Die Saat

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Verdreckte Arbeiter in verschwitzten Unterhemden – das sieht man selten im deutschen Kino. Regisseurin Mia Maariel Meyer macht in ihrem zweiten Spielfilm eine Ausnahme. Doch sie beschränkt sich nicht auf Anklänge an den „proletarischen Film“, sondern erweitert ihre Studie über den Leistungsdruck unserer Gesellschaft auf ein allgemeingültiges Thema auch für den Mittelstand: Wie schafft man es, zwei Jobs, Kindererziehung und Verschuldung unter einen Hut zu kriegen? Hauptdarsteller Hanno Koffler hat für die gemeinsame Arbeit mit seiner Lebenspartnerin erstmals auch an einem Drehbuch mitgeschrieben.

Website: www.missingfilms.de

Deutschland 2021
Regie: Mia Maariel Meyer
Drehbuch: Mia Maariel Meyer, Hanno Koffler
Darsteller: Hanno Koffler, Dora Zygouri, Anna Blomeier, Andreas Döhler, Robert Stadlober, Lilith Julie Johna
Länge: 97 Minuten
Verleih: Missing Films
Kinostart: 28.04.2022

FILMKRITIK:

Kleine Auszeit in stressiger Zeit: Teenager Doreen (Dora Zygouri) sitzt mit Vater Rainer (Hanno Koffler) auf der Motorhaube des Familienautos, irgendwo am Rande der Straße mit Blick ins freie Feld. Beide schnaufen nach einer heftigen Auseinandersetzung ein wenig durch. Plötzlich schreit Doreen, nicht vor Schmerz und nicht vor Wut, sondern einfach so, aus Spaß und um Druck abzulassen. „Mach‘ auch mal“ feuert sie ihren Vater an, der eigentlich ein eher zurückhaltender und kontrollierter Typ ist. Er zögert, bringt irgendwann ein schüchternes „Ah“ heraus. Aber dann ist der Bann gebrochen. Beide brüllen so um die Wette, dass der Erfinder der Urschrei-Therapie seine wahre Freude daran hätte.

Die Szene, die es auch aufs Filmplakat geschafft hat, bringt den zentralen Konflikt wunderschön auf den Punkt. Die dreiköpfige Familie steht mächtig unter Strom. Aus der Wohnung in der Stadt musste sie raus, aber das kleine Häuschen auf dem Land ist renovierungsbedürftig und nur zu finanzieren, wenn Rainer den Bauleiterjob dauerhaft bekommt, in dem er zurzeit auf Probe arbeitet. Auch Ehefrau Nadine (Anna Blomeier) muss ranklotzen und als Krankenschwester Doppelschichten einlegen, obwohl sie noch einmal schwanger ist.

Tochter Nadine steht unter einem anderen, emotionaleren Stress. Sie wollte aus dem alten Zuhause um keinen Preis weg. Um den Frust zu lindern, freundet sie sich mit dem gleichaltrigen Nachbarsmädchen Mara (Lilith Julie Johna) an, einer verwöhnten Göre aus reichem Haus. Eigentlich bilden Rainer, Nadine und die 13-jährige Doreen ein starkes Team, das ein wenig an die Solidargemeinschaft der kleinen Leute in Ken Loachs „Sorry we missed you“ (2019) erinnert. Aber als Rainers Chef Klose (Robert Stadlober) ihm den besser dotierten Job wegnimmt und den rücksichtslosen Jürgen (Andreas Döhler) vor Rainers Nase setzt, wächst der Druck ins Unerträgliche.

Regisseurin Mia Maariel Meyer schildert ihre Geschichte vom unaufhaltsamen Abstieg eines Vorarbeiters mit präzisem Blick auf das Milieu. In ihrem zweiten langen Spielfilm interessiert sie sich für die Mechanismen der Arbeitswelt und die konkreten Bedingungen der Baubranche mit einer Souveränität im Detail, die selten ist im deutschen Kino. Dennoch wollten sie und ihr Lebenspartner Hanno Koffler, der erstmals auch an einem Drehbuch mitgeschrieben hat, nicht nur vom „Leben der Anderen“ erzählen. In das Herzensprojekt des Paars flossen eigene Erfahrungen aus einem mittelschichttypischen Haushalt mit zwei Kindern ein, sodass der Film unsere immer unbarmherzigere Leistungsgesellschaft insgesamt auf den Prüfstand stellt. Wenn beide Eltern Geld verdienen müssen, um über die Runden zu kommen – wo bleibt dann noch Zeit und Muße, um den Kindern emotionalen Schutz zu bieten?

Mit eindringlichen akustischen und visuellen Mitteln erzeugt das Sozialdrama einen spannenden Sog, dem sich das Publikum kaum entziehen kann. Immer wieder geht die dynamische Handkamera von Falko Lachmund ganz nah ran, wenn die von Hanno Koffler mit ungeheuer physischer Präsenz verkörperte Vaterfigur schier zu platzen droht vor unterdrückter Wut. Das Pochen der Adern und Zittern der Haut wird in solchen Momenten verstärkt von dissonanten Geräuschen auf der Tonspur, einem dumpfen metallischen Klopfen und Rauschen, das zu implodieren droht in einer Art Hörsturz.

In ihrer differenzierten Studie über die kapitalistische Leistungsgesellschaft sind Meyer und Koffler nicht auf Anklage und klare Lösungen aus. Das unterscheidet sie vom bekennenden Sozialisten Ken Loach. „Die Saat“ reißt mit und bietet Anknüpfungspunkte für sämtliche sozialen Milieus, bis hin zum Firmenchef, dessen äußere Zwänge und innere Nöte nachvollziehbar skizziert werden. Vor allem aber ist der zweite Film von Mia Maariel Meyer auch eine Studie über Väter und Töchter. Beider Perspektiven halten sich die Waage und werden in eindrücklichen Parallelmontagen gegeneinander gestellt. Am Ende könnte es die junge Doreen sein, die am ehesten den Weg aus dem Hamsterrad findet.

Peter Gutting