Argerich

In „Argerich“ beschreibt Regisseurin Stéphanie Argerich ihr Verhältnis zu ihrer Mutter Martha, der weltberühmten Pianistin. Wirklich kompliziert war dieses Verhältnis zwar augenscheinlich nicht, wodurch das intime Familienporträt vor allem dadurch interessant wird, dass es die ansonsten sehr kamerascheue Martha Argerich so ausführlich und persönlich zeigt.

Webseite: www.argerich-film.de

Schweiz 2012 – Dokumentation
Regie, Buch: Stéphanie Argerich
Länge: 95 Minuten
Verleih: One Filmverleih
Kinostart: 30. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wenn man so berühmte Eltern hat, wie die beiden Pianisten Martha Argerich und Stephen Kovacevitch fällt der Abnabelungsprozess noch schwieriger als ohnehin schon. Zumal wenn man sich als „Tochter einer Göttin“ fühlt, wie es Stéphanie Argerich angesichts einer übermächtigen Mutter tat, die schon als dreijähriges Wunderkind zum ersten Mal auftrat und bald zu einer der berühmtesten Pianistin der Welt wurde.

All die Auftritte und Reisen, den Ruhm und die Huldigungen mit einem auch nur annährend stabilen Familienleben zu verbinden ist eine Aufgabe, die kaum zu erfüllen ist. Zumal sowohl Martha Argerich und auch Stéphanies Vater Stephen Kovacevitch – ebenfall ein berühmter Pianist – keine dauerhaften Partnerschaften hatten, sondern mit wechselnden Partner diverse Kinder zeugten. So hat Stéphanie Argerich zwei Halbschwestern auf mütterlicher Seite und diverse Halbgeschwister auf väterlicher Seite.

Im Schatten ihrer berühmten Eltern, beziehungsweise vor allem der Mutter, die sich vom Vater trennte als Stéphanie zwei Jahre alt war, entwickelte sie früh Interesse an der Photographie, die zu ersten dokumentarischen Arbeiten führte und nun zum ersten Langfilm. Der ist weder biographischer Film über die Karriere der Mutter, noch reine Nabelschau des persönlichen Verhältnisses. Immer wieder zeigt Stéphanie Argerich ihre Mutter zwar auf der Bühne, bei Auftritten und Proben, doch mehr als Bruchstücke der Erfolgsgeschichte sind das nicht.

Doch auch die Beziehung von Mutter und Tochter ist nur ein Teilaspekt. Immer wieder deutet Stéphanie Argerich zwar Schwierigkeiten an, spricht über das Lampenfieber der Mutter, die durch ihre Kunst und ihren flamboyanten Charakter oft in einer ganz eigenen Welt lebte. Viel Zeit für ein „normales“ Mutter-Tochter Verhältnis scheint es da nicht gegeben zu haben, geschadet hat es Stéphanie Argerich aber scheinbar auch nicht. Zumindest deutet die Regisseurin keinerlei tief sitzende Verletzungen oder Enttäuschungen an, wird keine schmutzige Wäsche gewaschen, gibt es kein kathartisches Gespräch, da es vielleicht auch nichts zu klären gab.

Diese unspektakuläre Art macht „Argerich“ einerseits zu einem angenehm entspannten Film, dem andererseits dadurch auch etwas die Spannung fehlt. Für Stéphanie Argerich mag es wichtig gewesen zu sein, sich durch ihren ersten größeren Film aus dem Schatten der übermächtig erscheinende Mutter zu lösen, für den Zuschauer ist der interessante Aspekt des Films ein anderer: So nah wie hier ist man der Kamerascheuen Martha Argerich wohl noch nie gekommen, so viel wie in diesen 90 Minuten hat die kaum Interviews gebende Pianistin noch nie von sich preis gegeben. Das macht Stéphanie Argerichs Film daher vor allem für Verehrer der Mutter sehenswert, womit sich der Kreis schließt: Dem übermächtigen Schatten der Mutter ist nur schwer zu entkommen.

Michael Meyns