Der verlorene Mann

Welf Reinharts großartig besetztes Kinodebüt erzählt vom Verschwinden der Erinnerung – und von einem Paar, das aus dem Widerstreit zwischen Fürsorge und Eifersucht vielleicht wachsen, vielleicht aber auch zerbrechen könnte.

 

Über den Film

Originaltitel

Der verlorene Mann

Deutscher Titel

Der verlorene Mann

Produktionsland

DEU

Filmdauer

102 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Reinhart, Welf

Verleih

Filmwelt Verleihagentur GmbH

Starttermin

07.05.2026

 

Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel), die immer noch als Kunstlehrerin arbeitet, lebt mit ihrem Mann Bernd (August Zirner), einem Pfarrer im Ruhestand, schon lange mitten in der Oberpfalz auf dem Lande. Die beiden sind ein Musterbeispiel für die routinierte Zweisamkeit eines miteinander älter gewordenen Paares – keine große Leidenschaft, aber stattdessen eine innige Zuneigung und viel Vertrauen.

 

Eines Tages steht Hannes Ex-Mann Kurt vor der Tür. Er ist dement geworden, und kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass er von Hanne geschieden ist. Irritierenderweise verhält er sich, als ob er sich gerade eben verabschiedet hätte und nicht vor 20 Jahren. Tatsächlich ist er aber fitter, als man denken könnte, denn er ist aus dem Pflegeheim abgehauen, wo er gelandet ist, weil seine Tochter, die sich eigentlich um ihn kümmert, dringend beruflich verreisen musste. Hanne will mit Kurt nichts zu tun haben und möchte ihn am liebsten wegschicken, aber Bernd hält sie davon ab. Er hat Mitleid mit dem eigentlich freundlichen, wenn auch stark verwirrten Mann, und so nehmen die beiden ihn erstmal bei sich auf. Doch was als Geste der Hilfsbereitschaft beginnt, entwickelt sich schnell zu einer schwierigen Dreieckskonstellation, in der sich für alle Beteiligten alte und gegenwärtige Probleme eröffnen. Hanne und Bernd haben die Situation unterschätzt. Sie finden trotz intensivster Suche keinen Pflegeplatz für Kurt, und sie geraten immer mehr in eine unerwartete Beziehungskrise, denn der demenzkranke, aber stets gut gelaunte Demenzkranke entpuppt sich als echte Konkurrenz für Bernd.

 

Welf Reinhart nimmt das Thema Demenz als Aufhänger für eine originelle, manchmal sogar ziemlich witzige Beziehungsgeschichte, also keineswegs als Basis für eine dröge Sozialschmonzette. Bei ihm wird die Demenz zur ernstzunehmenden, ständig präsenten Herausforderung, die nicht nur die Beziehungen, sondern auch die Biografien der drei Hauptpersonen erschüttert. Je länger der Film dauert, desto mehr gewinnt er an Energie und Emphase. Dabei setzt Welf Reinhart, der gemeinsam mit Tünde Sautier das Drehbuch schrieb, keinesfalls auf ein allzu gefühliges, gefälliges Seniorenkino mit einem sozusagen cineastischen Pflegegrad, sondern er verlässt sich vor allem auf die schlüssige Entwicklung einer sehr originellen Handlung und auf die wunderbar präzise, naturalistische Beobachtung seiner Figuren – als Individuum und in der Kommunikation mit anderen. Reinharts Sympathien sind relativ gleichmäßig auf alle drei Hauptpersonen verteilt, vielleicht bekommt Hanne einen Hauch mehr davon, aber es gibt weder Gut noch Böse. Das lässt allen Dreien Würde und Respekt, macht die Handlung spannend und eröffnet dem Publikum die Möglichkeit, sich noch stärker in die handelnden Personen hineinzudenken bzw. in ihre Probleme, die sich aus dem unerwarteten und zumindest für das Ehepaar nicht unproblematische Zusammenleben in einer ziemlich merkwürdigen Senioren-WG entwickeln. Muss und wird sich Hanne tatsächlich zwischen den beiden Männern entscheiden?

 

Die großartige Dagmar Manzel, einer der wenigen echten, aber stets unauffälligen Stars der Berliner Theaterszene und neben ihren zahllosen Film- und Fernsehrollen bekannt als Nürnberger Tatort-Kommissarin Paula Ringelhahn, spielt Hanne mit liebenswürdig kratzigem Charme als zu Beginn etwas altersgemäß ruhigere, aber immer noch lebenslustige Vollblut-Künstlerin. Als ihr Ex-Mann Kurt ist der vielbeschäftigte Österreicher Harald Krassnitzer („Der Winzerkönig“) ein alter Mann, der ohne jedes Pathos seine ständig zunehmende Demenz manchmal schmerzhaft zu begreifen scheint, dessen Verlorenheit aber auch oft komische Züge trägt. August Zirner spielt Bernd beinahe mitleiderregend als zunehmend verunsicherten Ehepartner, dessen Vertrauen in seine Frau und ihre Loyalität immer stärker auf die Probe gestellt wird. 

 

Auch wenn vieles an ein Kammerspiel erinnert – die drei Stars bestreiten praktisch ganz allein die Handlung und schaffen eine durchgehend freundliche Stimmung, die eher leicht als gewichtig wirkt und dabei keineswegs in Sentimentalität abgleitet. Für Gefühle sorgen hier vor allem die Bilder: gedeckte, sanfte Farben, melancholische Nebelschwaden und viele traumschöne Naturaufnahmen. Sie schaffen für die drei sehr überzeugend agierenden Hauptpersonen eine sehr angenehme Atmosphäre, die man vielleicht als empathischen Realismus bezeichnen könnte.

 

 

Gaby Sikorski

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