Festival-Bericht aus Cannes

Unsere beiden langjährigen Filmkorrespondenten Kalle Somnitz und Anne Wotschke aus Düsseldorf waren auch in diesem Jahr beim Festival de Cannes unterwegs und haben eine Vielzahl von Filmen gesichtet. Ihr umfangreicher Bericht gibt einen guten Einblick in all die Filme, die sicher auch demnächst bei uns in Deutschland Wellen schlagen:

Das Besondere am diesjährigen Festival war, dass keines der großen amerikanischen Studios mit einem Film präsent war. Offensichtlich gibt es eine neue Strategie, die das Kosten-Nutzen-Verhältnis für eine Festivalteilnahme in Frage stellt. Zugegeben, ein großer Auftritt auf dem Roten Teppich mit Stars und Entourage, Fahrt-, Unterbringungs- und Security-Kosten kann schnell in die Millionen gehen, und offensichtlich wird der Nutzen, einen Film hier der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, nicht mehr für so groß gehalten, zumal man schlechte Kritiken der Weltpresse riskiert. Deswegen hält man es wohl für sinnvoller, das Geld für Social Media und Influencer auszugeben, die man steuern kann. Von der Ehre, auf solch einem Festival seinen Film vorstellen zu dürfen, redet niemand mehr. Schöne neue Zeiten, in denen die Filme nicht mehr offen diskutiert, sondern lieber von Influencern propagiert werden, die zum genau richtigen Zeitpunkt mit vergleichbarer Power ein Publikum generieren können.

Der langjährige Festivalleiter Thierry Frémaux kommentiert diese Entwicklung lapidar: “Wenn die Studios nicht kommen, dann kommen die Studios eben nicht.” So fehlten in diesem Jahr Steven Spielbergs DISCLOSURE DAY, Tom Cruises DIGGER und sogar Christopher Nolans THE ODYSSEY. Frémaux setzt daher auf unabhängige Produktionen und fuhr damit schon in den vergangenen Jahren ganz gut. Im letzten Jahr schafften es SENTIMENTAL VALUE und Panahis EIN EINFACHER UNFALL bis zur Oscar-Verleihung. Der Jahrgang 2023, als Hollywood wegen Corona-Produktionsloch und Autoren- und Schauspieler-Streik ebenfalls kaum am Start war, gilt bis heute mit Filmen wie THE ZONE OF INTEREST, ANATOMIE EINES FALLS und PERFECT DAYS als einer der stärksten Jahrgänge. Was die Frage aufwirft, ob ein Filmkunstfestival wirklich die großen Studios und ihre Blockbuster-Filme braucht. Mag sein, dass die Stardichte und der Glamourfaktor sinken, aber sollte das entscheidende Kriterium für eine Cannes-Teilnahme nicht die Qualität eines Films sein und so Substanz und Relevanz garantieren?

Wir sehen all das jedenfalls als Chance für unabhängige Produktionen, nicht im Schatten des Mainstreams zu stehen, sondern selbst das Festival zu gestalten.

An der Spitze des internationalen Kritiker-Rankings der Fachzeitschrift SCREEN stand jedenfalls der Film VATERLAND (Neue Visionen) von Pawel Pawlikowski, der mit IDA (Oscar 2025) und COLD WAR (Silberne Palme, Cannes 2028) bereits zwei Meisterwerke vorgelegt hat. Sein neuer Film steht dem kaum nach. Er berichtet über die Deutschlandreise, die Thomas Mann (Hanns Zischler) 1949 zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang Goethe unternommen hat. Zusammen mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) – die in Wirklichkeit nicht dabei war – reist er mit dem Auto durch das vom Krieg zerstörte Deutschland, besucht Städte wie Frankfurt, München und Weimar, wo er zu Ehren Goethes die Festrede hält.

Pawlikowski wählt wie schon bei IDA und COLD WAR das beinahe quadratische Academy Format, so wie Schwarzweiß-Bilder, die nicht nur seinem minimalistischen Stil entsprechen, sondern auch ein zerstörtes Deutschland zeigen, das irgendwie auch den den Zustand Familie Mann spiegelt. Überhaupt scheint in diesem Film alles auf Null zu stehen und muss erst wieder aufgebaut werden. So versuchen der Osten wie der Westen, den Schriftsteller für ihre Sache zu vereinnahmen, und seine historischen Reden in Frankfurt und Weimar sind bei Pawlikowski nur Hintergrundmusik. Alle sonnen sich gerne im Ruhm des Nobelpreisträgers, haben aber längst ihre eigene Agenda geschrieben.

Wie ein Schatten hängt über allem der Selbstmord von Klaus Mann, der sich zeitgleich in Cannes ereignet und von den einzelnen Familienmitglieder ziemlich kühl aufgenommen wird. Diese formale Emotions- oder Sprachlosigkeit wird von Pawlikowski und seinem Kameramann Łukasz Żal durch elegante Bild-Kompositionen aufgebrochen, die meisterhaft präzise die rohe, unterschwellige Unruhe in den zurückhaltenden Darstellungen von Hüller und Zischler zum Leben erwecken. Ein Bild sagt in diesem Film mehr als tausend Worte, und er belohnt den Zuschauer mit einer Schlussszene, die zu den schönsten emotionalen Höhepunkten des modernen Kinos zählt. Pawlikowski gewann den Preis für die Beste Regie.

Den musste er sich allerdings ex-aequo mit Javier Calvo und Javier Ambross teilen. Das spanische Regie-Duo entwickelt in LA BOLA NEGRA aus dem unvollendeten Manuskript eines Theaterstücks von Federico Garcia Lorca einen Film mit drei Zeitebenen. Eine spielt 1932 und erzählt von den Bemühungen des jungen Aristokraten Carlos, Mitglied des privaten Casinos seines Vaters zu werden. Dazu ist eine Abstimmung der anderen Mitglieder notwendig, die mit Kugeln durchgeführt wird: weiße Kugeln für ja, schwarze Kugeln für nein. Er scheitert, weil man vermutet, er sei homosexuell. 1937 wird der Trompeter Sebastián im Spanischen Bürgerkrieg in die Armee eingezogen. In einem Militärkrankenhaus lernt er den Gefangenen Rafael kennen, zu dem er bald eine tiefe Verbindung findet. In der dritten 2017 spielenden Zeitebene erbt der schwule Schriftsteller und Historiker Alberto ein Schriftstück aus der Feder von Garcia Lorca, das die Verbindung zur ersten Zeitebene knüpft.

Mit ihrem Wettbewerbsbeitrag wollte das Regie-Duo beispielhaft auf die vielen noch nicht erzählten homosexuellen Lebens- und Liebesgeschichten aufmerksam machen, die zu ihrer Zeit keine Chance hatten, das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Das ist ihnen sicher gelungen, auch wenn das von Pedro Almodóvar produzierte epische Triptychon zuweilen ein wenig zu melodramatisch daherkommt. Gastauftritte von Glenn Close und Penelope Cruz veredeln das Werk mit zusätzlichem Starglanz, was der erfolgreichen Vermarktung in den Programmkinos sicher hilft.

Pedro Almodóvar hatte auch einen eigenen Film am Start: In BITTERES FEST (Studiocanal) erzählt er zwei sich abwechselnde Geschichten: Die erste handelt von Elsa, einer Werbeleiterin, im Jahr 2004 während eines verlängerten Dezember-Wochenendes. Die zweite spielt 2026 und dreht sich um Raúl, einen Drehbuchautor und Regisseur, der an einem Skript arbeitet, das sich bald als Geschichte von Elsa, ihrem Freund Bonifacio und ihren Freundinnen Patricia und Natalia entpuppt. Elsa, die mit Fiktion verwoben ist, ist gewissermaßen Raúls Alter Ego, der sich der Autofiktion zuwendet, um eine lange kreative Krise zu überwinden. Er blickt in sich selbst und kann nicht umhin, auch die Menschen zu betrachten, die sein intimstes Universum ausmachen: seinen Partner und seine Assistentin.

