Anonyma – Eine Frau in Berlin

Über die vorwiegend während der letzten Kriegstage verübten Verbrechen der Roten Armee an der deutschen Zivilbevölkerung wurde lange Zeit der Mantel des Schweigens gelegt. Insbesondere die Vergewaltigungen waren ein gesellschaftliches Tabu. Mit diesem brach Ende der 50er Jahre eine Berliner Journalistin, die das Erlebte bereits zu Kriegszeiten niederschrieb. Regisseur Max Färberböck (Aimée & Jaguar) versammelte ein namhaftes Ensemble deutscher und russischer Schauspieler für die filmische Rekonstruktion jener Ereignisse. Seine Umsetzung vermeidet einfache Schuldzuweisungen ebenso wie das Denken in Gut-Böse-Rastern. Der episodische Charakter sorgt allerdings zeitweilig für Verwirrung.

Webseite: www.anonyma.film.de

D 2008
Regie. Max Färberböck
Drehbuch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann nach den Tagebuchaufzeichnungen von Anonyma „Eine Frau in Berlin“
Produzent: Günter Rohrbach
Kamera: Benedict Neuenfels
Musik: Zbigniew Preisner
Mit Nina Hoss, Evgeny Sidikhin, Irm Herrmann, Ulrike Krumbiegel, Jördis Triebel, Sandra Hüller, Rolf Kanies, Roman Gribkov, Juliane Köhler, Rüdiger Vogler, August Diehl
Kinostart: 23.10.2008
Verleih: Constantin Film

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Frühjahr 1945 kehrt der Krieg an den Ort zurück, an dem er einst von Hitler und seinen Getreuen geplant wurde: Berlin. Die Stadt, die das neue Germania werden sollte, steht unter heftigem Artilleriebeschuss. Jede Nacht fliegen alliierte Bomber ihre Angriffe auf die Reichshauptstadt. In dieser verzweifelten Lage suchen die Menschen Schutz in den Kellern ihrer zerstörten Wohnhäuser. Einer von ihnen ist die knapp dreißigjährige Anonyma (Nina Hoss). Obwohl es ihre Geschichte ist, die der neue Film von Max Färberböck basierend auf historisch verbürgten Tagebuchaufzeichnungen erzählt, steht ihr Schicksal doch stellvertretend für Hunderttausende von Frauen, denen Ähnliches widerfahren ist. Die bis zu ihrem Tod anonym gebliebene Autorin brach Ende der 50er Jahre ein gesellschaftliches Tabu. Sie beschrieb als Erste die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee.

Während ihr Lebensgefährte Gerd (August Diehl) bereits an die Ostfront beordert wurde, kämpft sie im halb zerstörten Berlin ums Überleben. Unterstützung und Zuspruch erfährt sie dabei innerhalb der Hausgemeinschaft. Weil sie nicht wie die anderen Frauen in ständiger Angst vor einer Vergewaltigung leben will, sucht sie sich einen Beschützer – auf russischer Seite. Der gestandene, zurückhaltende Offizier Andrej (Evgeny Sidikhin) scheint ihre Avancen zu erwidern. Mit jeder Intimität, die beide austauschen, wandelt sich die anfängliche Unsicherheit in echte Zuneigung. Und auch wenn keiner von Liebe sprechen will, lassen sich die Gefühle für den anderen irgendwann nicht länger verbergen.

Nach Aimée & Jaguar wagte sich Max Färberböck erneut an eine historische Kontroverse. Die unzähligen Vergewaltigungen der letzten Kriegstage, das Leid der vor allem ostdeutschen Frauen, all das wurde lange Zeit tot geschwiegen, sei es aus Scham, sei es, weil die eigene Schuld einer Aufarbeitung im Wege stand. Nun also, knapp fünf Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung der Tagebuchaufzeichnungen, versucht sich eine Kinoproduktion an der filmischen Rekonstruktion. Aus der Perspektive der Anonyma, dieser bewundernswert starken und zugleich auch immer etwas unsicheren Persönlichkeit, blickt man als Zuschauer auf eine ideologisch wie emotionale Demarkationslinie. Auf beiden Seiten sitzen die Vorurteile tief. Die einen fürchten sich vor dem bösen, ungebildeten Russen, die anderen erwarten wiederum auf den fanatischen, zu allem Entschlossenen Nazi zu treffen.

In den letzten Kriegstagen fällt auf die deutschen Frauen das Leid zurück, für das sich im Grunde ihre Männer zu verantworten gehabt hätten. Färberböck und seine Co-Autorin Catharina Schuchmann vermeiden es in diesem Zusammenhang wohlweißlich, eine schematische Opfergeschichte zu erzählen. Unterstützt von einem durchweg erstklassigen Ensemble – darunter die Fassbinder-Actrice Irm Herrmann, die junge Sandra Hüller und der russische Kinostar Evgeny Sidikhin – fungiert eine abermals souverän aufspielende Nina Hoss als ambivalenter Fixpunkt. Der Film weicht unbequemen Fragen keineswegs aus. So muss sich die gelernte Journalistin auch ihrer eigenen Verantwortung stellen.

