Das geträumte Abenteuer

Mit ihrem vierten Film „Das geträumte Abenteuer“ wurde Valeska Grisebach zum ersten Mal in den Wettbewerb der Filmfestispiele von Cannes eingeladen, wo das über 160 Minuten lange Drama mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Auch ein Zeichen für den Status, den die in Berlin lebende Regisseurin international inzwischen hat, auch wenn ihr neuer Film zwar erneut die Stärken, aber auch die Schwächen ihrer besonderen Arbeitsweise zeigt.

 

Über den Film

Originaltitel

Das geträumte Abenteuer

Deutscher Titel

Das geträumte Abenteuer

Produktionsland

DEU, FRA, AUT, BLG

Filmdauer

167 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Maren Ade, Jonas Dornbach, Janine Jackowski

Regisseur

Valeska Grisebach

Verleih

Piffl Medien GmbH

Starttermin

24.09.2026

 

Neun Jahre liegt „Western“, der letzte Film von Valeska Grisebach, inzwischen schon zurück, neun Jahre, in denen die Regisseurin intensiv recherchiert und geforscht, Geschichten aufgespürt, Anekdoten zusammengetragen hat, die sie nun in einem mäandernden Film unterzubringen sucht. Erneut spielt „Das geträumte Abenteuer“ in Bulgarien, diesmal in der kleinen Stadt Svilengrad, die unweit der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei liegt und damit auch an der EU-Außengrenze. Auf der Autobahn vor der Grenze stauen sich die Lastwagen, die raue, abgelegene Landschaft lädt geradezu zu kriminellen Aktivitäten ein, der Schmuggel ist eine der wichtigsten Beschäftigungen der Bewohner.

So auch von Said (Syuleyman Letifov), der eine kleine Nummer ist, ein bisschen Benzin verticken will und zu Beginn des Films nach langer Abwesenheit in seine Heimatstadt zurückkehrt. Abends driftet er durch die leeren Straßen, bleibt in einer Bar hängen, schläft in einem heruntergekommenen Hotel. Am Morgen ist sein Auto weg, gestohlen, Said wundert sich darüber kaum.

Zufällig (nicht das einzige Mal, dass das von Grisebach und Lisa Bierwirth geschriebene Drehbuch auf selbige zurückgreifen muss, um die Handlung weiterzubringen) begegnet er Veska (Yana Radeva), einer Archäologin, die am Rande der Stadt an einer Ausgrabung arbeitet, in Matochina, einer mittelalterlichen Festung. Veska und Said kennen sich von früher, waren vielleicht mal ein Paar, nun bietet sie an, ihn herumzufahren, wird unmerklich in Saids Geschäfte hineingezogen, die sie auch fortsetzt, nachdem er plötzlich verschwindet.

Auf einmal steht nun Veska im Mittelpunkt, die ebenfalls eine Geschichte in der Stadt hat, die ebenso wie Said den lokalen Gangsterboss Iliya (Stoicho Kostadinov) von früher kennt, der sein Revier gegen Eindringlinge verteidigen will.

So wie „Western“ eine Art Anti-Western war, mag man auch „Das geträumte Abenteuer“ als Anti-Abenteurfilm verstehen, eine Dekonstruktion der Erzählmuster eines Genres, das typischerweise von Männer geprägt ist, ihren Wünschen, ihrem Begehren. Hier dreht Grisebach den Spieß um, erzählt über weite Strecken aus der Perspektive einer Frau, die sicher nicht zufällig fast ihren Vornamen trägt und auch optisch der Regisseurin durchaus ähnelt. So wie die Archäologin im Film Schichten freilegt, anhand von Indizien und Relikten aus der Vergangenheit versucht, der Geschichte des Ortes näher zu kommen, so geht auch Grisebach in ihrer Arbeit vor. Aus jahrelanger Recherche und Gesprächen mit Menschen vor Ort, konstruiert sie einen losen Plot, den sie mit Laiendarstellern verfilmt.

Im besten Fall führt das zu semi-dokumentarischen Szenen, die authentisch wirken, die das Wesen einer Region und der Menschen, die sie bewohnen einfangen. Andererseits führt die Arbeit mit Laien, die anders als professionelle Schauspieler eine Szene, zudem noch eine improvisierte, nicht beliebig oft praktisch identisch wiederholen können, auch zur Schwierigkeit, aus disparatem Material eine funktionierende Handlung zu formen. Viele Szenen in „Das geträumte Abenteuer“ wirken daher wie im Schnitt konstruiert, Dialoge kommen aus dem Off, sind oft nachsychronisiert und nicht Lippensynchron. Selbst einfache Handlungen sind oft durch Schnitte unterbrochen, also aus mehreren Aufnahmen zusammengestellt, vor allem aber hat es einen Nachdreh gegeben, was darauf hindeutet, dass bei den mit fast 50 Drehtagen für deutsche Verhältnisse sehr langen Dreharbeiten, dennoch nicht genug Material entstanden war.

Sehr lang wirken die 165 Minuten von „Das geträumte Abenteuer“ dadurch, aber es lohnt sich dennoch, Geduld mitzubringen. Denn zwischen bisweilen etwas konstruierten Momenten, finden sich immer wieder genau beobachtete Szenen, in denen sich die lange und intensive Recherche auszahlt. Im Schatten einer Genre-Dekonstruktion gelingt es Grisebach dann, von toxischer Männlichkeit zu erzählen, von Geschlechterverhältnissen, deren Spuren auch in der Gegenwart noch viel zu stark sind, aber auch von Europa und seinen Grenzen, von Migration und einem starken Heimatgefühl.

 

Michael Meyns

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