Drei Affen

Eine unheilvoll bedrückende Stimmung beherrscht Nuri Bilge Ceylans 2008 in Cannes mit der besten Regie ausgezeichnetes Drama. Es erzählt von der Familie eines Chauffeurs, der Geld dafür bekommt, für eine von seinem Chef begangene Fahrerflucht mit tödlichem Ausgang die Schuld auf sich zu nehmen. Dies aber bleibt nicht das einzige Vergehen, das die drei Familienmitglieder einfach so hinnehmen – und sich dabei wie die drei sprichwörtlichen Affen benehmen. Die Last ihres Schweigens, Wegsehens, Ignorierens aber liegt tonnenschwer auf ihren Seelen. Die Kamera versucht, in sie hineinzublicken.
Bei den Filmfestspielen in Cannes 2008 ausgezeichnet mit der Palme für die  „ Beste Regie“

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Üc Maymun
Türkei/Frankreich/Italien 2008
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Mit: Hatice Aslan, Yavuz Bingöl, Ahmet Rifat Sungar, Ercan Kesal
109 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 19.3.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

So schlaftrunken, wie der Politiker Servet (Ercan Kesal) am Steuer seines Wagens in der Eingangssequenz über eine einsame Landstraße durch die Nacht fährt, scheint ein Unglück nicht weit. Den Zusammenprall mit einem Fußgänger erspart Nuri Bilge Ceylan dem Zuschauer. Folgen aber hat die Fahrerflucht nicht für den im Wahlkampf stehenden Machtmenschen, sondern für dessen Chauffeur Eyüp (Yavuz Bingöl). Der bekennt sich an Stelle seines Chefs der Tat, soll zum Ausgleich für die neun Monate im Gefängnis aber ein stattliches Honorar erhalten. Geld, das die Familie gut gebrauchen kann. Geld, das sie selbstverständlich auch zum Schweigen verpflichtet.

 

Nun ist der erste Eindruck, den man von der in einem heruntergekommenen Haus an einer Bahnstrecke am Goldenen Horn vor den Toren Istanbuls lebenden Familie bekommt, nicht unbedingt der von miteinander glücklichen Menschen. Man spürt: das Ehepaar hat sich nicht mehr wirklich etwas zu sagen, der langsam erwachsene Sohn (Ahmet Rifat Sungar) seinen eigenen Kopf. Nicht verwunderlich also, als die Ehefrau Hacer (Hatice Aslan) eines Tages ein Verhältnis mit dem Politiker beginnt. Allerdings beobachtet ihr Sohn den Seitensprung zufällig, was die verschlossene Stimmung innerhalb der Familie, auch nach der Rückkehr Eyüps aus dem Gefängnis, noch bedrohlicher werden lässt.

Während die symbolische Bedeutung der drei ursprünglich der japanischen Mythologie entstammenden Affen im Buddhismus ein eher positiv konotiertes „über etwas Schlechtes hinwegsehen“ bedeutet, sehen westliche Kulturkreise darin mehr ein „nicht wahrhaben wollen“. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – so verhalten sich denn auch die Familienmitglieder in ihrer aus emotionalen, sexuellen und finanziellen Abhängigkeiten bestehenden Situation. „Drei Affen“ wird somit zu einem höchst wortkargen Drama über Menschen, die in ihrem Schicksal und ihrem Schmerz erstarren.

Diesem Schmerz, und das ist die große Leistung dieses Films, spürt der 1959 in Istanbul geborene Regisseur („Jahreszeiten“, „Uzak“) mit Bildern und Einstellungen nach, die ihm zurecht Vergleiche mit großen Filmkünstlern wie Antonioni, Tarkowski und auch Bergman eingebracht haben. Mit einem farbentsättigtem Look, aus dem das rote Licht der nahen Leuchttürme oder auch von Bluttropfen kontrastreich hervorstechen, dazu noch die oft wolkenschweren Panoramablicke, macht Ceylan die erdrückende Stimmung deutlich. Und er steigert sie, indem er auf beschwichtigende Musik verzichtet, dafür aber Umweltgeräusche wie am Haus vorbeifahrende Züge, Gewitterdonner, Wind oder das Aufglühen gerauchter Zigaretten geradezu unheilvoll verstärkt.

