Raues, fieses Terrorkino, wie es in den 1970er-Jahren die Leinwände eroberte, diente dem US-Amerikaner Rod Blackhurst unübersehbar als Vorbild für seinen Horrorstreifen „Dolly“, den er auf Grundlage seines eigenen Kurzfilms „Babygirl“ entwickelte. Der bereits 2025 auf diversen Festivals gezeigte Schocker über ein Paar, das bei einer Wanderung in der Wildnis an eine Frau mit hemmungslosem Mutterinstinkt gerät, weiß handwerklich zu überzeugen, hat über eine engagierte Pastiche hinaus aber nicht viel Aufregendes zu bieten.
Über den Film
Originaltitel
Dolly
Deutscher Titel
Dolly
Produktionsland
USA
Filmdauer
83 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Bryce McGuire, Betty Tong, Isaiah Smallman, Esteban Sánchez, Ros
Regisseur
Rod Blackhurst
Verleih
Tiberius Film GmbH & Co KG
Starttermin
11.06.2026
Eines der ungeschriebenen Kinogesetze lautet: Wanderungen in der Wildnis nehmen selten einen guten Ausgang. Erst recht nicht, wenn sie auch noch mit einer romantischen Überraschung, etwa einem Heiratsantrag, verbunden sind. Was als idyllischer Trip gedacht ist, mutiert in den meisten Fällen zu einem Kampf ums nackte Überleben – womit wir schon bei Rod Blackhursts Hinterlandschocker „Dolly“ wären, der sich nicht lange mit der Einführung aufhält, sondern rasch ans Eingemachte geht.
Macy (Fabianne Therese) ahnt, dass ihr Lebensgefährte Chase (Seann William Scott) ihr auf einem Ausflug in die Wälder einen Antrag machen will. Mit dem Gedanken, sich fest zu binden, tut sie sich allerdings noch etwas schwer. Immerhin weiß sie nicht, ob sie für seine aus einer früheren Beziehung stammende Tochter Evy (Eve Blackhurst, das Kind des Regisseurs) in die Rolle einer Mutter schlüpfen will. Kenner des Horrorgenres ahnen es: Dieser Punkt spielt für den anstehenden Albtraum eine entscheidende Rolle.
Wie es der Zufall will, trifft das Paar in der Pampa auf eine vom Drehbuch Dolly genannte Frau (verkörpert von Wrestling-Star Max the Impaler), die ihr Gesicht hinter einer Porzellanmaske versteckt und sich nichts sehnlicher wünscht, als selbst für ein Kind sorgen zu können. Chase, der augenzwinkernd wohl ganz bewusst mit dem „American Pie“-Obermacho Seann William Scott besetzt wurde, liegt rasch mit gespaltenem Kiefer auf dem Waldboden, während Chase in einem ranzigen Hexenhäuschen landet – und damit in der Höhle der Mamalöwin.
Wie so viele Backwoods-Thriller schert sich „Dolly“ – eine Ausarbeitung von Blackhursts Kurzfilm „Babygirl“ aus dem Jahr 2022 – wenig um Fragen nach Logik oder Glaubwürdigkeit. Bei manchen Entscheidungen der Figuren kann man sich nur an den Kopf fassen, taugt selbst die Schockerfahrung nicht als Ausrede. Spannung und eine eindringliche, beklemmende Atmosphäre lassen sich mit einer wirkungsvollen Inszenierung dennoch aufbauen, wie „Blutgericht in Texas“, auch bekannt als „The Texas Chainsaw Massacre“, Tobe Hoopers Überklassiker des Terrorkinos, beweist.
Ebenjener Meilenstein von 1974 bildet dann auch Folie für Blackhursts Low-Budget-Reißer, der mit spürbarer Liebe zum Detail die vergangene Filmepoche rekonstruiert. „Dolly“ spielt im Hier und Jetzt, daran zu erkennen, dass es Smartphones gibt. Das Bildmaterial ist allerdings körnig und unscharf, die Farben sind derart ausgeblichen, dass man sich glatt in einem Werk aus den 1970er-Jahren wähnen könnte. Den rohen, dreckigen, unfertigen Look bekommen die Macher überzeugend hin. Und auch die handgemachten deftigen Spezialeffekte dürften die Herzen der Horrorfans erfreuen.
Ähnlich wie Leatherface, die Schreckensikone aus „The Texas Chainsaw Massacre“, bewegt sich Dolly wie ein tapsiges Riesenbaby, strahlt aber ebenfalls, schon aufgrund der wuchtigen Erscheinung, Gefahr aus. Im Zuge einer allzu leicht vorhersehbaren Wendung im Mittelteil lassen der Regisseur und Ko-Drehbuchautor Brandon Weavil den traumatischen familiären Hintergrund der Maskenträgerin durchscheinen, legen Hinweise auf Gewalt- und Missbrauchserlebnisse aus. Letztlich erfüllt jedoch auch sie das uralte Backwoods-Klischee des monströsen Anderen, dem man kein Mitleid entgegenbringen soll, das vielmehr vernichtet werden muss.
Obschon die Märchenanalogien und die Unterteilung der Handlung in Kapitel mit Überschriften wie „Mutter“, „Tochter“ und „Vater“ erzählerische Ambitionen suggerieren, hat Blackhursts Horrorstreifen inhaltlich nicht mehr als den üblichen Überlebenskampf des final girl zu bieten. Hier und da zieht der Regisseur eine böse Spitze aus dem Ärmel. Zwischendurch gibt es aber auch Phasen mit etwas Leerlauf. Den Zuschauer permanent zu verunsichern, wie es „The Texas Chainsaw Massacre“, noch dazu ohne große Splatter-Einlagen, vermag, gelingt „Dolly“ demzufolge nicht.
Christopher Diekhaus







