Zum Geburtstag

Welch’ perfekt perfider Plot für einen prickelnden Psychothriller: Der Teenager Georg schenkt zu DDR-Zeiten dem schüchternen Kumpel Paul seine Freundin zum Geburtstag. Einzige Voraussetzung: Er bekommt sie nach seiner Rückkehr wieder zurück. Jahrzehnte später, die Mauer ist weg, Karrieren sind gemacht, taucht Georg plötzlich wieder auf. Und fordert vom verblüfften Familienvater die Erfüllung des alten Paktes. Sonderbare Ereignisse bringen fortan die bisherige Idylle zunehmend ins Wanken. Hinterhältige Intrigen? Oder alles nur Zufall und Einbildung? Gekonnt konstruiert, spannungsreich inszeniert, überzeugend unangestrengt gespielt – was will man mehr von einem cleveren Krimi?

Webseite: www.zumgeburtstag.x-verleih.de

D 2013
Regie: Denis Dercourt
Darsteller: Mark Waschke, Marie Bäumer, Sylvester Groth, Sophie Rois, Saskia Rosendahl, Johannes Zeiler
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 19. September 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang war die Fälschung. Der schwer verliebte, indes ziemlich schüchterne Teenager Paul fälscht einen Liebesbrief seiner angebeteten Anna an sich selbst. Deren Freund Georg reagiert erstaunlich gelassen auf die inszenierte Enthüllung: „Nimm’ es als Geburtstagsgeschenk“ grinst der Frauenheld seinen Kumpel süffisant an und fordert ihn selbstbewusst auf, ihm irgendein beliebiges Mädchen am Badesee als Nachfolgerin seiner Freundin auszusuchen. Eine Bedingung stellt er allerdings: Wenn er nach seiner Reise irgendwann zurückkehren wird, will er Anna zurück. Dann verschwindet er mit seinem Moped, das neue, unbekannte Mädchen natürlich bereits auf der Rückbank.

Einige Jahrzehnte später, die Mauer ist weg, Paul und Anna sind glücklich verheiratet, haben zwei Kinder sowie glänzende Karrieren. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Georg wieder auf. Er ist Pauls neuer Chef in der Bank. Zum Einstand legt er dem Freund von einst einen Umschlag mit kompromittierenden Fotos auf den Tisch, auf denen der Familienvater in eindeutigen Posen mit seiner hübschen Sekretärin zu sehen ist. Eine klare Fälschung, gibt sich Paul empört. Seine Gattin zeigt sich weniger gelassen: „Ich hatte sie immer für ein bisschen dumm gehalten. Jetzt bin ich die Dumme“, kommentiert sie die Bilder. Auch Daniel, der Sicherheitsexperte der Bank, ist nach einer Untersuchung der Fotos unschlüssig, ob sie tatsächlich gefälscht sind. Ein gemeinsames Essen der drei Jugendfreunde, zu dem Georg seine Frau Yvonne mitbringt, entwickelt sich zum Menü voller Anspielungen, Verletzlichkeiten und verdeckter Drohungen. „Nach all diesen Jahren ist das doch verjährt“, kommentiert Georg sein plötzliches Verschwinden von einst, „Schön wär’s! Es gibt Wunden, die verheilen nie!“ gibt die verlassene Freundin verbittert zurück. Hinter der freundlichen Fassade beginnt es immer mehr zu brodeln. Paul ahnt Schlimmes. Anna zweifelt zunehmend. Georg genießt das Intrigenspiel. Und Yvonne kocht ihr ganz eigenes Süppchen. Bei einer gemeinsamen Treibjagd im Wald spitzen sich die Ereignisse zu. Als Annas hübsche Tochter Emelie zunehmend in das Geschehen verstrickt wird, geraten die Dinge mehr und mehr außer Kontrolle. Auf ihrer Geburtstagsfeier wird es einige handfeste Überraschungen geben – doch das ist längst nicht das Ende des subtilen Schreckens.