Der Film thematisiert die enge Verbindung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Inspiration und Leben und fragt nach den Grenzen der Autofiktion. Dabei drückt sich Almodovar lange um eine Antwort, beschäftigt sich lieber mit Migräneanfällen, Depressionen und Selbstmordversuchen und zeichnet so eine dunkle Seite der Kunst, die wir bereits von seinem Film LEID UND HERRLICHKEIT kennen. Wie damals ist das hier alles ein wenig dick aufgetragen und schwelgt in Selbstmitleid. Angesichts des gewohnt erstklassigen Designs, der illustren Ausstattung und der tollen Kostüme kommt einem der Gedanke an eine Telenovela, die das Publikum sicherlich spalten wird. Diejenigen, die am Thema interessiert sind, werden enttäuscht, aber die, die in Almodovars Stilwelten eintauchen wollen, sollten sich direkt zu Hause fühlen und das bekommen, was sie sich erhofft haben.

Thematisch ist er jedenfalls nah an Asghar Farhadis PARALLEL TALES (Studiocanal). Stellt Almodovar die Frage, ob man aus wahren Geschichten einfach Romane und Drehbücher machen darf, geht Farhadi eher der Frage nach, ob ein Roman das Leben seiner Leser verändern kann. Dafür nutzt er Almodóvars Frage quasi als Ausgangssituation: Isabelle Huppert spielt Sylvie, eine in die Jahre gekommene Bestseller-Autorin, deren neue Manuskripte ihrer Verlegerin (gespielt von Catherine Deneuve in einem herrlich relaxten Gastauftritt) zu gewöhnlich, zu langweilig und zu repetitiv sind. Sylvie bewaffnet sich mit einem Fernglas und beobachtet in ihrer Etagenwohnung die Nachbarn gegenüber. Dort hat sie ein Synchronstudio in den Fokus genommen und verarbeitet das Beobachtete mit viel Fantasie zu einem Roman. Während diese Entstehungsgeschichte des Romans Hitchcocks FENSTER ZUM HOF zitiert, erinnert der sich entwickelnde Roman an Kieslowski DEKALOG 6, wo das 6. Gebot “Du sollst nicht Ehebrechen” verhandelt wird. Aber auch dieses Manuskript ist der Verlegerin nicht gut genug, weshalb Sylvie es in das beobachtete Studio einschleusen lässt. Sie will der Frage nachgehen, ob es das Verhalten der einzelnen Angestellten verändert. Ein fulminantes Experiment, das schnell überzeugend nachweist, dass wir uns in unserem Tun sehr wohl von Kultur beeinflussen lassen. Am Schluss übertreibt es Farhadi ein wenig und fügt noch einige Loops an, die der Film nicht braucht und bringt ihn so auf fast 2,5 Stunden Laufzeit. Ein kompaktes Ende, das die Message auf den Punkt bringt, wäre hier mehr gewesen. Bei der Presse kam der Film nicht so gut an, er fand hier ein ähnlich vernichtendes Urteil wie Sylvie bei Ihrer Verlegerin: “Das kennen wir alles schon, spätestens seit MONSIEUR HIRE”, doch uns hat er großen Spaß gemacht.

Der zweite Film, der die Screen-Kritiker-Liste anführte, war ALL OF A SUDDEN (Plaion) von Hamaguchi Ryusuke, der hier in Cannes 2021 mit DRIVE MY CAR, für den er am Ende einen Oscar gewann, den internationalen Durchbruch schaffte. Seinen neuen Film hat er komplett in französischer Sprache gedreht als Koproduktion mit der deutschen Heimatfilm. Die berühmte französische Schauspielerin Virginie Efira spielt Benedetta, die Leiterin eines Pariser Pflegeheims, deren Leben und Weltanschauung durch eine todkranke japanische Dramatikerin (Tao Okamoto) verändert wird. Hamaguchi überzeugt mit der für ihn typischen Feinfühligkeit und seinem scharfen Einfühlungsvermögen, allerdings ist der Film mit seinen 197 Minuten Laufzeit zu lang und zu textlastig. Immerhin wurden die beiden Darstellerinnen zu Recht für ihre schauspielerische Leistung ausgezeichnet.

Und auch bei den Männern wurden zwei Darsteller ausgezeichnet: Emmanuel Macchia und Valentin Campagne, die sich in COWARD (Mubi) in den Schützengräben des 1. Weltkriegs näher kommen als damals erlaubt war. Regie führte Lukas Dhont, der sich mit Filmen wie GIRL und CLOSE als Spezialist für Coming of Age-Filme mit homosexuellem Hintergrund erwiesen hat. Einzigartig ist sein ungeheures Einfühlungsvermögen, meist wissen seine Protagonisten gar nicht, was da gerade mit ihnen passiert, und genau diese Ahnungslosigkeit ist es, die ihre sexuelle Konditionierung so unschuldig und natürlich erscheinen lässt. In COWARD ist es ähnlich, auch wenn alles wie ein Kriegsfilm beginnt, wählt Dhont eine noch nicht gesehene Perspektive. Er teilt die jungen Soldaten in drei Gruppen ein. Die einen kämpfen auf dem Schlachtfeld im Stellungskrieg zwischen den Schützengräben. Gruppe 2 holt die Toten und Verletzten aus der Schusslinie, während die dritte Gruppe für Abwechslung und kulturelle Unterhaltung der Truppe zuständig ist. Sie sollen vom Tagesgeschehen ablenken und die Moral stärken.

Pierre wird der Gruppe 2 zugeteilt, liebäugelt aber mit Gruppe 3. Obwohl er zunächst stark motiviert ist, seinen Mann zu stehen, verletzt er sich bei einem seiner Einsätze selber und lässt sich Gruppe 3 zuteilen. Das Gerücht, dass er sich seine Verletzung selbst zugefügt hat, hält sich hartnäckig, und so wird er von seinen Kameraden ‘Coward ‘genannt. Bei der Theatertruppe trifft er auf Francis, und zwischen den beiden funkt es gewaltig. Eigentlich wissen die beiden Jungs nicht, was da gerade mit ihnen geschieht, spüren aber, dass es keinen anderen Ort auf der Welt gibt, wo das möglich ist, was sie gerade erleben. Die ständige Todesgefahr des Krieges, die nackten Oberkörper der Kameraden, Crossdressing und die moralische Schlüpfrigkeit des Theaters, erzeugen ein morbides Flair, das Dinge möglich erscheinen lässt, die man vorher noch gar nicht kannte.

Dhonts Inszenierung der Annäherung der beiden Männer ist sehr behutsam und erinnert in seinen stärksten Momenten an BROKEBACK MOUNTAIN.  Quasi auf der Ziellinie wurden VATERLAND und ALL OF A SUDDEN von zwei Filmen überholt, die in den letzten Festivaltagen starteten und die Konkurrenz von hinten aufrollten.

