Dixie Chicks: Shut Up & Sing

Dokumentarfilm über die US-Frauenband „Dixie Chicks“ mit Natalie Maines, Emily Robison und Martie Maguire.
Statistisch gesehen stehen 90 Prozent der amerikanischen Countrybands auf der Linie ihres Präsidenten George W. Bush. Die Dixie Chicks aus Texas gehören nicht dazu. Weil sie sich 2003 bei einem Konzert in London für ihren Präsidenten wegen dessen Irakpolitik schämten, wurden sie quasi zum Staatsfeind. Die preisgekrönte Dokumentarfilmerin Barbara Kopple hat die offenherzigen und sympathischen Frauen porträtiert. Ihr unterhaltsamer Film könnte dazu beitragen, die Dixie Chicks auch hierzulande bekannter zu machen.

Webseite: www.shutupandsing.centralfilm.de

USA 2006
Regie: Barbara Kopple & Cecilia Peck
93 Minuten
Verleih: Senator/Central Film
Kinostart neu am 9.8.07

PRESSESTIMMEN:

 

…beschreibt die Geburt der Zivilcourage aus dem Geist des Country.
Ein faszinierender Einblick in die Welt der Country-Maschinerie.
Der Spiegel

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Eigentlich sind die Dixie Chicks ja gar keine politische Band. Und wenn, dann hat das in den USA lange keinen Fan gestört. Mit etlichen Grammys und 30 Millionen verkauften CD’s, davon dreien, die in den USA sofort nach Erscheinen an die Spitze der Charts stürmten, ist das aus Natalie Maines, Emily Robison und Martie Maguire bestehende Trio die erfolgreichste Frauenband der Musikgeschichte. Doch dann traten die Dixie Chicks im November 2003 in London auf und Natalie Maines gestand in einer Ansage zwischen zwei Songs, dass sie sich schäme, aus dem gleichen Bundesstaat wie ihr Präsident zu stammen. Die überwiegend Pro-Bush gestimmte Country-Gemeinde daheim nahm ihr das mehr als Übel. Radiostationen boykottierten die Dixie Chicks, Fans warfen deren CD’s öffentlich in Mülleimer oder zerstörten sie, die Musikerinnen wurden beschimpft und als Verräterinnen tituliert, sogar Morddrohungen bekamen sie. Was in den USA zum Desaster und einer modernen Form von Hexenjagd führte, hatte auf Europa gemünzt einen positiven Effekt: nun wurde man auch hier auf die Dixie Chicks aufmerksam.

Der von Barbara Kopple und Cecilia Peck gedrehte Dokumentarfilm begleitet die Band, deren Familien und künstlerisch weiterhin zu ihnen stehende Personen (u.a. Manager Simon Renshaw und Produzent Rick Rubin) auf dem Weg eines wohldurchdachten Richtungswechsels. Statt im Country-Segment auf Grundeis zu laufen, gaben sich die Dixie Chicks einen etwas rockigeren Anstrich – und haben auch damit weiter Erfolg.

Überraschend an „Shut Up & Sing“ ist, dass die Dixie Chicks in keinerlei Weise das Gefühl von Rebellentum vermitteln, auch wenn sie dem plump gegen sie gewandten Countrystar Tobey Keith einmal ordentlich Kontra geben. Die (teilweise auch werdenden) Mütter geben sich – natürlich längst an die Mechanismen der Boulevardpresse gewöhnt und diese auch akzeptierend – sehr privat, manchmal auch sexy. Sie wissen sich in Szene zu setzen, ihr Verhalten jedoch wirkt keinesfalls unnatürlich oder gespielt. Starallüren? Diesen Eindruck hat man nach diesem mit reichlich Songs der Band von Konzerten und Studiosessions angereicherten Porträt nicht.

Vielmehr aber offenbart Kopple ein Bild von Amerika, das wieder einmal nur erschreckt und schlimmste Befürchtungen wachruft. Reaktionäres Verhalten, engstirniges Denken, patriotisches Mitläufertum. Im Gespräch mit einem Toursponsor wird deutlich, dass auch die Dixie Chicks für diesen nur ein Mittel zum Zweck des Geldscheffelns sind. Die Dixie Chicks haben sich durch die gegen sie gerichteten Anschuldigungen den Spaß am Musizieren nicht verderben lassen – vielleicht sind sie aus dem Skandal sogar gestärkt hervorgegangen. Ihr Mut, sich auch weiterhin nicht in Schweigen zu hüllen, mag ihnen dabei hoch angerechnet werden. Anders als beispielweise Michael Moores gegen die US-Politik und den amerikanischen Lifestyle wetternden Dokumentarfilme ist „Shut Up & Sing“ nicht polemisch und überspitzt, sondern voller Aussagen aus der Tiefe des Herzens. Schade ist, dass sich Kopple vielleicht etwas zu wenig aus dem direkten Umfeld der Dixie Chicks hinaus bewegt. Aber das wäre dann vielleicht schon wieder eine andere Geschichte. Diese hier ist zunächst was für Leute, die Gefallen an rockiger Countrymusik Marke Lucinda Williams finden und sich ein Bild davon machen wollen, wie Amerika mit ehrlichen Seelen umspringt.

Thomas Volkmann

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Die Country-Music gehört zu Amerika, und sie wird seit Urzeiten dort überall und gerne gehört. Die texanischen Dixie Chicks waren in diesem Genre die erfolgreichste Frauenband, bis, ja bis eines der Mädchen vor versammelter Mannschaft sagte, die Band schäme sich dafür, dass sie aus Texas stamme, dem gleichen Land, aus dem auch George W. Bush komme.

Das war 2003, zur selben Zeit, als Bush in den Irak-Krieg zog, als er behauptete, Saddam besitze Massenvernichtungswaffen und als nicht zuletzt deshalb Patriotismus und Nationalismus in den Vereinigten Staaten fröhliche Urständ feierten. 

Die Bemerkung der jungen Natalie löste Empörung, ja fast so etwas wie eine Revolution aus. Demonstranten schrieben bösartige Transparente, die Country-Music-Sender spielten die CDs der Dixie Chicks nicht mehr, die Zahlen der Konzertbesucher gingen schlagartig zurück, die Geschäfte sanken ab.

Die jungen Frauen mussten eine Pause einlegen, Kinder kriegen, viel diskutieren, sich darüber klar werden, ob die Bush-Bemerkung zweckmäßig war, und auch darüber nachdenken, wie sie ihre Hörer und Fans wieder würden zurückgewinnen können.

Nach einiger Zeit traten sie wieder auf. Und siehe da: Die Begeisterung und der Jubel kehrten zurück. Ohnehin hat sich die politische Stimmung in den USA grundlegend gewandelt. Die Mehrheit ist nun gegen Bush. Und stolz konnte Natalie bei einem Konzert vor der johlenden Menge noch einmal verkünden, die Band schäme sich, aus demselben Land zu kommen wie George W.Bush.

Privat wie politisch ist das ansprechend geworden. Die jungen Damen kommen mit ihren Kleinkindern zu den Proben, arbeiten aber ernsthaft und finden immer wieder eingängige Texte und Harmonien. Zwei, drei Jahre lang war nicht klar, welche schlussendliche Wirkung ihre politische Aussage haben würde. Die Dixie Chicks waren auch bereit, das öffentliche Musizieren notfalls aufzugeben; zu ihrer Überzeugung zu stehen war ihnen wichtiger. Sie haben durchgehalten – und gewonnen. Die Fans kommen, Bush ist statistisch ziemlich erledigt.

Ein formal gelungenes Dokument über Zivilcourage und schöne Country-Music.

Thomas Engel