Als wären sie Geister, schleichen die Figuren hier also durch ihr Leben, paralysiert, verloren. Immer wieder zeigt Ceylan das auch beim Blick in die Gesichter und auf die Körpersprache der mit großer Zurückhaltung spielenden Darsteller. Was tatsächlich in deren Köpfen vorgeht, diesen Ball indes spielt er dem Zuschauer zu, gibt an zwei Stellen aber auch Andeutungen, dass sich möglicherweise schon vor dem Deal mit dem Politiker etwas ereignet haben könnte, was zur Entfremdung der Eheleute von- und zum beschädigten Verhältnis der Familienmitglieder zueinander geführt haben könnte. Einfach macht es Ceylan dem Zuschauer in dieser kunstvoll inszenierten Beziehungsstudie also nicht.

Thomas Volkmann

Der türkische Politiker Servet schläft nachts am Steuer seines Wagens ein. Unfall. Ein Mensch ist tot, Servet ist schuld. Er entledigt sich jedoch geschickt seiner Verantwortung, denn er überredet Eyüp, der für ihn als Chauffeur arbeitet, die Schuld auf sich zu nehmen und die zu erwartenden neun Monate Strafe Gefängnis abzusitzen. Gegen reichliche Bezahlung, versteht sich. 

Eyüps Frau Hacer und sein Sohn Ismail sind nun allein, irritiert und unsicher, ob das versprochene Geld auch wirklich eintreffen wird. Die Einsamkeit dauert allerdings nicht lange. Denn eines Tages stellt Ismail unerwartet fest, dass – der verheiratete – Servet sich aus Hacers Zimmer schleicht. Sie ist seine Geliebte geworden.

Eyüp wird aus der Haft entlassen. Er weiß nichts Genaues. Aber Zweifel quälen ihn ständig. Das Verhältnis zwischen ihm und Hacer steht auf der Kippe.

Denn die hat offenbar begonnen, Servet zu lieben. Der jedoch hat genug, will von ihr nichts mehr wissen, beschimpft und bedroht sie, weist sie brutal von sich.

Für Ismail aber scheint ein alter Ehrenkodex zu gelten. Er bringt Servet um. 

Ein Schuldiger für dessen Verschwinden muss her. Für Eyüp, Hacer und Ismail ist die Lage trostlos – innerlich wie äußerlich. Vielleicht kann Eyüp den armen, von seiner Familie mehr oder weniger im Stich gelassenen obdachlosen Bayram veranlassen, sich schuldig zu bekennen, denn im Gefängnis, so Eyüp, gebe es immerhin drei Mahlzeiten am Tag.

Nuri Bilge Ceylans guter Ruf als Regisseur ist von früheren Filmen her schon gemacht.

Die Sonne scheint so gut wie nie in dieser unheilschwangeren Geschichte mit dem sehr bedächtigen Rhythmus. Bedrückend, gespannt, bedrohlich ist die Atmosphäre – angesichts der vorgegebenen Handlung muss sie es sein. Das ständige Klingeln des Handys kann einem hier Herzklopfen verursachen. Die Realität ist gar nicht so weit, weder was die exakt getroffene Stimmung noch was das Spiel der Darsteller betrifft. Sowohl Yavuz Bingöl (Eyüp) als auch Hatice Aslan (Hacer) und Ahmet Rifat Sungar (Ismail) überzeugen. Nuri Bilge Ceylans türkisches Ehedrama. Tragische Verstrickungen, atmosphärische Dichte und jedenfalls künstlerische Qualität. 

Thomas Engel