Seine zweite Goldene Palme nach VIER MONATE, DREI WOCHEN UND ZWEI TAGE sicherte sich der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem Wettbewerbsbeitrag FJORD (Alamode) und damit nicht genug. Auch den FIPRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury konnte er gewinnen. Es geht um einen vermeintlichen Missbrauchsfall, der die Behörden auf den Plan ruft. Das rumänisch-norwegische Ehepaar Gheorghiu ist mit seinen fünf Kindern in ein kleines, an einem idyllischen Fjord gelegenes Dorf gezogen. Zunächst lässt sich alles gut an. Sie werden dort freundlich aufgenommen, die Kinder finden schnell Freunde in der kleinen Gemeinde. Doch als Lehrkräfte bei einem der Kinder Prellungen feststellen, keimt ein böser Verdacht auf. Haben die streng-religiösen Eltern ihre Kinder etwa misshandelt und bei ihren Erziehungsmethoden die Grenzen des Erlaubten überschritten? Als das Jugendamt eingeschaltet wird, gerät die Familie in die Mühlen der Aufsichtsbehörden. Man nimmt sogar ihre Kinder in Obhut, was die Situation weiter eskalieren lässt. Bald wird offensichtlich, dass die gegenseitige Toleranz auf beiden Seiten ihre Grenzen hat.

Mungiu vermeidet es, sich einseitig bei der Bewertung der Ereignisse zu positionieren. Er steht keineswegs ausschließlich auf der Seite der aufgeklärten norwegischen Gemeinde. Diese erscheint vielmehr, auch wenn alle es gut meinen, allzu rigide und intolerant gegenüber einer Weltanschauung, die nicht den eigenen Werten entspricht. Der Film regt zum Nachdenken an und hat Potential für einen Erfolg in den Filmkunsttheatern.

Und auch Valeska Grisebach schaffte es unter die Preisträger. 2006 wurde sie mit SEHNSUCHT in den Wettbewerb der Berlinale berufen, 2017 schaffte sie es mit WESTERN erstmals nach Cannes in die Un Certain Regard und heuer durfte sie mit DAS GETRÄUMTE ABENTEUER (Piffl) im Wettbewerb antreten und gewann sogleich den Jury-Preis. Sie erzählt langsam und verschlüsselt von Veska, die hier in der Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei auf ihre Jugendliebe Said trifft. Der ist zurückgekehrt, um eine alte Rechnung zu begleichen. Als sein Auto gestohlen wird, hilft sie ihm, doch irgendwann ist er spurlos verschwunden. Die Suche nach ihm führt sie auf gefährliches Terrain, wo sie nicht nur mit ihrer eigenen Vergangenheit, sondern auch mit ihrem Begehren konfrontiert wird. Hier scheint die Zeit in der Vorwendezeit stehen geblieben zu sein. Toxische Männlichkeit, Frauenfeindlichkeit und Kriminalität sind allgegenwärtig. Diese Männer ziehen auch heute noch die Fäden. Auch wenn sie es heute verdeckter und zivilisierter tun, ändert das nichts an ihrer Gefährlichkeit. Auf ihrer Suche trifft Veska viele starke Frauen, die inzwischen den Mut haben, den Männern Widerstand entgegenzubringen und ihre Rechte einzufordern.

Grisebach führt uns tief in eine patriarchalische Welt, die an der Oberfläche kaum zu erkennen, in ihren Wurzeln aber noch völlig intakt ist. Sie zeichnet ein Gesellschaftsporträt, das Begegnungen mit Menschen ihrer Generation, die 1989 den Umbruch in Bulgarien erlebt haben, zum Ausgangspunkt nimmt: „Sie haben mir gezeigt, wie sehr uns die Wende in Europa verbindet, zugleich aber auch trennt, durch die unterschiedlichen Erfahrungen in den Jahren danach.“

Einer anderen Zeitenwende nimmt sich der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev an. Spätestens seit seinen Erfolgen mit LEVIATHAN (Bestes Drehbuch, Cannes 2014) und LOVELESS (Jurypreis, Cannes 2017) gilt er als der beste lebende russische Regisseur und die Goldene Palme für seinen neuen Film MINOTAUR hätten wir ihm sehr gewünscht, doch es wurde nur der zweitgrößte Preis, der Grand Jury Prize.

Zvyagintsev erzählt von einem neuen Russland im Jahre 2022. Große Veränderungen stehen an, doch wie die genau aussehen, ist noch nicht ganz klar. So geht es auch Gleb, einem erfolgreichen Geschäftsführer, dessen Firma gerade umstrukturiert wird. Viele werden entlassen, andere neu eingestellt. Gleichzeitig stellt er fest, dass seine Frau ihn betrügt und den Fortbestand seiner kleinen Familie gefährdet. Er engagiert einen Detektiv, lässt den Lover ermitteln und besucht ihn in seiner Wohnung. Er will ihn konfrontieren, doch zu sagen haben sich die beiden Männer nichts, und so erschlägt Glen seinen Konkurrenten kurzerhand. Er beseitigt die Leiche, verwischt alle Spuren und nimmt sein normales Leben wieder auf. Zum Glück klären sich allmählich die Verhältnisse in der Firma. Er soll die Umstrukturierung des Betriebes von Wirtschaft auf Kriegswirtschaft leiten und hat dafür freie Hand. Als die Polizei ihn als Mörder überführen kann, erhalten sie die Anweisung von ganz oben, den Fall nicht weiter zu verfolgen.

Zvyagintsev lässt sich viel Zeit, er erzählt sehr langsam und dafür umso präziser. Stück für Stück setzt er ein Russland zusammen, in dem sich der Krieg zwar nur an der Front abspielt, tatsächlich unterwandert er aber beinahe unbemerkt die ganze Gesellschaft. Die Justiz ist schon länger gleichgeschaltet, aber auch Polizei und Wirtschaft funktionieren nicht mehr, nur die Korruption blüht und alte Kaderschulen kommen wieder ans Ruder.

Ein Kriegsfilm, bei dem kein Schuss fällt. In der ersten Hälfte des Films gibt es nur eine Einstellung, die auf den Krieg hinweist, als Gleb an einem Bahnübergang lange warten muss, weil ein endloser Zug mit neuen Panzern vorbei rollt. Später dann häufen sich die Szenen, die vom Kriegsgeschehen beeinflusst sind, bis hin zu den hysterisch klagenden Müttern, die ihre Kinder nicht an die Front lassen wollen.

Politisch gesehen war dies vielleicht der Höhepunkt eines Festivals, was sehr seicht begann und sich zum Ende hin deutlich steigerte. So war der Eröffnungsfilm mal wieder eine harmlose französische Fernsehkomödie, die immerhin einigen Charme versprühen konnte. THE ELECTRIC KISS (24 Bilder) führt uns auf den Jahrmarkt nach Paris Ende der 1920er Jahre. Veteranen des 1. Weltkriegs mischen sich mit den aufregenden Erfindungen dieser Zeit, wie z.B. der Elektrifizierung. Hier arbeitet Suzanne als “La Venus Electrificata”, die mit elektrischer Unterstützung elektrisierende Küsse anbietet und damit ein karges Auskommen fristet. Eines Abends trifft sie auf den jungen Maler Antoine, der sie für eine Wahrsagerin hält und den Tod seiner Geliebten nicht überwinden kann. Er will mit ihr noch einmal sprechen und besteht auf einer Seance. Das ist zwar nicht Suzannes Metier, angesichts des üppigen Salärs improvisiert sie und profitiert vom angetrunkenen Zustand des Kunden. Antoine macht die Erfahrung seines Lebens und will nun regelmäßig eine Seance, koste es was es wolle. Sein Freund und Galerist Armand will ihn zunächst vor der Scharlatanerie schützen, als er jedoch merkt, dass Antoine wieder angefangen hat zu malen, holt er Suzanne zurück, wovon er sich viele Bilder verspricht, die er verkaufen kann.

