Beschissenheit der Dinge, Die

Der junge Gunther Strobbe kann einem leid tun, wie er seine Jugendjahre da unter einem Dach mit seinem Vater und dessen trinkfreudigen Brüdern verbringt. Die Angst, so zu werden wie seine Verwandtschaft, beschäftigt Gunther auch als jungen Erwachsenen. Droht ihm ein ähnliches Schicksal? So düster die Vergangenheit, so schonungslos der Blick auf diesen sozialen Mikrokosmos – das Leben bei den Strobbes ist hart, herzlich und hochenergetisch, und immer wieder auch von herrlich komischen Momenten durchzogen.

Webseite: www.camino-film.com

OT: De helaasheid der dingen
Belgien 2009
Regie: Felix Van Groeningen
Darsteller: Kenneth Vanbaeden, Valentjin Dhaenens, Koen De Graeve, Wouter Hendricksx, Johan Heldenbergh, Bert Haelvoet, Gilda De Bal
108 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih GmbH
Kinostart: 20.5.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ob die Strobbes so heißen, weil sie gerne gar arg verstrubbelt auf den Plan treten? Doch nicht nur das: so viel Vokuhila wie hier hat man lange nicht mehr in einem Film gesehen. Es sind die 80er Jahre in einem kleinen Provinznest in Belgien und das Leben für den 13-jährigen Gunther Strobbe (Kenneth Vanbaeden) insofern aufregend, als sein Vater und seine diversen Onkel stets Unsinn im Kopf haben, während die liebenswürdige Großmutter aufopferungsvoll den Haushalt schmeißt. Komasaufen jedenfalls steht bei den Strobbes auf der Tagesordnung, der Gedanke an Weltrekordversuche im Dauerbiertrinken ist nicht weit. Ein im Film stattfindendes Nacktfahrradrennen reinszenierte das Team vergangenes Jahr während des Cannes-Festivals kurzerhand auch an der Croisette.

Mit den Verhältnissen bei den Strobbes muss man auch als Außenstehender erst einmal klar kommen. Wüst geht es zu, stumpf, obszön. Von seiner Mutter weiß Gunther nicht viel, außer, dass sie eine Hure gewesen sein soll. Sagt jedenfalls sein Vater. 20 Jahre später hat Gunther (jetzt gespielt von Valentjin Dhaenens) große Zweifel, ob er als werdender Vater nicht ebenso versagen wird und auf ihn – den erfolglosen Schriftsteller mit Nebenjobs als Pizzabote und Minibarverkäufer in Zügen – nicht auch ein Schicksal im Alkoholdunst schäbiger Dorfkneipen wartet, wo man dann vielleicht im Suff mit Billardqueues auf Dartscheiben zielt. Die Vergangenheit droht Gunther einzuholen, auch wenn der Vater längst an seiner Alkoholsucht gestorben ist und die Großmutter ohne Erinnerungen auf ihr Ende im Altersheim auf ihr Ende wartet.

Der 1978 geborene flämische Regisseur Felix Van Groeningen hat den auf autobiografischen Erfahrungen beruhenden Roman von Dimitri Verhulst nicht als Sozialdrama, sondern wie im Buch auch als sehr persönliche Familiengeschichte angelegt. Geschickt verbindet er die Zeitebenen Einst und Heute, wobei das Einst sich in einem verwaschenen, leicht grießeligen Look zeigt und damit zusätzliche Authentizität suggeriert und das Heute sich in philosophischen Betrachtungen über Leben und Schicksal ergeht.

Trotz der Vielzahl von Filmen über das Erwachsenwerden oder den Abnabelungsprozess von der Familie: „Die Beschissenheit der Dinge“ schildert ebenso realistisch wie mit vergnüglichen grotesken Szenen durchsetzt das Dilemma, die Dämonen der Vergangenheit hinter sich zu lassen, auch wenn diese früher eine Normalität dargestellt haben mögen. Es ist auch ein Film, der sich für Diskussionen zum Thema Alkoholmissbrauch, bzw. Alkoholkonsum in Familien eignet und Zustände zeigt, die viel zu gerne totgeschwiegen oder ignoriert werden, die Gesellschaft sich dann aber wundert, warum es mit ihr den Bach runter geht. In diesem Sinne: Willkommen bei den Strobbes.

Thomas Volkmann

Ein sich auf einen flämischen Roman stützender Film über den zunächst erfolglosen, später erfolgreichen – fiktiven – Schriftsteller Gunther Strobbe, der mit seiner ungeliebten Frau ein Kind zeugt, vor allem aber zurückschaut auf seine Kindheit, auf seinen Vater Marcel, auf seine liebevolle Großmutter Meetja, auf die Brüder seines Vaters, Lowie, Pieter und Koen, kürzer gesagt: auf eine Familie von Säufern.

Ein explosives Sozialmilieu: unverbrüchlicher Zusammenhalt der Strobbes – aber Saufgelage, ordinärer Jargon, so gut wie keine Arbeitslust, Fahrradrennen im Nacktzustand, Trinkwettbewerbe, missratene Erziehungsversuche, Knast, gescheiterte Existenzen.

Dazwischen Gunther. Als Kind hin und her geschoben, oft unglücklich, ins Internat abgeschoben, mit missglücktem Liebeserlebnis. Als Erwachsener reflektierend, unzufrieden mit seiner Lebenspartnerin und ihrem Kind, auf die Vergangenheit zurückblickend, diese aufarbeitend, ein neues Leben suchend – und findend.

Ein sich auf drei, vier Zeitebenen abspielendes – und deshalb Aufmerksamkeit forderndes – Sozialdrama: wild, ungebärdig, ordinär, aber auch von Felix Van Groeningen hervorragend inszeniert, ausgiebig erzählt, in vielem realistisch und außerordentlich gut gespielt. Es erinnert an die Realismus- und Naturalismus-Autoren des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts (vor allem die französischen) und ist auf jeden Fall im Arthouse-Bereich einen Kinobesuch wert. Zu zart besaitete Gemüter allerdings sollten draußen bleiben.

Thomas Engel