Der in Frankreich geborene Regisseur Alain Gomis, Kind von Eltern aus Westafrika, erzählt in seinem dreistündigen Film „Dao“, vom Verhältnis der Generation, von den Verbindungen, die es zwischen nach Frankreich emigrierten oder dort geborenen Schwarzen und ihren Vorfahren in Afrika gibt, von Geschlechterverhältnissen und den Spuren des Kolonialismus. Manchmal ist das etwas viel, meist aber ein spannendes filmisches Experiment.
Über den Film
Originaltitel
Dao
Deutscher Titel
Dao
Produktionsland
FRA, GNB, SEN
Filmdauer
185 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Pialat, Sylvie / Barral, Christophe / Ayadi,Toufik
Regisseur
Gomis, Alain
Verleih
Luftkind Filmverleih GmbH
Starttermin
04.06.2026
Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters reist die in Frankreich geborene Gloria (Katy Correa) ins westafrikanische Guinea-Bissau, um zusammen mit zahlreichen Verwandten im Heimatdorf ihres Vaters an einer traditionellen Zeremonie zu Ehren des Verstorbenen teilzunehmen. Begleitet wird sie von ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio), die zum ersten Mal nach Afrika reist und sich so auf die Spuren ihrer Vorfahren begibt.
Einige Zeit später heiratet Nour, Anlass für ein ausgelassenes Fest, das in einem Hof außerhalb von Paris stattfindet. Freunde und Verwandte sind zu Besuch, es wird gefeiert, in Momenten droht es zu Streitigkeiten zu kommen, doch am Ende wird vor allem viel getrunken, gefeiert und nicht zuletzt getanzt.
Die ersten Szenen von Alain Gomis’ „Dao“ spielen in gewisser Weise vor Beginn des eigentlichen Films: Castingmomente sind zu sehen, Schauspielerinnen sprechen direkt in die Kamera, erzählen von sich, ihren Wünschen und Hoffnungen an das Filmprojekt, langsam kristallisieren sich zwei Personen heraus, eine ältere, eine jüngere, bald scheinen die Frauen nicht mehr als Schauspielerinnen zu sprechen, sondern in ihre Rollen geschlüpft zu sein. Einige Male wird Gomis noch in den Castingraum zurückkehren, werden Schauspieler, Schwarze oder Araber, von Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus oder dem Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Mit diesem ungewöhnlichen Beginn deutet Alain Gomis’ an, dass das folgende zwar ein Spielfilm ist, der aber noch mehr aus der Realität schöpft, als das bei Spielfilmen ja ohnehin meist der Fall ist.
Die beiden Feierlichkeiten, die das Zentrum des Films bilden, wirken oft wie Aufnahmen aus einem Dokumentarfilm, sie wirken, als sei die Kamera zufällig dabei, wenn sich unterschiedliche Familienmitglieder teilweise nach vielen Jahren zum ersten Mal wiedertreffen, alte Konflikte aufbrechen, die besondere Situation eines ausgelassenen Festes zum Katalysator wird. Ganz unterschwellig nutzt Gomis diese Feiern, um Unterschiede zwischen den Schwarzen anzudeuten, die in Afrika geblieben sind, und denen, die es nach Frankreich geschafft haben oder schon dort geboren wurden.
Doch bei diesem Kontrast bleibt es nicht: Nach und nach wird deutlich, dass es am Ende gar nicht so viele Unterschiede gibt, dass auch die scheinbar modernen Europäer noch von ähnlichen Fragen geprägt sind, wie die in Afrika lebenden. Vor allem die die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse sind hier zu nennen, angedeutet durch Halbgeschwister, die aufeinandertreffen, die zwar denselben Vater haben, der jedoch oft durch Abwesenheit glänzt.
Unterschwellig deutet Gomis an, wie ähnlich sich beide Welten am Ende doch sind, er zeigt die Rituale die hier wie da die Gemeinschaft zusammenbringen und zusammenhalten, besonders durch die Musik und ausladende Feier- und Tanzszenen. Nur in wenigen Momenten verlässt er dabei seinen dokumentarischen Ansatz und inszeniert konventionell anmutende Dialogszenen, die dann auch gleich weniger überzeugend wirken, als der Rest des Films.
Auch wenn sich Alain Gomis in seinem sechsten Film vielleicht etwas viel vorgenommen hat – gerade kurze Passagen in denen es auch noch um die Sklaverei und die Kolonialzeit gehen sollen, wirken etwas zu schematisch – überzeugt „Dao“ in seinen besten Momenten als authentisch wirkendes Bild von Gruppen von Menschen, die sich mal in Afrika, mal in Europa bewegen, scheinbar zwei unterschiedliche Welten, die aber durch vielfältigere Bande verbunden sind, als es oft den Eindruck macht.
Michadel Meyns