Die Geschichte scheint etwas einfach gestrickt, entwickelt sich aber in der zweiten Hälfte zu einer romantischen Liebesgeschichte, die mit allerlei überraschenden Wendungen aufwartet. Wenn Regisseur Pierre Salvadori auch das ein oder andere Mal etwas zu dick aufträgt, gelingt es ihm, mit viel Charme und sympathischen Schauspielern die Funken sprühen zu lassen. Seine Settings spiegeln die Bilder Antoines und atmen den Geist der Goldenen Zwanziger-Jahre in Paris, was dem Film einen boulevardesken Touch gibt, der einlädt, mit zu träumen und sich zu amüsieren.

Nicht ganz so weit in die Vergangenheit zurück versetzt uns Charline Bourgeois-Tacquets A WOMAN’S LIFE. Lea Ducker spielt hier Gabriele, eine 55-jährige Chefärztin im Krankenhaus. Sie ist es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen und kämpft mit Personalengpässen und allem anderen, was der Krankenhausalltag so mit sich bringt. Neben all dem Stress hat sie aber auch ein Privatleben, will eine gute Ehefrau und Mutter sein, auch wenn sie von alledem überfordert ist: Sie hat sich dieses Leben ausgesucht und stellt es nicht in Frage. Das ändert sich erst, als eine Schriftstellerin sie begleitet, um ihr Leben in einer Studie festzuhalten und zu veröffentlichen. Plötzlich reißen alte Wunden auf, kommen neue Wünsche ans Tageslicht.

Regisseurin Charline Bourgeois-Taquets altmodische Erzählweise erinnert an die moralischen Geschichten eines Eric Rohmer, und manchmal hat man den Eindruck, die Farben des Films sind ähnlich ausgeblichen wie damals.

Die österreichische Filmemacherin Marie Kreutzer schaffte es diesmal in den Wettbewerb, nachdem ihr letzter Film CORSAGE noch in der Un Certain Regard-Reihe zu sehen war. In GENTLE MONSTER (Alamode) spielt Léa Seydoux die Avantgarde-Pianistin Lucy, die gerade mit Sohn und Ehemann aufs Land gezogen ist, weil letzterer an schwerem Burnout leidet. Die neue Idylle wird bald gestört, als die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür steht. Doch so hoch die Wellen schlagen, Lucy kann nur schwer ermitteln, was ihrem Ehemann vorgeworfen wird. Es geht wohl um die Zerschlagung eines Kinderpornographie-Rings. Welche Rolle ihr Mann dabei spielt, ist unklar. War er nur Händler oder hat er auch selber solche Filme produziert und ist ihrem Sohn Leid angetan worden? Fragen, auf die sie keine Antworten erhält. Ihr Mann versteckt sich hinter seinem Anwalt, der wiederum alles abwiegelt und die ermittelnde Polizistin Elsa (Jella Haase) verweist darauf, dass sie zu einem laufenden Verfahren nichts sagen darf. Unterstützung findet sie nur bei ihrer Mutter (Catherine Deneuve in einem glänzenden Cameo), aber weiterhelfen kann sie ihr auch nicht.

Marie Kreutzer gelingt es, eine beängstigende Atmosphäre zu schaffen, in der Lea Seydoux eine isolierte und um ihren Sohn kämpfende Mutter spielt, die gefangen ist zwischen dem Mann, den sie liebt, und der Angst vor dem, was er mit ihrem Sohn gemacht haben könnte.

Lea Seydoux war auch im mysteriösen Körpertausch-Film THE UNKNOWN zu sehen. Dieser basiert auf der Graphic Novel ‘Le Cas David Zimmerman‘, die Regisseur Arthur Harari gemeinsam mit seinem Bruder Lucas 2024 veröffentlichte. Harari selbst beschrieb ihn als Mischung aus realistischer urbaner Chronik, Fantasy Film, Melodram und Tagtraum: Der Protagonist besucht eine Silvesterparty und schläft dort mit einer mysteriösen Frau. Wieder zuhause muss er bei einem Blick in den Spiegel feststellen, dass offenbar ein Körpertausch stattgefunden hat und er sich im Körper seines One Night Stands befindet. Er macht sich auf die Suche nach seinem eigenen Körper und wird auch schnell fündig. Nun machen sich beide gemeinsam auf die Suche nach dem Verursacher ihres Körpertauschs und suchen nach Personen, denen es ähnlich ergangen ist. Harari, bei uns bekannt durch seine Beteiligung am Drehbuch von ANATOMIE EINES FALLS, spielt ein Verwirrspiel, das die Zuschauer jedoch eher frustriert zurücklässt. Zu viel bleibt im Vagen und auch Lea Seydoux, auf die die weibliche Hauptrolle zugeschnitten wurde, kann da nur wenig retten.

Auch Adèle Exarchopoulos kann in ihrer Rolle in ANOTHER DAY von Jeanne Herry nicht so recht überzeugen. Sie spielt Garance, eine begabte junge Schauspielerin, deren natürliche Ausstrahlung und lebhafte Art ihr noch nicht die ersehnte Anerkennung eingebracht haben. Sie lebt in einer kleinen Pariser Wohnung und fühlt sich zunehmend erdrückt von flüchtigen Beziehungen, Selbstzweifeln und dem Unverständnis darüber, am Theater nicht voranzukommen. Ihren Kummer ertränkt sie im Weinkonsum, und als sie gekündigt wird, bricht ihre kleine Welt vollends zusammen. Zum Glück sind da ihre kranke jüngere Schwester und eine zarte, aufkeimende Romanze mit Pauline, die sie überreden können, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der Klinik wird ein 70-prozentiger Leberschaden festgestellt, der sich nur dann regenerieren kann, wenn sie ab sofort keinen Tropfen Alkohol mehr trinkt. Eine Entzugsklinik lehnt sie ab und versucht es lieber auf eigene Faust zu Hause allein mit der Hilfe ihrer Partnerin. Wie vieles in diesem Film scheint das behauptet und naiv zu sein, doch die fehlende Glaubwürdigkeit wird von einer gewissen Leichtigkeit ausgeglichen.

Als Abschluss des Wettbewerbs präsentierte uns das Festival einen Kontrapunkt zur Eröffnung. Statt einer romantischen Liebesgeschichte geht es in Léa Mysius‘ Genrefilm THE BIRTHDAY PARTY eher ungemütlich zu. Es beginnt noch recht harmlos: Thomas Bergogne wohnt mit seiner Frau Nora und Tochter Ida abgeschieden auf einem Bauernhof. Die einzige Nachbarin ist die Künstlerin Cristina, die sich liebevoll um die kleine Ida kümmert. Zum 40. Geburtstag seiner Frau hat Thomas eine kleine Überraschungsparty geplant. Doch die verläuft anders als gedacht. Nicht nur die eingeladenen, sondern auch ungebetene Gäste aus Noras Vergangenheit tauchen auf und bedrohen die Familie. Mit Anklängen an Michael Hanekes FUNNY GAMES vermittelt die Regisseurin in ihrem Rachethriller mit Soundtrack und Bildgestaltung eine bedrohliche Atmosphäre, die die Spannung aufrecht erhält, und auch die Schauspieler, vor allem Hafsia Herzi, Benoit Magimel und Monica Bellucci überzeugen. Das eher schwache Ende jedoch reduziert den Film auf einen durchschnittlichen Genre-Beitrag, der nicht unbedingt im Wettbewerb eines Festivals laufen müsste.

