Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro

Im Frühjahr 1978 entführten die Roten Brigaden – das italienische Pendant zur deutschen RAF – den ehemaligen Ministerpräsident Aldo Moro. Marco Bellocchio, Altmeister des italienischen Politkinos, zeichnet die Entführung anhand von Berichten der Beteiligten nach, konzentriert sich aber in erster Linie auf eine psychologisch komplexe Darstellung der Entführer, die mehr und mehr an ihrem Tun zweifeln, ohne sich jedoch von der grausamen Konsequenz ihrer Handlungen abbringen zu lassen. Ein eindringlicher Film mit interessanten Parallelen zur deutschen Geschichte.

Webseite: kairosfilm.de

Italien 2003
Regie, Buch: Marco Bellocchio
Kamera: Pasquale Mari
Schnitt: Francesca Calvelli
Musik: Riccardo Giagni
Darsteller: Mya Sansa, Luigi Lo Cascio, Pier Giorgio Bellochio, Giovanni Calcagno, Paolo Briguglia
106 Minuten, Format 1: 1,85
Verleih: Kairos Film
Kinostart: 14. Juni 2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Als angebliches Ehepaar mieten Chiara (Maya Sansa) und Ernesto (Pier Giorgio Bellochio) eine Wohnung im Erdgeschoss an. Später sieht man sie an Regalen und anderem arbeiten und ahnt schon, welchen Zweck die Vorrichtungen erfüllen sollen. Dann ist es soweit. Das Geräusch von Hubschrauber über dem Garten löst in Chiara höchste Aufregung aus, der Fernseher bestätigt es: Aldo Moro, ehemaliger italienischer Ministerpräsident ist entführt worden. Kurze Zeit später bringen drei Komplizen eine große Kiste in die Wohnung, sperren Moro in ein Kabuff hinter dem Bücherregal und genießen den Moment des Erfolgs.
Fast dokumentarisch mutet Marco Bellocchios fast ausschließlich in der Wohnung spielender Film hier an. Das Wache stehen, die Essenszubereitung, die „Verhöre“ Moros von der selbsternannten Gerichtsbarkeit der Terroristen, alles wird präzise nachgezeichnet. Doch Buongiorno, notte ist mehr als ein authentisch anmutendes Dokudrama.

In erster Linie aus Sicht Chiaras – der einzigen Frau unter den Terroristen – erzählt, entstehen nach und nach Momente des Zweifelns. Die Öffentlichkeit reagiert nicht so, wie die Anführer das erwartet und versprochen haben, Erpressungsversuche scheinen an der Regierung abzuperlen und Moro selbst erweist sich Gefangener, der auch unter diesen Umständen seine Würde behält und sich nicht den absurden Argumenten seiner Entführer unterwürft. Immer öfter „sieht“ Chiara nun eine andere Realität, sieht Variationen des Möglichen, in denen die Ereignisse nicht dem unausweichlichen Ende entgegengehen. 

Diese Momente sind anhand der filmischen Mittel nicht von der gezeigten Realität zu unterscheiden. Allein durch den Einsatz der Musik von Pink Floyd merkt man nach einer Weile, dass man gerade wieder Bilder aus Chiaras Imagination sieht. Dieses zunächst etwas aufgesetzt wirkende Stilmittel entwickelt sich immer mehr zum Glücksgriff. Ermöglicht er Bellocchio doch den langsamen Wandel in Chiaras Haltung zu zeigen, vor allem aber die Schwierigkeit diesen Gedanken auch Taten folgen zu lassen. Denn auch wenn sie begreift, dass die Ermordung Moros die Roten Brigaden keineswegs dem Erreichen ihrer Ziele näher bringen würde, wagt sie es nur im Traum, auch dementsprechend zu handeln.

Die Wirklichkeit endete grausamer. Moro wurde ermordet und markierte ähnlich wie die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer in Deutschland, nur wenige Monate zuvor, eine Wasserscheide. Die Skrupellosigkeit und menschenverachtende Brutalität mit der die jeweiligen Terrorgruppen vorgingen, bewirkten genau das Gegenteil der angestrebten Ziele. Die anmaßende Haltung, als vorgebliche Vertreter der Bevölkerung über Vertreter des verhassten Systems zu richten, zeigte selbst (den meisten) hartnäckigen Apologeten auf, welchen Irrweg die Terroristen eingeschlagen hatten. Dass Moro dies voraussieht und seinen Entführern erklärt, dass sie mit seiner Ermordung ihren Gegnern in die Hände spielen werden, verleiht dem Ganzen eine zusätzlich tragische Dimension. 

Buongiorno, notte ist ein exzellenter Film über eine der schwärzesten Stunden der italienischen Nachkriegszeit, vor allem aber ein intensives Drama über Entführer, die in ihren fixen Vorstellungen ebenso Gefangene sind, wie ihr Opfer in seinem Kabuff.

 

Michael Meyns