zweigeteilte Frau, Die

Claude Chabrol wendet sich nach seinem Ausflug in die Welt der Korruption („Geheime Staatsaffären“, 2005) wieder den Irrungen und Wirrungen von Lust und Liebe zu. In einer explosiven Dreier-Konstellation wird eine junge Frau mit romantischen Idealen Opfer zweier Männer, die mehr Lust als Liebe im Kopf haben. Die drei Hauptdarsteller Benoit Magimel, Francois Berleand und Ludivine Sagnier fechten auf hohem Niveau miteinander.  Der Geschichte fehlt jedoch etwas die Glaubwürdigkeit, so wahr Chabrols kühler Blick auf  das oft trostlose Spiel der Liebe und des Begehrens auch ist.

Webseite: www.concorde-film.de

La fille coupée en deux
F 2007
Regie: Claude Chabrol
Buch: Cécile Maistre, Claude Chabrol
Darsteller: Benoit Magimel, Francois Berleand, Ludivine Sagnier, Mathilda May, Caroline Silhol, Marie Brunel
Länge: 115 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 10. Januar 2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Die junge und ausgesprochen anziehende TV-Wetterfee Gabrielle Deneige (Ludivine Sagnier) scheint das Leben im Griff zu haben. Die Männer, die sie umschwirren, hält sie geschickt in Schach, ihre Karriere beim Fernsehen ist nur eine Frage der Zeit. Doch als sie der wesentlich ältere Star-Schriftsteller Charles Saint-Denis (Francois Berleand) anspricht, ist ihre Souveränität dahin. In unbedingter Liebe gibt sie sich diesem Mann hin, der nicht nur verheiratet, sondern auch keinem Abenteuer abgeneigt ist. Auf der Klingel seiner Wohnung steht „Paradies“, doch daraus wird die junge Frau schnell vertrieben. Der Literat macht sich davon, nachdem er seinen Spaß hatte. Gabrielle gibt nun dem drängelnden Werben des jungen und reichen, aber höchst exzentrischen Paul Gaudens (Benoit Magimel) nach, der sie heiraten will. Das kann der eitle Schriftsteller nicht auf sich sitzen lassen, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Chabrol hat sich von einer realen Gegebenheit inspirieren lassen, einem Mord aus Leidenschaft, der hundert Jahre zurückliegt, und er hat die Geschichte in die Gegenwart verlegt. Dieser Transfer scheint unproblematisch zu sein, weil manche Dinge sich vielleicht nie ändern. Frauen, die freie Auswahl haben, verlieben sich ausgerechnet in einen Mann, der ihnen das Herz bricht. Männer, denen der Erfolg zufliegt oder die auf einem komfortablen Erbe sitzen, werden zum erotischen Anziehungspunkt für Frauen. Doch die betagte Vorlage erweist sich als Handicap für den Film. Dass eine Frau bei der Planung ihres Lebensglücks zwischen romantischen Aufwallungen (begehrter Star) und Kalkül (reicher Erbe) schwankt, ist noch nachvollziehbar. Aber dass sie sich auf Gedeih und Verderb mit einem säftelnden alten Herrn und einem gewalttätigem Psychopathen einlässt, wirkt heutzutage seltsam. Nicht nur, weil die beiden Männer äußerst unsympathisch sind, was – nebenbei – für einem Film fast immer schlecht ist, sondern weil es antiquiert und überholten Männerfantasien gefährlich nah ist. Gabrielle verwandelt sich wenig plausibel von einer selbstbewussten Frau zum devoten Spielball männlicher Gelüste. Doch jemand wie sie hat das heutzutage nicht nötig. Da haben sich die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Männern und Frauen in den vergangenen hundert Jahren doch zu stark verändert. So gern man dem Trio zuschaut, das sich immer mehr in Gefühlsbanden verheddert – man wartet irgendwann auf den Moment, in dem Gabrielle einfach auf ihrem schicken Moped davonfährt, um sich einen netten jungen Mann zu suchen.

Volker Mazassek

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Gabrielle Deneige lebt in einfachen Verhältnissen, hat es aber immerhin von der Wetteransagerin im Fernsehen schon zur Moderatorin einer beliebten Sendung gebracht. Auf einem Empfang erspäht sie der Schriftsteller Charles Saint-Denis, nicht zuletzt deshalb, weil Gabrielle besonders schön ist. Dem Industriellensohn Paul Gaudens, reich und angeberisch, fällt Gabrielle ebenfalls auf.

Die Schöne verfällt dem Schriftsteller, der Lebemann und Schürzenjäger zugleich ist. Das heftige Werben von Paul Gaudens lehnt die junge Frau lange ab. Saint-Denis aber ist an Sex-Spielen mit Gabrielle eher interessiert als an einer Bindung an sie. Er macht sich denn auch bald aus dem Staub.

Paul gewinnt an Boden. Mehr aus Enttäuschung als aus Leidenschaft stimmt Gabrielle einer Heirat mit ihm zu. Saint-Denis versucht zwar noch einmal seine Ansprüche anzumelden, doch es ist zu spät. Schon Gabrielles und Pauls Flitterwochen in Portugal sind eine Katastrophe. Doch die eigentliche Katastrophe folgt erst noch.

Es ist im Vordergrund eine Welt des schönen Scheins: der intellektuelle Glanz und die Sex-Spiele des Saint-Denis, der Reichtum und die Macht der Familie Gaudens, die Glitzerwelt des Fernsehens. Doch hintergründig wie immer zeigt Chabrol, wenn auch nicht mit Gewalt oder Sensation, sondern eher diskret und distanziert, wie es in Wirklichkeit brodelt: die Feigheit des Saint-Denis, das geckenhafte Überspielen alter Schuldgefühle durch den jungen Chemiekonzernerben Paul, die Gefühlszerrissenheit der jungen Frau, all das verbunden mit Gefängnis, Tod, beruflichem Abstieg.

Ein eleganter Chabrol, wie es von ihm schon viele gab. Immer des Anschauens wert, nicht zuletzt auch deshalb, weil Ludivine Sagnier (Gabrielle), Benoît Magimel (Paul) und Francois Berleand (Saint-Denis) ihre Rollen exzellent meistern und wie immer bei Chabrol ein gut durchgearbeitetes Drehbuch zugrunde liegt.

Thomas Engel