Eine sehenswerte Darbietung legte dagegen Rami Malek hin, der in Ira Sachs THE MAN I LOVE einen an AIDS erkrankten Performance-Künstler spielt, der gegen seine eigene Sterblichkeit rebelliert und noch einmal das volle Leben in sich aufsaugen will. Im New York der 1980er Jahre findet er eine neue Liebschaft, und sein täglicher Medikamentencocktail ermöglicht ihm seine avantgardistischen Auftritte und ausschweifenden Partys. Sein etwas wehleidiger Gestus scheint dabei nicht der Krankheit, sondern seiner Verzweiflung zu entspringen, nicht genügend Leben in einem Moment aufsaugen zu können und mündet schließlich in einer Melancholie, die nicht nur seinen Gemütszustand, sondern auch die Stimmung in der kulturellen Szene in Downtown NY zu dieser Zeit charakterisiert.

Das Projekt entstand aus einer geplanten Filmbiografie über den New Yorker Folk-Sänger und Songwriter Arthur Russell, es spielt nun in einem ähnlichen Zeitraum und rückt schwule Themen in den Vordergrund. Es ist ein weiteres eindringliches, aber formal präzises Kammerspiel im Stil von PASSAGES, in dem Ira Sachs mal wieder ein beeindruckendes Einfühlungsvermögen an den Tag legt und Rebecca Hall als ‘leading woman’ in dieser Künstler Community die Fäden ziehen lässt.

Auch James Grays neuer Film PAPER TIGER (Plaion) spielt in New York und hat es gerade so eben in den Wettbewerb geschafft. Zu spät fertig geworden, wurde er flugs nachnominiert. In dem tiefgründigen Familiendrama lassen sich zwei Brüder mit der russischen Mafia ein, die in der Folge ihre kleine Familie zu zerstören droht. James Gray bleibt eng am Genre und überzeugt nicht unbedingt inhaltlich, sondern durch das intensive Spiel seiner Schauspieler. Adam Driver spielt den großmäuligen Bruder, der sich selbst überschätzt und sich gerne auch mal mit der Mafia anlegt. Die droht, sich an seinem Bruder (Miles Teller) und dessen Frau (Scarlett Johansson) zu rächen, um ihn gefügig zu machen. Insbesondere Scarlett Johansson läuft hier als Ehefrau und Mutter, die noch dazu todkrank ist, zur Bestform auf. Sie tut alles, um ihre Familie zusammenzuhalten und ihr eine glückliche Zukunft zu verschaffen, auch wenn sie selbst dann schon längst tot ist. In ihrer vielleicht besten Rolle punktet sie nicht mit äußeren Werten, sondern besticht mit einer Performance, die sie als große Charakterdarstellerin ausweist.

James Grays ist eine jüdisch-amerikanische Tragödie im Kleinformat gelungen, die an seine frühen Filme LITTLE ODESSA oder THE YARDS erinnert und zugleich erhaben-mythisch und zutiefst persönlich ist.

László Nemes schrieb 2015 Filmgeschichte, als er mit seinem Debütfilm SON OF SAUL den Großen Preis der Jury gewann. Der ungarische Regisseur setzte nun mit MOULIN dem großen französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin ein Denkmal und konzentriert sich dabei auf die letzten Tage des Anführers der französischen Resistance während des 2. Weltkrieges. Die Widerstandsbewegung ist aufgeflogen und die Nazis haben Moulin verhaftet, sie wissen nur noch nicht, welch großer Fisch ihnen da ins Netz gegangen ist. Er wird verhört vom Gestapo-Chef Klaus Barbie, der sich damals seinen Namen ‘Der Schlächter von Lyon’ verdiente, und der hat schon bald einen Verdacht.

Nemes erzählt langsam und präzise und schildert Moulin wenig heldenhaft, sondern angesichts der Situation mehr auf Unauffälligkeit bedacht. Für den deutschen Offizier bedient er sich der üblichen Klischees, hat aber mit Lars Eidinger einen kongenialen Schauspieler gefunden, der diese Melange aus Feingeist und Monster beeindruckend rüber bringt. Seine scharfe Intelligenz und sein breites Kulturverständnis, gepaart mit gnadenloser Gewaltbereitschaft, machen aus dem Film eher ein Porträt Barbies, als das des Widerstandskämpfers. Eidingers Performance war so beeindruckend, dass das amerikanische Branchenblatt ‘The Hollywood Reporter’ ihm einen großen Artikel unter der Überschrift “The Man who plays Monster” widmete.

Außerhalb des Wettbewerbs war noch ein weiterer Film über Frankreich zu Zeiten des Vichy-Regimes zu sehen. Daniel Auteuils inzwischen sechste Regiearbeit LA TROISIÈME NUIT (When Night Falls) war als Cannes-Premiere zu sehen und erzählt von der Anordnung einer Massenverhaftung ausländischer Juden im Jahr 1942. Gilbert Lesage, ein junger Beamter des Sozialdienstes für Ausländer, wird mit der Einrichtung einer Kommission beauftragt, die die zu deportierenden Juden aussuchen soll. Pater Alexandre Glasberg (Daniel Auteuil), ein engagierter Humanist, versucht derweil, sie zu retten. Gefangen zwischen Vichys Bürokratie und ihren sozialen Netzwerken, muss man sich verbünden, um sich dem Staatsapparat zu widersetzen. Sicherlich ein wichtiger Stoff, den Auteuil sehr düster und ohne einen hoffnungsvollen Lichtblick inszeniert. Das mag dem Thema angemessen sein, ist aber harte Kinokost, die nur schwer zugänglich ist.

Eine ähnliche Aufmerksamkeit in der Fachpresse wie Lars Eidinger wurde auch Javier Bardem zuteil, der im spanischen Wettbewerbsbeitrag THE BELOVED (Alamode) von Rodrigo Sorogoyen spielt. Der Plot weist eine auffallende Ähnlichkeit mit dem mehrfach preisgekröntem norwegischen Drama SENTIMENTAL VALUE auf. Auch hier geht es um eine gestörte Vater-Tochter-Beziehung, die der Vater mit einem Rollenangebot in seinem neuesten Film kitten möchte. Javier Bardem gibt hier den erfolgreichen Regisseur, der nach jahrelangem Aufenthalt in den USA zu seinen Wurzeln mit einem Filmprojekt über den Sahrawi-Aufstand gegen die spanischen Kolonialherren nach Spanien zurückkehrt. Tochter Emilia nimmt das Angebot zwar an, doch die tief sitzenden Wunden der langen Abwesenheit des Vaters nagen an ihr. Jede Seite hat ihre eigene Wahrheit und beide schenken sich in der Darstellung ihrer Perspektive nichts. Regisseur Rodrigo Sorogoyen findet dafür überzeugende Bilder, bei denen er mit der Verwendung verschiedener Formate und Schwarzweiß-Szenen spielt. Ganz nebenbei ist THE BELOVED auch ein Film über das Filmemachen selbst.

Stark vertreten waren in diesem Jahr die Asiaten. So eröffnete Kôji Fukada nach seinem ersten Beitrag HARMONIUM vor zehn Jahren in der Un Certain Regard diesmal den Wettbewerb mit NAGI NOTES. Acht Jahre lang hat er daran gearbeitet. Er basiert auf dem Theaterstück „Tokyo Notes“ von Hirata Oriza. Fukada verlegte den Ort der Handlung nach Nagi, einem abgelegenen Bergdorf im Südwesten Japans. In dieser Abgeschiedenheit treffen zwei Frauen aufeinander: die dort lebende Künstlerin Yoriko und ihre ehemalige Schwägerin, die Architektin Yuri. Sie ist aus Tokio angereist, um ihr für eine ihrer Holzskulpturen Modell zu stehen.