Regisseur Denis Dercourt, der 2006 in Cannes mit seinem Thriller „Das Mädchen, das die Seiten umblättert” überzeugte, präsentiert mit diesem deutschen Debüt nach eigenem Drehbuch ein clever konstruiertes Krimi-Kammerspiel. Auch auf relativ kleinem Raum läuft sein Spannungs-Schwungrad rund, denn die Zutaten für diesen Psychothriller-Kuchen stimmen. Ein bisschen Stasi-Grusel hier, ein paar „Rumpelstilzchen“-Anleihen dort. Dazu diverse Lügen und Verdächtigungen als bewährtes Treibmittel, das die Beteiligten in ständigen Zugzwang bringt. Den Über-Fiesling zur grotesken Karikatur zu machen, kann leicht zum aufdringlichen Komik-Krampf geraten. Doch Dercourt gelingt das Kunststück, dass die Lachnummer zum smarten Sidekick gerät. Das ganze Spiel der Angst gelingt natürlich nur mit einem exzellenten Ensemble. Mark Waschke verkörpert den verzweifelten Verlierer mit der notwendigen Naivität. Marie Bäumer spielt die Ehefrau mit Verletzlichkeit und der passenden Prise Härte. Sylvester Groth gibt einmal mehr mit diabolischem Minimalismus den mysteriösen Teufel. Derweil Sophie Rois sich mit gekonnt lakonischer Komik als überaus unberechenbare Lady präsentiert.

„Du bist eine wahre Goldgrube“ bekommt die musikalisch ambitionierte Tochter vor ihrer gut eingefädelten Plattenaufnahme zu hören – das Kompliment gilt, diesmal ehrlich, auch diesem vergnüglich spannenden Krimi.

Dieter Oßwald

An einer Art Chabrol in Deutschland, bei dem die Schatten der Vergangenheit schwer wiegen, versucht sich der französische Regisseur Denis Dercourt mit seinem ersten auf Deutsch gedrehten Film. Ein ambitioniertes Unterfangen, das sich vorsichtig an der Grenze zwischen Künstlichkeit und Parodie bewegt.

Die DDR, Mitte der 80er Jahre: Paul liebt Anna, doch die ist mit Pauls bestem Freund Georg zusammen. Da schmiedet Paul einen teuflischen Plan: Er fälscht einen Brief Annas und überzeugt damit Georg, Anna zu verstoßen. Und noch mehr: Georg „schenkt“ Paul Anna zu dessen Geburtstag und zieht statt dessen mit der Punkerin Yvonne ab. Nur eine Bedingung hat er: Wenn er Anna irgendwann zurückhaben will, muss Paul sie hergeben.

Viele Jahre später, Deutschland ist längst vereinigt, Paul (Mark Waschke) arbeitet als Investmentbanker, ist mit Anna (Marie Bäumer) verheiratet und hat mit Emilie (Saskia Rosendahl) eine liebreizende Tochter, die bald 17 wird. Alles scheint perfekt zu laufen, doch das Schicksal setzt Paul einen neuen Boss vor die Nase: Es ist Georg (Sylvester Groth), der mit der immer noch punkigen Yvonne (Sophie Rois) verheiratet ist und sich angeblich nicht mehr an den Pakt von einst erinnern kann.

Doch Paul ist voller Sorge: Um Anna, um seine Karriere und bald auch um seinen Verstand. Allzu merkwürdig scheint sich Georg zu verhalten, konfrontiert Paul mit beruflichen Nachlässigkeiten und zeigt ihm Fotos, die Paul in inniger Umarmung mit seiner Assistentin zeigen. Selbst Pauls treuer Mitarbeiter Daniel (Johannes Zeiler) kann die offensichtliche Fälschung nicht beweisen und so ist Paul bald davon überzeugt, dass Georg teuflische Fähigkeiten besitzt. Immer stärker wird der Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart, immer mehr dunkle Geheimnisse kommen an den Tag, nicht zuletzt Georgs einstiger Verrat an Yvonnes Freund, den er bei der Stasi anschwärzte.

Es ist mehr als ungewöhnlich, dass wie im Fall von Denis Dercourt, ein in Paris geborener Regisseur einen Film in einer Sprache schreibt und inszeniert, die nicht seine Muttersprache ist. Dass mag zum Teil erklären, warum viele der Dialoge in „Zum Geburtstag“ merkwürdig gestelzt und unnatürlich wirken. Es mag aber auch ein Versuch des vor allem für sein Drama “Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ bekannten Regisseurs gewesen sein, die extreme Künstlichkeit seiner Geschichte auch in den Dialogen fortzusetzen und schließlich auch in der Forderung an seine Darsteller, weniger natürlich, als theatralisch zu agieren.

