Berlinale goes Kiez – Das Kino im Mittelpunkt

Seit 2010 und damit seit 16 Jahren tourt die Berlinale durch Berliner Kiezkinos. Das Bekenntnis des Festivals zum Kino und die Öffnung in die Stadt war auch das Ergebnis von vielen Gesprächen, die die damalige Geschäftsführerin der AG Kino – Gilde Eva Matlock und der heutige Vorsitzende Christian Bräuer mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick geführt haben.

Nun erinnert sich Matthias Elwardt, der damals das Projekt für die Berlinale zum Laufen brachte an die ersten Jahre. Über diese Zeit schreibt er exklusiv für Programmkino.de:

Berlinale goes Kiez – Ein weltweit wohl einmaliges Festival-Format

Die Geschichte der ersten 8 Jahre, 2010- 2017

2009 fragte mich der Leiter der Berlinale Dieter Kosslick, ob ich im Jubiläumsjahr 2010, die Berlinale wurde 60, ein Kinoprojekt übernehmen würde. Ich saß damals bereits seit 10 Jahren in der Vorauswahljury für den Wettbewerb der Berlinale und leitete das Abatonkino in Hamburg. In vielen Gesprächen entstand so das Konzept „Berlinale goes Kiez“. Ein fliegender roter Teppich zu den Filmkunstkinos der Stadt und des Umlandes. Ein Dankeschön an die Kinos, die das ganze Jahr die Filme zeigen, die auf der Berlinale ihre Geburtsstunde erleben.

Meine Idee war es, für jedes Kino einen bekannten Filmschaffenden als Paten zu suchen. So gab es vor der Vorstellung ein persönliches Gespräch mit dem Kinopaten/der Kinopatin über das Kino als Ort, die Bedeutung für sein/ihr Schaffen und nach dem Film ein ausführliches Publikumsgespräch mit dem Filmteam.

Im Programm von „Berlinale goes Kiez“ waren alle Sektionen vertreten. Die Filme wurden immer passend zu den Kinos programmiert, gleiches galt für die Auswahl der Kinopaten.

So bereisten wir 2010 zehn verschiedene Kinos und hatten insgesamt 22 verschiedene Filme im Programm. Am Starttag im Odeon war Wim Wenders, der diesjährige Jurypräsident, unser erster Pate. Damals sagte Wenders: „Das ist eine tolle Aktion. Hier wird mit Hingabe eine Idee von Kino aufrechterhalten, die zu verlieren ein echter Verlust wäre.“

In den Kiezkinos gab es immer lange und gute Gespräche – und was wir gar nicht bedacht hatten, es war der einzige Ort mit Publikumsgesprächen für Wettbewerbsfilme.

Die Resonanz auf dies nur einmalig geplante „Geburtstagsprogramm“ war überwältigend. Publikum, Filmteams, Presse, Paten und die beteiligten Kinos waren begeistert. Der damals amtierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit erwähnte es lobend am Abschlußabend der Berlinale auf der Bühne. Dieter Kosslick sagte in einem Gespräch mit SCREEN schon am Abschlußabend der Berlinale 2010, dass eine Fortsetzung von „Berlinale goes Kiez“ gewünscht wird.

So hatte ich dann das Vergnügen, die Sektion als Gastgeber, Kurator und Moderator insgesamt acht Jahre lang zu begleiten. Für die Folgejahre waren sieben Tage in sieben Kinos die richtige Größe.

Besonders waren die Besuche im Kino Toni in Weißensee. Das einzige Kino, in dem wir alle acht Jahre zu Gast waren. Hier war der Regisseur Michael Verhoeven Pate, ihm gehörte das Kino damals, zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Senta Berger. So begrüßten wir zu dritt das Publikum und die Filmteams. Für die es etwas ganz Besonderes war, eine Schauspielerin kennenzulernen, die in Hollywood mit so vielen legendären Kolleg/innen und Regisseur/innen gearbeitet hatte.

Vor allem die Vorführung von „Barbara“ von Christian Petzold 2012 bleibt in Erinnerung. Würde diese DDR-Geschichte, gedreht von einem vornehmlich westdeutschen Team, von einem Publikum im früheren Ost-Berlin angenommen werden? Das Filmteam war nervös. Aber ja, es wurde ein wunderbarer Abend.

Mein Dank gilt besonders Hendrikje Schwarze, die das Projektbüro im ersten Jahr geleitet hat und Johanna Muth, die ihre Nachfolgerin war und natürlich allen Sektionen und Mitarbeiter/innen dieses so perfekt organisierten Dampfers Berlinale. Vom Kapitän Dieter Kosslick bis hin zum Fahrdienst.

Übernommen wurde diese Idee vom Filmfest Hamburg, da hieß es erst „Stadt, Land, Filmfest“ und jetzt „Filmfest ums Eck“.

Dieses Jahr wird „Berlinale goes Kiez“ 16 Jahre alt und besucht fünf Kinos.

Die Kinopaten gibt es seit 2018 nicht mehr, „das traut sich keiner zu“, hörte ich nach meinem Abgang.

Matthias Elwardt, im Februar 2026

Bild: (c) Berlinale goes Kiez

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