Über viele Jahre hinweg hat der iranische Filmemacher Massoud Bakhshi seine Nichten beim aufwachsen beobachtet, in einer Zeit, in der sich auch ihr Heimatland veränderte. Die Bilder hat er nun zu dem sehr persönlichen, intimen Dokumentarfilm „All my Sisters“ zusammengefügt, der vor allem über die Rolle der Frau im Iran aufschlussreiches erzählt.
Über den Film
Originaltitel
سه خواهر
Deutscher Titel
All My Sisters
Produktionsland
IRA, FRA, AUT, DEU
Filmdauer
80 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Dumreicher-Ivanceanu, Alexander / Minck, Bady
Regisseur
Bakhshi, Massoud
Verleih
Little Dream Pictures GmbH
Starttermin
20.08.2026
In der an auch international bekannten Filmemachern reichen Szene des Irans zählt Massoud Bakhshi eher zu den Randfiguren, war mit Filmen wie „Eine Nacht der Vergebung“ oder „Yalda – Nacht der Vergebung“ auf internationalen Filmfestivals zu Gast, stand aber stets im Schatten seiner berühmteren Regiekollegen.
Mit „All my Sisters“ hat Bakhsi nun seinen formal interessantesten und ambitioniertesten Film gedreht, eine Langzeitbeobachtung, die 2007 ihren Anfang nahm. Damals waren Bakhsis Nichten
Mahya und Zahra kleine Kinder, die fortan mit und vor der Kamera aufwuchsen. Immer wieder richtete Bakhsi in den folgenden Jahren die Kamera auf die Mädchen, beobachtete sie beim Schaukeln auf dem Spielplatz, beim Spielen, beim Aufwachsen.
Im Hintergrund verorten Meldungen aus dem Fernseher, in der von einer Wahl die Rede ist oder von Verhandlungen mit Barack Obamas Regierung, die Momente in der komplizierten Geschichte des Irans, doch konkreter wird die politische Realität erst später, wenn aus den Mädchen junge Frauen geworden sind. Nun wird auch die Frage wichtiger, was ein Film wie dieser zeigen darf, gerade wenn er in den privaten Räumen der Familie gedreht wird.
Vor ihrem Onkel, also einem Familienmitglied, müssen die älteren Mädchen den Regeln des Islam folgend zwar nicht unbedingt ihre Haare bedecken, wenn diese Bilder aber in einem Film öffentlich zu sehen sind, könnte dies zu Problemen führen. Offensiv reflektiert Bakhsi diese scheinbar banalen Fragen, die in den letzten Jahren jedoch zu einem Gradmesser dessen geworden sind, was die Menschen im Iran akzeptieren. Frauen, die in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch abnehmen, vielleicht sogar verbrennen, sich dabei selber filmen und diese Bilder ins Internet stellen: Auch im Westen sind solche Aufnahmen bekannt geworden, sie sind zum Symbol des Protestes gegen ein Regime geworden, das um seine Macht kämpft.
Auch in „All my Sisters“ schwingen diese Konflikte mit, die mit dem älter werden der beiden Schwestern – zu denen sich ungefähr zur Mitte des Films das Nesthäckchen Maleka gesellt – immer wichtiger werden. Auch innerhalb der Familie wird über Sinn und Zweck der Kopftücher gesprochen, die Großmutter der Mädchen betont die religiöse Bedeutung der Traditionen, die viele Dinge, die eben noch als normal erschienen plötzlich zur Sünde werden lassen.
Ganz im Sinne der Proteste, die 2022 unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ begannen und sich nicht zuletzt für die Rechte der Frauen einsetzen, hat auch Bakhsi seinen Nichten die finale Entscheidung darüber überlassen, welche Bilder ihren Weg in den Film finden und welche nicht. Vielleicht auch deswegen wirkt „All my Sisters“ mit seinen kaum 80 Minuten Länge sehr kurz, oft zwangsläufig episodisch. Ein zusätzliches Problem entstand durch die Entscheidung des Verleihs, den Film nicht zu untertiteln, sondern sich für eine eingesprochene Übersetzung zu entscheiden. Eine holprige Methode, die zwar zur bloßen faktischen Informationsvermittlung taugt, Nuancen der Sprache allerdings zerstören. Zumal in diesem Fall – vermutlich den österreichischen Co-Produzenten des Films geschuldet – das im Hintergrund zu hörende Farsi, von mit starkem österreichischen Akzent sprechenden Stimmen übertönt wird. Eine irritierende Entscheidung, die der Authentizität nicht unbedingt zuträglich erscheint.
Dennoch bleibt „All my Sisters“ ein sehenswerter Blick in den Alltag eines Landes, das im Westen oft durch eine von Klischees und Unwissen geprägte Brille betrachtet wird.
Michael Meyns