Wie ein langer ruhiger Fluss ergießt sich NAGI NOTES, und man muss schon einiges an Geduld mitbringen, um diesen Film goutieren zu können. Er besteht hauptsächlich aus Dialogen, ein Plot ist zunächst schwer erkennbar, und erst allmählich kristallisieren sich Handlungselemente heraus wie Yorikos noch nicht bewältigte frühere Beziehung zu einer anderen inzwischen verstorbenen Frau, deren Witwer Yoshihiro ebenfalls in Nagi lebt und mit dem sie inzwischen freundschaftlich verbunden ist. Dessen Teenager-Sohn Haruki besucht Yoriko regelmäßig mit seinem Freund Keita, zu dem er sich zunehmend hingezogen fühlt. Yoriko versucht, ihn emotional bei der Bewältigung seiner aufkeimenden Gefühle zu unterstützen.

Heimliches Begehren, unterdrückte Gefühle, unerwiderte Liebe kristallisieren sich als wiederkehrende Motive heraus, wobei die Außenwelt hier kaum eine Rolle spielt. Einzig die Geräusche einer nahe gelegenen Militärbasis und die kurze Erwähnung des Ukraine-Krieges weisen auf mögliche Konflikte hin. Vielmehr steht die Suche nach der eigenen Identität und den eigenen Bedürfnissen im Vordergrund, die in intensiven Dialogen umkreist und ausdiskutiert werden.

Einen Kontrapunkt zu den oft kopflastigen Filmen in Cannes setzte der südkoreanische Regisseur Na Hong-jin mit seinem Genre-Beitrag HOPE (MUBI). Unter den Darstellern des Science Fiction-Horror-Films mit rasanten Action-Elementen und komödiantischen Sidekicks sticht „Squid Game“-Starlet HoYeon Jung heraus, die ihren männlichen Kollegen glatt die Show stiehlt. Sie spielt eine Polizistin im Städtchen Hope, das sich plötzlich einer extraterrestrischen Gefahr ausgesetzt sieht. Ein riesiges Wesen mit gewaltigen Kräften, trampelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Lange bekommen wir das Monster nicht zu Gesicht. Vielmehr nehmen wir die Perspektive der Verfolger ein, unter anderem die des Polizisten Chief Bum-seo und einer Truppe bewaffneter Einwohner, die eine immer rasanter werdende Jagd auf das Ungeheuer machen. Als es gelingt, das Wesen zu töten und es zu obduzieren, wird klar: es ist nicht von dieser Welt, aber auch: es nicht alleine gekommen. Leider tritt der über zweieinhalbstündige Film irgendwann mit seinen endlosen Verfolgungsjagden auf der Stelle, da helfen auch Gastauftritte von Alicia Vikander und Michael Fassbender nicht weiter. Da wäre mehr drin gewesen, etwa als klar wird, was die Aliens antreibt.

Ein weiterer Genrefilm aus Asien war als Midnight-Screening zu sehen. Zehn Jahre nach TRAIN TO BUSAN kehrte der Südkoreaner Yeon Sang-ho mit COLONY (Plaion) nach Cannes zurück. Sein neuer Film spielt in einem Hochhaus, wo gerade ein wissenschaftlicher Kongress zum Thema “Kollektive Intelligenz” abgehalten wird. Hier infiziert der Biologe Seo, dessen Theorien zu dem Thema nicht beachtet wurden, seinen Professor mit einem Virus, der ihn zu einem Zombie mutieren lässt. Durch Bisse infiziert dieser weitere Kollegen. Zum Glück reagiert die Security rechtzeitig und kann das Gebäude abriegeln, doch drinnen bahnt sich ein Massaker an. Eine kleine Gruppe rund um die Biotechnologin Se-jeong kämpft ums Überleben und muss sich dafür schon einiges einfallen lassen. Was die Zombies so gefährlich macht, ist ihr Einsatz kollektiven Wissens. Sobald einer von ihnen etwas gelernt hat, verfügen bald alle Infizierten über die neuen Erkenntnisse. Einziger Ausweg aus diesem Dilemma ist es, Patient 1 zu finden, aber selbst hier hat Seo einen fiesen Trick eingebaut.

Es ist schon auffällig, dass in den letzten Jahren immer mehr Genrefilme auf Festivals eingeladen werden. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass viele Regisseure für ihre Verfilmung aktueller Probleme unserer Gesellschaft lieber das Horror-Genre wählen, um die Geschehnisse auf die Spitze treiben zu können, ohne sich Fragen nach Glaubwürdigkeit und Faktentreue stellen zu müssen. Leider arten diese Filme, die durchaus brennende Probleme unserer Zeit diskutieren, dann gerne mal aus, und flüchten sich am Ende ins Kintopp, anstatt den Problemen seriös auf den Grund zu gehen und Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten.

Mit Spannung erwartet wurde Hirokazu Kore-edas (BROKER, SHOPLIFTERS) neuestes Werk SHEEP IN THE BOX, das uns in eine futuristische Welt entführt. Darin geht es um ein Ehepaar, das seinen Sohn verloren hat und beschließt, einen humanoiden Roboter aufzunehmen. Dieser sieht so aus wie ihr siebenjähriger Sohn Kakeru zum Zeitpunkt seines Todes. Während sich Mutter Otone freut, endlich wieder ein Kind zu haben, geht Vater Kensuke erst mal auf Distanz. Kore-eda bleibt hier seinem Lieblingsthema treu: Was macht eine Familie aus? Hier stellt er zudem die Frage: Kann Technologie bei der Bewältigung von Trauer helfen? Abseits vom Fokus auf die Eltern entwickelt sich auch eine Nebenhandlung, die die Aufmerksamkeit auf die Kinder richtet. Kakeru freundet sich mit anderen menschlichen Kindern an, aber auch mit Roboter-Kindern, die vielfach von ihren Eltern vernachlässigt werden. Bald entwickelt sich unter ihnen eine Solidargemeinschaft, die ganz eigene Pläne verfolgt.

Kore-edas Antwort auf Spielbergs „A.I. – Artificial Intelligence” erzählt von Einsamkeit und Freiheitsdrang – mit schön anzusehenden Bildern, die naturgemäß eine gewisse Künstlichkeit haben, aber auch anrühren können. Insgesamt werden hier zwar interessante Fragen angerissen, jedoch nur unzulänglich weiterverfolgt, so dass sich angesichts hoher Erwartungen eine gewisse Enttäuschung breit macht und das Gefühl, hier wäre mehr möglich gewesen.

Soweit zum diesjährigen Wettbewerbs-Programm, aus dem der deutschsprachige Film mit drei Beiträgen und zwei Auszeichnungen erfolgreich hervorging. Aber auch die größte Nebenreihe, die Un Certain Regard, gewann ein deutschsprachiger Film: EVERYTIME (Eksystent) von Sandra Wollner. Birgit Minichmayr spielt darin eine Mutter, die bei einem tragischen Unfall ihre Tochter Jessie verliert. Gemeinsam mit ihrem Freund Lux büchst der Teenager kurz vor einem Teneriffa-Urlaub mit ihrem Freund aus und besucht eine Party. Als die Jugendlichen in den frühen Morgenstunden unter Drogeneinfluss ein Hochhausdach erklimmen, um den Sonnenaufgang zu sehen, fällt das Mädchen vom Dach. Fortan versucht die Familie, zu der auch die kleine Schwester Melli gehört, das Geschehene zu bewältigen, mit ihrer Trauer umzugehen und in den Alltag zurückzufinden. Sandra Wollner beobachtet ihre Protagonisten zurückhaltend, fängt ihr tägliches Leben mit kleinen Details authentisch ein und profitiert dabei von ihren vorzüglichen Schauspielern, allen voran Birgit Minichmayr und Lotte Shirin Keiling als Melli. Ein weiteres Plus sind die Bilder, die im Kontrast zum engen Radius der von Trauer geprägten Familie stehen und dem Film die nötige Weite verleihen.

