Vom Konflikt der Generationen erzählt der algerische Regisseur Karim Moussaoui in seinem zweiten Spielfilm „Das Verschwinden“, eine Adaption eines Romans seines Landmannes Samir Toumi. Die literarische Vorlage ist dabei stets zu spüren, nicht immer gelingt eine überzeugende filmische Adaption, doch vor allem der überzeugende Hauptdarsteller Sammy Lachea macht das Drama sehenswert.
Über den Film
Originaltitel
L’Effacement
Deutscher Titel
Das Verschwinden
Produktionsland
DZ, DE, FR, TN
Filmdauer
91 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
David Thion, Philippe Martin
Regisseur
Karim Moussaoui
Verleih
IMMERGUTEFILME c/o Lichtblick Cinema GmbH
Starttermin
22.10.2026
Die mondäne Villa, die mehr einem Landsitz in der französischen Provinz ähnelt, als einem Haus am Rand von Algier, deutet es an: Reda (Sammy Lachea) wächst im Wohlstand auf, hat Zeit seines Lebens alles gehabt von dem er träumen mag, allein an persönlicher Freiheit mangelt es ihm. Sein übermächtiger Vater (Hamid Amirouche) bestimmt sein Leben, hat ihm einen Job in dem staatlichen Unternehmen verschafft, in dem er selbst jahrelang die Macht hielt, auch wenn der Sohn keine wirklichen Fähigkeiten besitzt.
Zu Hause ist der Vater ein Patriarch, hält den Rest der Familie klein. Während Reda sich unterwirft hat sein Bruder Faycal (Idir Chender) genug vom Vater: Er geht mit seiner Freundin ins Exil nach Frankreich, nur weg vom Vater, nur weg von Algerien.
Reda dagegen überlässt dem Vater sogar die Entscheidung über seine zukünftige Ehefrau, eine für die Familie vorteilhafte Verbindung soll geschlossen, die Macht der Familie konsolidiert werden. Doch der Vater hat auch Feinde, in seiner Firma ist er nicht mehr unanfechtbar und er kann auch nicht verhindern, dass Reda zum Militär muss. Dort wird der zurückhaltende Reda von seinen Kameraden geschnitten und getriezt, und dann stirbt der Vater überraschend.
Ein Einschnitt, der „Das Verschwinden“ in zwei Hälften trennt, der ein anfangs konventionelles Familiendrama zunehmend in surreale Gefilde driften lässt. Denn mit dem Tod des Vaters verschwindet Redas Spiegelbild, im übertragenen und unmittelbaren Sinn. Wenn er mit seiner Verlobten in ein Restaurant geht und vor einem Spiegel steht, sieht Reda nur sie, als wäre er ein Vampir, als würde er nicht existieren.
Ohne den Schutz des Vaters, ohne seinen Rat und Einfluss, bewegt sich Reda nun durch die Welt, losgelöst von der Väter-Generation, die Algerien nach der Unabhängigkeit groß gemacht, aber auch in politisch labile Fahrwasser gelenkt haben. In der Firma wird er von einem schmucken Büro in einen fensterlosen Raum versetzt, bevor er bald ganz entlassen wird. Seine Expertise ist nicht mehr erwünscht, er hat der Firma und dem Land nichts zu geben.
Die Generation der Kinder – so zumindest deutet es Moussaoui an – hatte nie die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, stand stets im Schatten der übermächtigen Väter und weiß nach deren Tod nicht, wohin mit ihrem Leben. Etwas überdeutlich wird dieser Ansatz durch Szenen versinnbildlicht, in denen Reda durch die Wüste streift, sich bei einem Militäreinsatz im Niemandsland wiederfindet, wo er auch zum ersten Mal zu der extremen Gewalt greift, die sein Untergang sein wird.
Man merkt Karim Moussaoui Drama seine Ambition an, den Versuch, ein sehr literarisches, auf dem Papier funktionierendes Konstrukt auf die Leinwand zu übertragen. Nicht immer gelingt, diesen allegorischen Ansatz in überzeugende Bilder zu fassen. So lebt „Das Verschwinden“ vor allem von der eindringlichen Darstellung von Sammy Lachea, dem die Verlorenheit einer Generation ins Gesicht geschrieben scheint.
Michael Meyns







