Bis aufs Blut

Wie einen langen Hip-Hop-Song breitet Oliver Kienle in seinem preisgekrönten Diplomabschlussfilm für die Filmakademie Baden-Württemberg die Geschichte zweier Freunde aus. Intensiv, geschüttelt und wenig gerührt erzählt er in seinem Jugendmilieudrama von Treue, Verrat, Drogen, Tyrannei und dem schwierigen Ausbruch aus dem Kreislauf der Gewalt.

Webseite: www.bisaufsblut.de

D 2010
Regie und Buch: Oliver Kienle
Darsteller: Jacob Matschenz, Burak Yigit, Balder Beyer, Simone Thomalla, Peter Lohmeyer, Aylin Tezel, Manuellsen, Liv Lisa Fries
Länge: 110 Min.
Verleih: Camino Filmverleih
Start: 23. September 2010

Preise: Studio Hamburg Nachwuchspreis 2010, Max Ophüls Preis 2010, Thomas Strittmatter Preis 2009, Deutscher Kamerapreis 2010 u.a.
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vermutlich glimmerten die als Weltkulturerbe geschützten Würzburger Barockgemäuer noch nie so grün und mysteriös in der Dunkelheit. Oliver Kienle nimmt den steten Ruf nach anderen Blickwinkeln in jedem einzelnen Bild sehr ernst. Ebenso genau beobachtete er die brutalen Mechanismen von Jugendgangs in seiner Heimatstadt, die vor kurzem noch stark multiethnisch geprägt war. Bis zu ihrem endgültigen Abzug im Okober 2008 stellten die hier stationierten amerikanischen Streitkräfte mit über 10.000 Menschen fast zehn Prozent der Würzburger Einwohner. Unter Jugendlichen, so äußert sich Oliver Kienle im Presseheft, wurde die Lebensweise amerikanischer Gangs, auch das amerikanische Ghetto zum Vorbild: „Dies war mit ein Grund, warum wir kriminell wurden“.

Sein Ansatz greift mit Wut und Wucht archaische Strukturen auf. Körperliche, seelische und soziale Verletzungen gehören zum Alltag, ebenso ein Vulgärslang. Es gilt das Recht des Stärkeren. Sule (Burak Yigit) schlägt sofort zu, sobald er seinen Freund Tommy (Jacob Matschenz) bedroht sieht. Dafür hilft Tommy ihm bei den Mathematik-Aufgaben. Die zwei Halbwüchsigen sind unzertrennlich. Sule hat keine Eltern mehr und treibt als Dealer durchs Leben. Tommy lernte seinen Vater, einen amerikanischen Soldaten, nie kennen. Er möchte Abitur machen und mit seiner Freundin Sina (Aylin Tezel) aus Würzburg wegziehen. Sule fühlt sich von seinem Blutsbruder im Stich gelassen. Er zieht Tommy weiter ins Drogenmilieu, bis Tommy gefasst wird und ein halbes Jahr lang im Jugendgefängnis der Tyrannei und Folter der Mitinsassen schutzlos ausgeliefert ist. Wieder draußen, erkennt er seine Stadt nicht mehr wieder. Die Amerikaner sind abgezogen, seine Freundin wendet sich von ihm ab, die Schule möchte ihn nicht wieder aufnehmen, die Mutter will ihn rauswerfen. So beherrscht ihn nur noch der Gedanke, herauszufinden, wer ihn an die Polizei verraten hat.

Die Erwachsenen verstehen nichts oder wollen nichts verstehen. Tommys alleinerziehende Mutter (Simone Thomalla), eine Psychologin, scheut sich davor, die Welt ihres Jungen genauer anzusehen. Keiner kann die bröselnden Familienstrukturen ausgleichen. Im Jugendgefängnis schauen die Aufseher weg, wenn Sadisten ihre Zellengenossen quälen. Der Bewährungshelfer aalt sich in Selbstgefälligkeit. Wie beengt Tommys Welt auch nach dem Gefängnis ist, spiegelt sich in den kurzen Beobachtungsdistanzen, in der Abwesenheit von Totalen. Die Straßen sind grau, die Institutionen abweisend, die Treffpunkte der Jugendlichen trashig.

Anders ihre öde Umgebung brodelt das Spiel der Darsteller vor Lebenswut. Deren Energie greift die Kamera eins zu eins auf. Neben jump cuts, einem Scratchen der Bilder und Töne und überlagernden Graffitis neigt sie zu groben Schwenks, fast wie in einem Comic. Das Konzept wird überreizt, Aggressivität und Sprücheklopferei wiederholen sich, die Figur des Sule gerät zur Karikatur und wie in einem Rap-Song kommt Monotonie auf. Eine halbe Stunde weniger hätte dem Film gut getan. Der Schluss jedoch ist ebenso überraschend wie überzeugend, so knapp wie bewegend. 

Dorothee Tackmann

„Brüder auf Bewährung“ heißt es im Filmtitel. Das Wort hat hier eine doppelte Bedeutung: sich füreinander bewähren und auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen werden. Und damit sind wir schon mitten im Milieu. Tommy und Sule sind in einem Alter, in dem man noch nach „Zukunftsperspektiven“ sucht – der Begriff fällt immer wieder.

Die beiden sind dicke Freunde „bis aufs Blut“. Unterschiedlich sind sie schon. Tommy liebt Sina, will vielleicht studieren. Sule ist ein Chaot, ein Schulabbrecher, ein Choleriker, ein Rauschgift-Dealer.

Eines Tages findet die Polizei bei Tommy, der seine Mutter nicht verstehen will und sie nur unfair behandelt, einen Packen Marihuana. Die Folge: sechs Monate Knast.

Nach der Entlassung will er sein Leben radikal ändern. Doch da Sina mit einem Drogendealer nichts mehr zu tun haben will, versumpft Tommy wieder. Sule gewinnt neuen Einfluss auf ihn, kiffen und dealen sind das Ergebnis.

Die beiden streiten sich immer wieder – untereinander und mit anderen „bis aufs Blut“, lieben sich aber auch und halten zusammen.

Doch halt! Der Verdacht lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen, dass Sule Tommy einst verraten hat. Soll und wird Tommy das jetzt auch tun, um bei einer neuerlichen Gerichtsverhandlung gegen ihn ein milderes Urteil zu bekommen?

Auf jeden Fall muss nach der Entlassung aus der Haft ein anderes Leben her.

Der Film wurde bereits mit Preisen überhäuft, und man versteht sehr wohl warum. Er geht zwar in manchen Szenen sehr überspitzt vor, hat aber die richtige Richtung eingeschlagen.

In einem Teil der heutigen Jugend spielt sich das Leben, das Warten auf die „Zukunftsperspektiven“ absolut auf diese Weise
ab – wie bei Sule, Tommy und all den anderen. Der Streifen zeigt somit ein teilweise realistisches Bild – und er kann gleichzeitig Mahnung und Warnung sein.

Inszeniert ist das ziemlich furios: der Schnitt, das Tempo, die Rapper, die „Musik“ (oder was darunter verstanden wird), die Brutalität, die dem Geschehen entsprechende „zerrissene“ Dramaturgie – nicht zuletzt das Spiel der Darsteller.

Sowohl Jakob Matschenz als der hin und her gerissene Tommy als auch Burak Yigit als jähzorniger Sule agieren hervorragend.

Vor allem ein ein junges Publikum ansprechender Film.

Thomas Engel