Den Jurypreis in dieser Sektion gewann die deutsche Koproduktion ELEPHANTS IN THE FOG (Missing Films), das Regie-Debüt des nepalesischen Regisseurs Abinash Bikram Shah. Er entführt uns in ein kleines nepalesisches Dorf. An dessen Rand, tief im Wald gelegen, führt Pirati das Anwesen einer Kinnar-Gemeinschaft an. Die Kinnars sind ein uraltes, traditionelles Volk, das sich als drittes Geschlecht identifiziert. Sie werden für ihre Gaben geschätzt, aber auch gefürchtet, gemieden und insgeheim verachtet. Pirati träumt von einem Leben in Delhi, in dem sie heimlich eine Beziehung mit dem Mann führt, den sie trotz ihres Keuschheitsgelübdes trifft. Doch als eine ihrer ‘Töchter’ spurlos verschwindet und die Polizei sich gleichgültig zeigt, muss sie den Fall selbst in die Hand nehmen. Ihre Ermittlungen führen zu gefährlichen Spannungen im Dorf und Pirati muss sich am Ende zwischen der Liebe und dem Überleben ihrer Gemeinschaft entscheiden.

Abinash Bikram Shah führt uns in eine Welt, die für die meisten völlig unbekannt sein dürfte. Er zeigt die Lebensbedingungen der Kinnar, ihren täglichen Kampf um gesellschaftliche Akzeptanz und ihren Versuch, sich mit einer Elefantenfarm über Wasser zu halten. Die sengende Sonne und die Nähe zu diesen beeindruckenden Tieren schaffen ein hypnotisierendes Flair, dem man sich auch im Zuschauerraum kaum entziehen kann.

Die Queer Palm in dieser Reihe gewann TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA (MUBI) von Jane Schoenbrun, die hier versucht, das Splasher-Franchise CAMP MIASMA wiederzubeleben. Hannah Einbinder spielt eine Regisseurin, die den Auftrag erhält, einen beliebten Slasher-Film neu zu verfilmen. Dabei trifft sie auf den Star des Originals, gespielt von Gillian Anderson. Zusammen geben sie dem Genre eine neue lesbische Dimension, die in Cannes für allerlei Aufregung und ein mediales Pressegewitter sorgten. Sehr blutig, ziemlich durchgeknallt und zu hundert Prozent weiblich kommt da eine Slasher-Persiflage daher, bei der man schon das Original kennen sollte, um alle Zitate erkennen zu können. Spätestens wenn die Regisseurin im Film von der mysteriösen, zurückgezogen lebenden Schauspielerin besessen wird, die im Originalfilm das „Final Girl“ spielte, entsteigt ein ganz neuer Slasher der Leinwand. Die queere und genre-erfahrene Regisseurin Jane Schoenbrun offenbart hier ihre eigene nichtbinäre Transidentität und liefert eine vielschichtige Fantasie darüber, was nach der Überwindung der Geschlechtsdysphorie geschehen könnte.

Für skurrile französische Filme greift das Festival schon seit Jahren auf Quentin Dupieux zurück, der hier einst mit RUBBER debütierte und 2024 sogar den Eröffnungsfilm stellte. Trotz seines Erfolgs ist das französische ‘enfant terrible’ sich stets treu geblieben, und wenn er inzwischen auf bekannte Stars zurückgreifen kann, sind seine Filme stets ungewöhnlich und wenig kommerziell. Das kann man wohl auch von FULL PHIL behaupten, einer Groteske mit Kristen Stewart und Woody Harrelson in den Hauptrollen. Die beiden spielen ein Vater-Tochter-Duo, das versucht, sich wieder einander anzunähern, mit mittelmäßigem Erfolg. Um ihrer Beziehung wieder Schwung zu verleihen, sind beide nach Paris gereist. Vater Phil, ein reicher Geschäftsmann, hat eine gemeinsame Hotelsuite gemietet, doch vorsichtshalber mit getrennten Bereichen, was bald zum Streit führt, als Madeleine Phils Toilette verstopft. Der laute Streit zwischen den beiden ruft das Zimmermädchen Lucie auf den Plan, das fortan aus Sicherheitsgründen nicht mehr von Madeleines Seite weicht, sehr zum Ärger von Phil, der sich beobachtet und eingeengt fühlt. Während Madeleine sich auf einem DVD-Player einen alten Horrorfilm im Stile von „Der Schrecken vom Amazonas“ anschaut und permanent Essen in sich hinein stopft, wird Phil immer dicker. Draußen vor der Luxussuite formieren sich Massenproteste, als gesellschaftliches Äquivalent zur aus den Fugen geratenen Vater-Tochter-Beziehung. Dupieux vermischt in seinem dialoglastigen Kammerspiel Satire, Bodyhorror und weitere surreale Elemente. Obwohl die beiden Stars mit sichtlicher Spielfreude dabei sind, bleibt Dupieuxs neuestes Werk hinter den Erwartungen zurück.

Wichtige Filme mit zum Teil sehr ernsten Themen, die es nicht in den Wettbewerb geschafft haben, waren außer Konkurrenz zu sehen. So z.B. KARMA von Guillaume Canet: Jeanne hat eine unangenehme Kindheit hinter sich. Aufgewachsen ist sie auf einem Anwesen in der Nähe eines kleinen Dorfes in Südfrankreich, das von Marc angeführt wird. Er hat sich hier eine religiöse Community aufgebaut, die es ihm erlaubt, die Sektenmitglieder beliebig auszunutzen und auch sexuell zu missbrauchen. Jahrelang war Jeanne sein Opfer, doch dann gelang ihr die Flucht, wofür sie allerdings die beiden Kinder, die aus dieser unheilvollen Beziehung hervorgingen, zurücklassen musste.

In einem Dorf in Nordspanien hat sie ein neues Glück und eine neue Liebe gefunden. Zusammen mit Daniel, der nichts von ihrer dunklen Vergangenheit ahnt, hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. Doch als eines Tages Mateo, Jeannes sechsjähriger Patensohn, spurlos verschwindet, holen sie die Schatten ihrer Vergangenheit wieder ein.

Der französische Schauspieler und Regisseur Guillaume Canet hat diesen Fall wie einen Kriminal-Thriller inszeniert und den Stoff seiner ehemaligen Lebensgefährtin auf den Leib geschrieben. Tatsächlich hat Marion Cotillard hier schauspielerisch gesehen freie Bahn. Niemand schränkt ihren Aktionsraum ein, alle Probleme löst sie quasi im Alleingang. Während der Fall einer wahren Geschichte entsprungen sein könnte, inszeniert ihn Canet sehr kinoaffin, dafür aber wenig realistisch. Dabei geht der Film immer den extremsten Weg, anstatt auf die Polizei, setzt er auf Selbstjustiz und spart im Showdown nicht mit Gewalt, Feuer, Blut, um ein Happy End zu inszenieren, das der Tragweite des Stoffes nicht ganz gerecht wird.

Auf tatsächlichen Ereignissen beruhen dagegen die Geschehnisse, die im Film FORSAKEN (L’Abandon) geschildert werden. Am 16. Oktober 2020 fiel der Lehrer Samuel Paty an seiner Schule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine einem islamistischen Anschlag zum Opfer. Abdullah Ansorow, ein 18-Jähriger tschetschenischer Herkunft, tötete und enthauptete ihn auf offener Straße. Zuvor hatte ihn eine seiner Schülerinnen fälschlicherweise bezichtigt, im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen vorgelegt zu haben, darunter eine, die den Propheten mit nacktem Hintern zeigte. Tatsächlich hatte er jedoch zuvor den muslimischen Schülern freigestellt, den Raum zu verlassen, falls die Zeichnungen sie beleidigen könnten. Zudem war die Schülerin an diesem Tag gar nicht anwesend. Doch ihre Falschaussage setzt Entwicklungen in Gang, die zu einer Lawine werden. Ihr Vater ist so empört, dass er alle Behörden und Bekannte informiert und ein Video produziert mit dem Aufruf, ihn dabei zu unterstützen, dass der verantwortliche Lehrer aus dem Dienst entfernt wird. Bald erhält er Unterstützung des radikalen Islamisten Tahir, was den Fall endgültig viral gehen lässt und schließlich den Mörder auf den Plan ruft.

