Agadez im Niger ist ein Mikrokosmos internationaler Politik, in dem das „Geschäft mit der Flucht“ viele Jahre blühte. Mit milliardenschweren Finanzhilfen wollte die EU in der Region quasi ein Exempel statuieren – Agadez als Schauplatz, in dem europäische Grenzpolitik funktioniert und Migration schon in Afrika gestoppt wird. Die tatsächlichen Folgen für die Region schildert die Doku „On the Border“ nachdrücklich und anhand persönlicher Schicksale. Entstanden ist ein einfühlsamer, klug beobachteter Dokumentarfilm, der die Auswirkungen restriktiver EU-Migrationspolitik vor Augen führt.
Über den Film
Originaltitel
On The Border – Europas Grenzen in der Sahara
Deutscher Titel
On The Border – Europas Grenzen in der Sahara
Produktionsland
AUT, CHE
Filmdauer
103 min
Produktionsjahr
2024
Regisseur
Hauzenberger, Gerald Igor
Verleih
Cine Global, Daniel Ludwig
Starttermin
19.03.2026
Welche Folgen hat die europäische Sicherheits- und Migrationspolitik für die Menschen in der Sahelzone? Am Beispiel von Agadez zeichnen die Regisseure Gerald Igor Hauzenberger und Gabriela Schild die Situation vor Ort nach. Die in der nördlichen Sahelzone gelegene nigrische Großstadt war früher ein lebendiges Zentrum, in dem der Handel blühte. Zudem war die Region lange Zeit (legale) Durchgangsstation für Geflüchtete auf dem Weg in den Norden. Dann setzte 2015 die große Flüchtlingskrise ein und in Agadez blühte der Menschenschmuggel auf.
In der Zwischenzeit hat sich die Stadt durch EU-Initiativen zu einem Außenposten mit Transitlagern verwandelt, eine Art „Testregion“ für Grenzschutz und -kontrollen. Die dramatischen Auswirkungen: Aus dem „Tor zur Wüste“ wurde eine verarmte Gegend mit Bewohnern, die ums Überleben kämpfen und keine Perspektiven sehen. „On the Border“ beobachtet drei dieser Einwohner in ihrem Alltag: eine Radiojournalistin, den früheren Bürgermeister und einen lokalen Händler.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren dokumentieren Hauzenberger und Schild die Geschehnisse in dieser einst so blühenden Gegend, die früher unzählige Touristen anzog (das Zentrum Agadez‘ zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe). Heute ist Agadez eine Stadt der Gegensätze, in der beeindruckende, schier endlose Wüstengegenden auf schwer bewachte Kontrollposten für Migration aufeinandertreffen. Hauzenberger und Schild fangen diese Gegensätze in beklemmenden, intensiven Bildern ein, die lange nachwirken.
Symbolisch inszenieren die beiden Dokufilmer die eindrucksvolle Natur fast wie eigene Darsteller im Film. Die sandigen Täler und Dünenlandschaften in all ihrer Weite versinnbildlichen die existentiellen „Grenzerfahrungen“ der Menschen. Man könnte die auf diese Weise dargestellte Natur auch als eine (äußerst passende) Entsprechung für das Gefühl der Bewohner deuten. Ein Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung aufseiten der einheimischen Völker, die sich viele Jahre an die Militärs westlicher Staaten gewöhnen mussten.
Hauzenberger und Schild interessieren sich vor allem für die Situation jener Betroffenen und dafür, was die globale Grenzpolitik mit ihnen gemacht hat. Die drei Protagonisten berichten ausführlich aus ihrem Leben und erzählen Geschichten, die tief berühren. Sie alle haben Traumatisches erlebt und erinnern sich teils wehmütig an eine Zeit vor der militärischen Dauerpräsenz. An eine Zeit, bevor Agadez zum Spielball geopolitischer Entscheidungsträger wurde. Mit ihrer Kamera kommen die Regisseure den Porträtierten sehr nah, ob in der Freizeit oder bei der Arbeit, und setzen ganz auf stille und unkommentierte, aber jederzeit aufmerksame Beobachtung.
Und doch stehen die Protagonisten nur beispielhaft für zehntausende von Einzelschicksalen an einem Ort, an dem Gewalt, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und soziale Not vorherrschen. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Agadez ist ein Paradebeispiel für internationale Hilfe und politische Initiativen, die im Kern gute Absichten verfolgen. Aber sie zielen radikal an der Realität und Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort vorbei – und bringen nicht die versprochenen Veränderungen.
Björn Schneider







