Draussen am See

Gleich eine ganze Fülle an Problemen in einer aus dem Gleichgewicht geratenen deutschen Durchschnittsfamilie werden im Spielfilmdebüt von Felix Fuchssteiner aufgetischt. Da kann’s dann schon mal sein, dass mancher Konflikt etwas ins Hintertreffen gerät. Deutlich wird aber, wie Jugendliche unter der Unreife, Überfürsorge und vor allem Überforderung ihrer Eltern zu leiden haben und dabei folgenschwere Entscheidungen treffen. Die Verhältnisse sind hier nicht ganz so desolat und grotesk wie in „Die Entbehrlichen“, die Wirklichkeit und die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse jedoch nicht minder krass.

Webseite: www.draussen-am-see.de

Deutschland 2009
Regie: Felix Fuchssteiner
Mit: Elisa Schlott, Michael Lott, Petra Kleinert, Sina Tkotsch
105 Minuten
Kinostart: 4.11.2010
Verleih: mem-film berlin
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die 14-jährige Jessika (Elisa Schlott) beschreibt ihre Familie als ein künstlich erschaffenes Biotop, in dem es bei einer Veränderung der Grundtemperatur dazu kommen kann, dass das Leben in ihm aus dem Gleichgewicht gerät und sämtliche Lebewesen verenden können. Gedanken wie diese notiert Jessika immer wieder in ihr Tagebuch, bzw. kommentiert damit aus dem Off, was symbolisch für die Veränderungen in ihrer „normalsten und langweiligsten Familie“ stehen soll. Aus dem Gleichgewicht gerät der Familienfrieden, nachdem Papa Ernst Borowski (Michael Lott) seinen Job verliert, dies aber erst 14 Tage später während eines der traditionellen Wochenenden der Familie im kleinen Ferienhaus am See mitteilt.

Unzufrieden mit seiner Situation nervt er in der Folge seine Frau (Petra Kleinert) und spielt sich gegenüber den Töchtern als Beschützerpapa auf, indem er Jessikas beginnende Liebe zum neuen Nachbarsjungen auf lächerliche Weise untersagt. Vom coolen und netten Cowboy, der Borowski gerne sein möchte, ist bald schon nichts mehr zu spüren, wandelt sich der einst geliebte Papa doch bald zur zynischen und ekligen Spaßbremse, der mit seinem Schicksal hadert und sich von seinen Mitmenschen emotional immer mehr entfernt. Als Höhepunkt seiner Unzufriedenheit behandelt er die Mutter seiner beiden Töchter wie Abschaum – mitunter auch, weil er es nicht ertragen kann, dass sie plötzlich mehr verdient als er in seinem neuen Job als Wachmann.

Statt zu bemerken, dass seine Frau offensichtlich wieder schwanger ist, beleidigt er sie wegen ihrer Körperfülle. Außerdem kommt heraus, dass weder Jessika noch ihre Schwester (Sina Tkotsch) offenbar Wunschkinder waren. Die wiederholten Stiche treffen auch Jessika ins Herz. In ihrem Schmerz ritzt sie sich immer wieder die Arme mit einer Rasierklinge auf, dem Tagebuch vertraut sie ihre Beobachtungen und ihre Gefühlslage mit Metaphern wie jenem vom künstlich erschaffenen Biotop an. Auf Dauer klingen diese Anmerkungen und Weisheiten jedoch altklug und vorgeblich eine poetische Note erheischend, mehr noch, als sie vermehrt als verschlüsselte Botschaften der verstörenden Ereignisse zitiert werden.

Als hinge der Familiensegen ohnehin nicht schon unrettbar schief, kommt Felix Fuchssteiner nun erst, in der zweiten Hälfte des Films, zu jener Problematik, die ihn ursprünglich zu seiner Geschichte motiviert hat. Es geht dabei um Neonatizid, die Tötung eines neugeborenen Kindes. Mit dieser Tat kulminiert das Zusammentreffen der bisherigen Ereignisse. Doch abgesehen von der Tötung selbst und der Vertuschung des Verbrechens durch die in ihrer eigenen Problemwelt gefangenen Eltern geht Fuchssteiner nicht weiter auf die Hintergründe dieser gravierenden Persönlichkeitsstörung der Mutter ein. Das Totschweigen der Ereignisse lässt nun jedoch auch Jessika eine fatale Entscheidung treffen. Dass sie und ihre Schwester am Ende die Kurve auf ihre eigene Weise kriegen, wirkt allerdings wie eine Flucht des Regisseurs, sich eingehender – etwa von psychologischer Seite – mit seinem ursprünglichen Motiv, dem Phänomen der Kindstötung, zu befassen.

Gleichwohl überzeugt in diesem Problemchaos Elisa Schlott in ihrer Rolle des natürlichen, sich nach Harmonie und Wärme sehnenden jungen Mädchens, das ganz auf sich gestellt bleibt und eine Art ruhenden Pol in dieser dramatischen Geschichte bildet. Dass die Optik mehr den Kriterien eines Fernsehspiels entspricht, mag hingegen auch mit den Produktionsbedingungen zu tun gehabt haben. Nachdem „Draußen am See“ ursprünglich eine Drehbuchförderung erhalten hatte, erfolgte die weitere Realisierung dieses in Teilen aufwühlenden Spielfilmdebüts ohne weitere Fördermittel und Senderbeteiligung auf Low- bis No-Budget-Basis. Statt wie die Protagonisten einfach wegzusehen, heißt es für die Zuschauer dieses Films hinsehen und anschließend diskutieren.

Thomas Volkmann

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