20 Minuten Standing Ovations in Cannes (zweitbestes Klatschzeit-Ergebnis aller Zeiten!). Regie-Palme für Javier Calvo und Javier Ambrossi. Oscar-Kandidat für Spanien. Keine schlechte Bilanz für diese Pedro Almodóvar-Produktion mit Gastauftritten von Penélope Cruz und Glenn Close. Erzählt wird in epischer Form von drei schwulen Männern in Spanien in den Jahren 1932, 1937 und 2017. Bildgewaltig und fabulierfreudig geht es um Identität, Begehren und die rigorose Liebe. Die opernhafte Opulenz samt enormem Empathie-Potenzial der Figuren lassen die 155 Minuten wie im Flug vergehen. Beste Oscar-Chancen also für diesen ziemlich besten queeren Paukenschlag auf der Leinwand seit „Brokeback Mountain“.
Über den Film
Originaltitel
La bola negra
Deutscher Titel
La bola negra
Produktionsland
ES, FR
Filmdauer
155 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Javier Calvo, Javier Ambrossi, Jorge Pezzi
Regisseur
Javier Ambrossi
Verleih
Pandora Film Medien GmbH
Starttermin
19.11.2026
Kinder üben in einem kleinen spanischen Dorf begeistert den Hitlergruß. Eine Kapelle spielt zur Begrüßung von italienischen Flugzeugen. Doch jäh ist Schluss mit lustig. Mit dieser Ouvertüre beginnt das zweieinhalbstündige Epos, das drei Erzählstränge in unterschiedlichen Zeiten schildert.
1937 verliebt sich Sebastián, ein Bewacher, in den verwundeten Kriegsgefangenen Rafael. Fünf Jahre zuvor möchte der junge Carlos Mitglied eines exklusiven Clubs werden, doch Gerüchte über seine Homosexualität stehen ihm im Weg. In der Gegenwart erfährt der schwule Historiker Alberto vom Tod seines unbekannten Großvaters, der ihm ein überraschendes Erbe hinterlässt. Was diese Männer miteinander verbindet, erschließt sich erst nach und nach. Wie in einem Kaleidoskop entsteht mit jeder Drehung ein neues Bild, das einen weiteren Teil des Puzzles sichtbar macht.
Über Carlos’ Aufnahme in den exklusiven Club entscheiden die Mitglieder mit weißen und schwarzen Kugeln. Acht zu zwei gegen den sensiblen jungen Mann. Die titelgebenden schwarzen Kugeln besiegeln seine Ablehnung. Den feinen Bonzen der Stadt genügt schon ein Gerücht über seine Homosexualität. Carlos’ besorgter Vater berichtet von einem schwulen Teenager, der aus Homophobie vom Mob erschlagen wurde und den man anschließend hundert Tage liegen ließ. Auf offener Straße wird gedroht: „Es wird alles so, wie es mal war. Zur Not mit drei Kugeln im Kopf.“
Das Regie-Duo Calvo und Ambrossi erzählt mit visueller Wucht und verschwenderischer Fabulierlust. Ein Kind beginnt in einer Kneipe zu singen, die Nummer steigert sich zum Flamenco. Penélope Cruz gibt die frivole Cabaret-Sängerin vor johlendem Soldatenpublikum, eine Varieté-Nummer gibt es obendrein. Dazwischen brutale Kriegsszenen und Liebesgeschichten, für die sich der Film alle Zeit nimmt.
Die Romanze zwischen Sebastián und Rafael hat es besonders in sich. Ein Bewacher und sein verwundeter Gefangener. Denkbar schlechte Voraussetzungen für ein Liebesglück. Ein rigoroses Liebesgedicht gehört dazu. Nach dem poetischen Höhenflug folgt prompt die Bruchlandung: „Ich verstehe es nicht“, sagt Rafael. Da rückt die Seifenoper schon mal verdächtig nah an die große Oper heran.
2017 geht es beim Sex weniger feierlich zu. „Was suchst du?“, fragt einer auf Grindr. „Schnellen Sex.“ Zumindest im dritten Erzählstrang stellen die Regisseure den durchgestylten schönen Jungs des queeren Kinos mit Alberto einen dicklichen, bärtigen Durchschnittstypen zur Seite. Vermeintliche Schönheitsideale weichen der Normalität. Sex lässt sich immer schnell finden. Schwieriger wird für den gescheiterten Autor da schon eher die Suche nach dem Sinn seines Lebens.
Beim gemeinsamen Essen mit seiner Mutter trinkt die, wie so oft in der Vergangenheit, reichlich und zieht zwischendurch eine Line. Das Erbe des unbekannten Großvaters führt Alberto auf die Spur eines Familiengeheimnisses. Glenn Close hat ihren Auftritt als charmante Wissenschaftlerin auf den Spuren von Federico García Lorca. Dessen fragmentarischer Text liefert den Ausgangspunkt für die drei ineinander verschlungenen Geschichten.
Zu viele Kitschkalorien? Gewiss. Aber welche gute Oper achtet schon auf den Fettgehalt oder nimmt Süßstoff statt Zucker? Calvo und Ambrossi erzählen mit Lust an großen Gefühlen und opulenten Bildern von der langen Geschichte der Homophobie. Neben der Liebe, die sie ihren Figuren gönnen, wirken die Hassprediger denkbar armselig.
Und dann diese Konstruktion! Drei Zeiten, drei Männer, zahllose Verwicklungen. Kaum ist eine Wundertüte ausgepackt, wartet schon die nächste. Was zunächst weit auseinanderzuliegen scheint, findet auf immer überraschendere Weise zusammen. Ein überschäumendes, bewegendes Opus wie für den Oscar geschaffen. Die zweitlängste Klatschzeit à la Cannes! Publikumsliebling im Kino? Ziemlich beste Chancen…
Dieter Oßwald