Vincent Garenq ist ein intensiver Film über den Fall gelungen, der sich eng an die tatsächlichen Ereignisse hält und eindringlich klar macht, wie schnell sich Falschinformationen im Netz zu einer gefährlichen Spirale der Gewalt entwickeln können. Gleichzeitig ist es auch eine Anklage gegen ein System, das Paty nicht ausreichend unterstützt, wie auch der Originaltitel L’ABANDON (Im Stich gelassen) andeutet. Dazu gehören neben zögerlichem Polizeischutz auch Lehrerkollegen, die sich von ihm distanzieren.

Mit CRESCENDO legt Agnès Jaoui den ersten eigenen Film nach dem Tod ihres Partners Jean-Pierre Bacri vor. Darin widmet sie sich der MeToo-Bewegung in satirischer Form und wählt als Hintergrund eine große Operninszenierung in einem südfranzösischen Amphitheater. Regisseurin ist die junge Influencerin Mirabelle, die Mozarts „Hochzeit des Figaro“ mit modernem feministischen Ansatz angehen will. Ihr Mentor und Geldgeber hat seine Tochter in einer der tragenden Rollen vorgesehen und als diese von einem arroganten Bariton sexuell belästigt wird, droht die Inszenierung aus dem Ruder zu laufen. Die Regisseurin selbst ist in der Rolle einer alternden Opern-Diva zu sehen. Gemeinsam mit Daniel Auteuil als Dirigent repräsentiert sie die ältere Generation, die die Anschuldigungen gelassen angeht und versucht, zwischen den divergierenden Ansichten zu vermitteln. Allzu tief taucht Jaoui allerdings nicht in das Thema ein. Ihr eher humorvoller Ansatz erschien einigen Kritikern dem ernsten Sujet nicht angemessen. Mag sein, doch die beeindruckende Kulisse und die prächtigen Kostüme gepaart mit einem unterhaltsamen Blick hinter die Opernbühne werden sicher einen Platz in den Filmkunstkinos erobern können.

Andy Garcia zeigte mit DIAMOND einen wunderschön altmodischen film noir, in dem er selbst die Hauptfigur, den Privatdetektiv Joe Diamond, spielt. Der hat sich im modernen Los Angeles ein Büro im Stil der 1950er Jahre eingerichtet, inklusive einer entsprechenden Empfangsdame. Hier nimmt er wie einst Philip Marlowe am liebsten Aufträge von hübschen aber undurchsichtigen Frauen (Vicky Krieps) an, deren Fälle die hiesige Polizei nicht zu lösen vermag. Mit seinem Oldtimer fährt er zum Tatort, um Fotos mit seiner Pocketkamera zu machen. Während die Kollegen von der Spurensicherung ihre Handyfotos analysieren, entwickelt er seine Aufnahmen im heimischen Labor. Mag sein, dass Diamond langsamer ist, dafür schaut er genauer hin und findet Details, die den örtlichen Chef-Ermittler ein ums andere Mal verblüffen.

Andy Garcia ist ein wunderbar nostalgischer Film gelungen, der mit der dazugehörenden Musik, der Ausstattung und der Kostüme eine Zeit auferstehen lässt, in der Probleme noch lösbar waren. Mag sein, dass diese Welt ein wenig schrullig ist, aber nicht mehr als die bonbonbunte Tik Tok-Welt von Los Angeles, die er ihr gegenüber stellt.

Als Cannes-Premiere außerhalb des Wettbewerbs war auch Volker Schlöndorffs HEIMSUCHUNG (Studiocanal) nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck zu sehen. Er erzählt von einem Grundstück an einem See nahe Berlins und beobachtet drei Familien, die hier von 1930 bis zum Fall der Mauer lebten. Anfangs Brachland, wird es von einer jüdischen Tuchmacherfamilie, die es zu bescheidenem Reichtum gebracht hat, und einem jungen Architekten-Ehepaar bebaut, das der Großstadt entfliehen und sie dennoch schnell erreichen können will. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges kommt die jüdische Familie unter Druck und verkauft ihre Hälfte an die deutschen Nachbarn, um ihre Flucht zu finanzieren. Doch sie sind zu langsam und unschlüssig, um dem Konzentrationslager entgehen zu können. Nach dem Krieg bekommt der Architekt einen lukrativen Auftrag aus dem Westen und verlässt das Anwesen, das in der Folge von den ostdeutschen Behörden beschlagnahmt und der Familie einer erfolgreichen Schriftstellerin zugeschlagen wird. Doch auch sie kann hier keine Wurzeln schlagen. Mit der Wende beanspruchen die Erben des Architekten den idyllischen Ort, und wenn die Bulldozer anrollen, haben wir eine Vorstellung davon, was an Familiengeschichte und Tradition hier einfach ausgelöscht wurde. Schlöndorff gelingt nicht nur ein einfühlsames Porträt deutscher Familientradition, sondern auch eine Metapher, die klarmacht, was der Westen dem Osten nach der Wende angetan hat.

Zum Schluss noch ein Schmankerl: Als Special Screening war Steven Soderberghs JOHN LENNON: THE LAST INTERVIEW zu sehen, der gut als alternativer Content in unsere Kinos kommen könnte. Wer sich fragt, ob wir noch einen Beatles-Film in unseren Kinos brauchen, sollte die historische Brisanz, die dieser Film mitbringt, nicht unterschätzen. John Lennons letztes Interview war eines seiner wenigen Radio-Interviews, die er je gegeben hat. Zusammen mit seiner Frau Yoko Ono stellte er sich drei namhaften Journalisten, die extra nach New York eingeflogen wurden. Einer der drei flog danach wieder zurück nach San Francisco, doch bevor er Zuhause ankam, war Lennon schon tot.

So wurde dieses Interview zu einer Art Vermächtnis. John & Yoko reden über ihre Karriere und Politik, aber auch über Persönliches, wie ihre Beziehung und ihre Elternschaft.

Soderberghs Meisterleistung liegt darin, dass er alle Statements, die es bisher ja nur auf Audio gab, in einem Mammutwerk mit entsprechenden Bildern und Musik unterlegt. So entsteht ein beeindruckendes Dokument, das Lennons Entwicklung vom Musiker zum politisch verantwortungsvollen Menschen zeigt. Der Film erinnert uns an die Werte der 1980er Jahre und hinterlässt uns am Ende etwas traurig im Kinosaal, wenn klar wird, dass damals eine Stimme verstummt ist, die uns noch viel zu sagen gehabt hätte.

Insgesamt fällt unser Fazit etwas gespalten aus. Das Fehlen der großen Studios hätte eine Chance für das Independent-Kino sein können, die nur teilweise genutzt wurde. So fehlen die großen Filme, von denen man sicher sein kann, dass sie im Arthaus erfolgreich sein werden. Es gab aber auch viele Perlen, die es zu entdecken lohnt. Schließlich hätten wir bei THE ZONE OF INTEREST auch nicht gedacht, dass er der besucherstärkste Film des Jahres in unseren Kinos werden würde.

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