Die dadurch entstehende Verfremdung (unterstützt durch betont kalte Bilder und musikalische Untermalung, die vor allem aus einsamen Klaviertönen besteht) ist manches Mal nahe daran, zur Parodie zu werden. Besonders Sophie Rois, die mit ihrem kaum verborgenen österreichischen Akzent so gar nicht wie eine ehemalige DDR-Bewohnerin klingt, scheint eher auf der Berliner Volksbühne zu agieren, als in einem filmischen Drama. So fällt es bisweilen schwer, das zu beachten, worum es Dercourt in seinem Konstrukt geht: Eine Geschichte von Schuld und Sühne zu inszenieren, von Paranoia, lange unterdrückten Geheimnissen und persönlicher Schuld, die exemplarisch für eine ganze Nation stehen.

Erst zum Ende wird deutlich, wie sehr die scheinbar persönliche Geschichte mit den Strukturen des DDR-Regimes verknüpft ist. In diesem Sinne ist Denis Dercourts „Zum Geburtstag“ tatsächlich nah an den typischen moralischen Filmen von Claude Chabrol, der ebenfalls immer wieder den Zerfall von Familienstrukturen thematisiert hat, die an den verdrängten Geheimnissen bzw. Verbrechen Frankreichs zu Grunde gehen. Das Ergebnis mag nicht immer rund sein, ambitioniert ist es ohne Frage.

Michael Meyns

DDR-Zeit. Paul hat Geburtstag. Er feiert mit seinem Freund Georg und dessen Freundin Anna an einem See. Paul ist schon lange in Anna verliebt, fälscht deshalb einen Brief, durch den er Georg Anna abspenstig machen kann. Georg gelingt es im selben Augenblick, sich das Mädchen Yvonne zu schnappen, und zwar deshalb, weil Yvonne in der DDR verbotene Musik hört.

30 Jahre später. Die Mauer ist längst gefallen. Paul und Anna, die ein Ehepaar sind, haben zwei Kinder, die angehende Sängerin Emilie und Lukas.

Georg hatte seinerzeit eine Bedingung gestellt: Wenn ich wiederkomme, will ich Anna zurückhaben.

Jetzt ist es soweit. Georg, noch immer mit Yvonne zusammen, taucht auf. Er wird sogar in einer Bank der Chef von Paul.

Wie sehen Georgs Pläne aus? Kann er sich nach einem Autounfall noch an früher erinnern? Will er Anna? Wird er sich rächen?

Nein – sie laden sich zu viert sogar gegenseitig ein. Ganz geheuer ist die Sache allerdings nicht. Bilder sind im Umlauf, die Paul, seine Sekretärin küssend, zeigen. Sind sie echt oder eine Fälschung? Anna ist bestürzt – übrigens auch darüber, dass Georg sie überhaupt nicht zurückhaben will, sondern es eher auf Emilie abgesehen hat. Bei deren Geburtstagsparty kommt es dann zum Drama: ein Toter, ein Großbrand – und die Frage, was eigentlich Daniel, Pauls (vielleicht nur vermeintlicher) Freund im Sinn hat.

Ein exakt gestaltetes, allerdings auch sehr konstruiert wirkendes, zuweilen die Kolportage streifendes Ehe-, Freundschafts- und Rachedrama, das immer mehr Fahrt aufnimmt und am Ende wie ein Krimi dasteht.

Die lange eingehaltene Nüchternheit im Umgang der Handelnden miteinander und in den locations sind für den sein Metier beherrschenden Regisseur Denis Dercourt festes Stilprinzip und verfehlt keineswegs seine Wirkung.

Sie spielen alle gut: Marie Bäumer als die völlig überraschte und überfahrene Anna; Mark Waschke als verunsicherter Paul; Sylvester Groth als eher finsterer Georg; Sophie Rois als menschlich leichtgewichtige Yvonne; Saskia Rosendahl als von ihrer Musik verzehrte Emilie sowie Johannes Zeiler als ziemlich mysteriöser Daniel.
Im Arthouse-Bereich gut möglich.

Thomas Engel