Obgleich der Film die meiste Zeit auf die Annäherung zwischen den Kriegsgegnern verwendet und Deutsche wie Russen später sogar das Ende des Krieges gemeinsam feiern, bleibt die Stimmung bis zuletzt merklich angespannt. Die tonalen Verschiebungen von einer Szene zur nächsten sind mitunter gravierend. Jederzeit, so hat es den Anschein, kann die Situation weitere Opfer fordern. Dass dabei die von Anonyma erlebten und beobachteten Vergewaltigungen zunehmend in den Hintergrund treten, überrascht schon. Verwundert darf man zudem feststellen, dass sich die ersten rund 90 Minuten des Films auf nur wenige Tage beziehen. Die episodische Erzählstruktur suggeriert dagegen, dass wir es mit einer weitaus längeren Zeitspanne zu tun haben müssen. Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, die einzelnen Tage mittels einer Einblendung exakt voneinander abzugrenzen und so für mehr Klarheit zu sorgen.

Marcus Wessel

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Die jahrelangen Schandtaten der Nazis sprengten jede begreifbare Dimension. Kein Wunder, dass die Reaktionen darauf grausam ausfielen. Davon handelt dieser Film.

Berlin in den Apriltagen des Jahres 1945. Einen großen Teil der Stadt hat die sowjetische Armee bereits eingenommen. Doch die erbitterten Kämpfe halten an, die Russen wollen rasch bis zum Reichstag vordringen.

Ein Wohnhaus. Nur noch Frauen, Kinder und ältere Männer befinden sich darin. Dann ist es so weit. Auch dieses Haus nehmen die russischen Soldaten in Besitz.

Wie werden sie sich verhalten? Natürlich betragen sich viele normal. Aber es gibt auch wilde Kerle, rachsüchtig, grob, betrunken, grölend, sexuell ausgehungert, schießwütig. Sie nehmen sich, was sie wollen. Vergewaltigungen gehören zum Programm. Das Rachenehmen ist eine verständliche menschliche Reaktion. Wie sehr hatten die Deutschen Russland zerstört und zahllose Menschen umgebracht.

Jetzt verläuft der Schreckenszug der Sowjetarmee von Ostpreußen bis Berlin. Die Vergewaltigungen gehen in die Hunderttausende. Aufzeichnungen gibt es darüber genügend, verlässliche wissenschaftliche Zahlen nicht. Zu sehr ist alles von Scham, Verschwiegenheit und Schuldbewusstsein überdeckt.

Der Film stützt sich auf die Berichte einer „Anonyma“, Journalistin und Fotografin von Beruf. Ihre Niederschrift steht für viele Aussagen.

Die in dem Haus wohnende Anonyma muss gegenüber dem Wirrwarr, dem Schrecken, der Gewalt einen Weg finden. Sie entscheidet sich für die Wahl des Besatzungsoffiziers Andrej, dem sie sich freiwillig hingibt und so in gewisser Weise geschützt ist. Die übrigen Frauen des Hauses suchen, jede für sich, ihre Methode. Vergewaltigungen entgehen sie damit nicht.

Zwischen Andrej und der Anonyma entsteht so etwas wie Zuneigung. Die entscheidende Schwelle ist jedoch nicht zu überschreiten. Zu stark ist, was sie trennt.

Die siegreichen Soldaten feiern, singen, schreien, saufen. Zimperlich gehen sie mit niemandem um, auch nicht mit sich selbst.

Der Film von Max Färberböck versucht das alles halbwegs realistisch, historisch, plausibel darzustellen. Die einzelnen Persönlichkeits- und Begebenheitssequenzen greifen einigermaßen, ebenso die Massenszenen. Kürzungen hätten dem Film gut getan.

Im Mittelpunkt beherrscht das diffizile, emotional komplizierte, glaubhaft herausgearbeitete Verhältnis zwischen der Anonyma und Andrej das Geschehen. Nina Hoss und Evgeny Sidikhin stellen das ausgezeichnet dar.

Auch die übrigen Mitwirkenden: Günter Rohrbach (Produzent), Benedict Neuenfels (Bildgestaltung), Uli Hanisch (Szenenbild), Lucia Faust (Kostümbild), alle schon mehrfach ausgezeichnet, leisteten erneut gute Arbeit. Darsteller: Juliane Köhler, August Diehl, Erni Mangold, Jördis Triebel, Rüdiger Vogler, Irm Hermann und viele andere.

Thomas Engel