierigsten Texten, die auch für wesentlich jüngere Menschen schwer zu memorisieren wären, lassen sie sich nicht entmutigen.
Besonders schön an „Young at Heart“ ist, dass er es schafft, vielschichtig zu sein. Die Erfolgsmomente des Singens und der Auftritte liegen ganz nah am Tod von Chormitgliedern, und so ist dies eben keine unbeschwerte Ode auf das Altsein, sondern ein Film, der alte Menschen mit all ihren Qualitäten, aber auch ihren spezifischen Sorgen zeigt.

Michael Meyns

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Chöre gibt es genug auf der Welt, doch dieser hier ist etwas Besonderes. In Northampton, Massachusetts, haben sich nämlich an die zwei Dutzend ältere Menschen zusammengetan, denen offenbar die Musik und vor allem das Singen glücklicherweise etwas bedeutet. Und jetzt kommt es: Keiner von denen ist unter 70, die meisten haben sogar noch erheblich mehr Jahre auf dem Buckel; die älteste Teilnehmerin ist gar 93.

Unter der Leitung ihres 53jährigen Chorgründers und Dirigenten Bob Cilman proben und konzertieren diese Alten mit Elan und sehr erfolgreich. Sie absolvierten viele Aufführungen, in Amerika sowieso, jedoch auch in Übersee. Sie rocken wie die Jungen. „Should I Stay Or Should I Go“ (The Clash), „I Wanna Be Sedated“ (Ramones), „Stayin’ Alive“ (Bee Gees), „Road To Nowhere“ (Talking Heads), „Golden Years“ (David Bowie) oder „Feel Good“ (James Brown) sind ihre bekanntesten Titel.

Aufgeschlüsselt ist die Szenenfolge in Übungsstunden und Darbietungen (zum Beispiel auch zur großen Freude der Insassen in einem Gefängnis), in Ausschnitte aus Musikvideos der Truppe, in Besuche der Mitglieder und Gespräche mit ihnen, in Szenen, in denen das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders deutlich wird. Zwei der Chorangehörigen, von denen einer im Duett mit einem anderen singen sollte, sind während der Drehzeit dieses Dokuments leider verstorben. 

Gesanglich ist weiß Gott nicht immer alles perfekt. Aber es gibt in diesem Film mehrere Situationen, die menschlich anrührender und bewegend-pathetischer nicht sein könnten. Dazu kommt der frappante Erfolg. Die Zuhörer spüren das Außergewöhnliche der Unternehmung, das Lebensbejahende, die Überwindung von Alter und gesundheitlichen Mängeln, das Überraschende des Projekts, das mit viel Herz Bewerkstelligte, den überall durchblitzenden Humor. Sie danken es mit Standing Ovations.

Ein originelles Dokument über einen Chor alter Menschen, die tüchtig rocken und die Zuhörer zum bewegten Staunen und zum Schmunzeln bringen.

Thomas Engel